JESUS UND DIE PHARISÄER
Der Konflikt zwischen
Jesus und den Pharisäern
als
Ausgangsparadigma für eine
antireligiöse Hermeneutik
Mathias Graul
Schriftenmission "Antipas"
Staatsunabhängige Protestantische
Evangeliumsverbreitung
Einleitung:
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Was durch diese Abhandlung gezeigt werden soll
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Was ist Hermeneutik?
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Die Bedeutung der Doppelnatur Jesu für die systematische Theologie
1) Relativismus und Dogma - zwei entgegengesetzte Ausgangspunkte
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Spezielle oder generelle Hermeneutik
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Dogmatische "Voreingenommenheit" und das Prinzip der
Grundannahme
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Das Prinzip der Objektivität
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Der Mißbrauch des Reformations-Mottos "Sola Scriptura"
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Hermeneutik und der Heilige Geist
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Das Prinzip der Kanonisierung
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Was kritisiert werden sollte
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Das Prinzip der Motivation und des Willens
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Die Beziehung mit der Welt als Motivationsfaktor
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Das Realitätsprinzip
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Geistliches und ungeistliches "Richten"
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Das Autoritätsprinzip
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Befehle bezüglich der Sauerteige als Motivationsfaktor
2) Religion und Evangelium - Zwei
entgegengesetzte hermeneutische Systeme
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Die Monopolisierung Gottes
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Die Schaffung eigener Bünde
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Geistliche Ersatzprodukte und Formalismus
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Das Prinzip der Verfolgung durch Kain - Allegorisierung: Ja oder Nein?
3) "Die Schrift recht teilen" auf
biblische Weise
- Die Übergeordnetheit der
Worte Jesu und des Gesetzes Gottes
über die religiösen Worte und über die Gesetze der Religion
- Die Rolle, das Ziel und
der Gebrauch der Gesetze und die hierarchische Rangordnung
der Gesetze untereinander
- Gesetz und Gnade
- Literalistisch-dogmatische
Exegese
- "Literalismus"
gegen "Letterismus"
Zusammenfassung:
Missiologischer Ausblick
Einleitung:
Was
durch diese Abhandlung gezeigt werden soll
Vorliegende
Untersuchung zum Thema Hermeneutik behandelt nur am Rande verschiedene im Laufe
der Geschichte aufgetretene Hermeneutikarten. Vordringlichstes Ziel dieser
Arbeit ist es, Grundzüge eines möglichen alternativen hermeneutischen
Grundmodells aufzuzeigen. Es geht um eine Hermeneutik, die sich u.a. an den
Grundwahrheiten, die in dem Konflikt zwischen Jesus und den Pharisäern deutlich
werden, orientiert. Dieser Konflikt soll dabei nur ein Ausgangspunkt sein, er
wird, durch ein Anwenden darin illustrierter Grundwahrheiten, ausgeweitet auf
einen Konflikt zwischen Religion und Evangelium, zwischen gnostischer und
christlicher Realitätswahrnehmung, zwischen platonischer und paulinischer
Epistemologie, zwischen Apolloniarianismus und Arianismus auf der einen und
einer altkirchlichen Sicht der Doppelnatur Jesu auf der anderen Seite. Diese
Hermeneutik soll somit zu einer Bibelauslegungsmethode werden, die auf
biblischer Lehre und altkirchlichen Dogmen beruht.
Daß
dabei die Unzulänglichkeiten bestehender hermeneutischer Systeme gelegentlich
beleuchtet werden, ist unvermeidlich. Es wird dem Liberalismus der Anspruch
geraubt, alleiniger Grundleger einer christlichen Religionskritik zu sein.
Gleichzeitig werden "Buchstabenausleger" mit von ihnen unbewußt
vertretenen unbiblischen Grundmotivationen konfrontiert. Diejenigen, die also
hier auf eine Polarisierung von fundamentalistisch gegen liberal oder umgekehrt
hoffen, werden durch diese Arbeit somit leider enttäuscht werden. Es werden
sich hier nämlich beide Richtungen in gewisser Weise im gleichen Boot
wiederfinden: Sowohl der Liberalismus als auch ein in der Folge beschriebener
falsch-religiöser Fundamentalismus werden entlarvt als Versuche, sich vor dem
Kampf für das Evangelium und gegen die Religion zu drücken.
Es
gehört zu einer der sich ständig wiederholenden Kuriositäten in der
Hermeneutikgeschichte, daß die Auslegungsart derjenigen, die sich am meisten
mit ihrer "Bibeltreue" brüsten, auf völlig unbiblischen
Ausgangsdogmen beruht. Gerade die, die vorgeben, keine Dogmen als
Voraussetzung, als Voreingenommenheit für die Textinterpretation zuzulassen, haben
sehr wohl auch Dogmen, die sie hermeneutisch voreingenommen machen, und zwar
Dogmen, die sie nicht klar definieren und deren sie sich nicht bewußt sind, die
man aber dennoch klar identifizieren kann. Darauf werden wir im Kapitel über
"Letterismus" (Buchstabenglauben) kommen, wo wir eine sich als
"bibeltreu" bezeichnende Haltung unter die Lupe nehmen, die dazu
führt, daß man Hermeneutik und Theologie im Grunde gänzlich ablehnt und so zu
einer Antihermeneutik und Antitheologie kommt.
Auf
die Idee zum Schreiben dieser Abhandlung (die ich 1994 auf rumänisch als meine
Diplomarbeit abfaßte, 1996 übersetzte und in der Folge weiter ausarbeitete) kam
ich, als ich die Reaktionen meiner Mitschüler auf die Ergebnisse einer
Hebräisch-Exegese-Übung über das Buch Jona beobachtete, die wir im Rahmen eines
Hebräischkurses am Institutul Biblic Emanuel in Oradea, Rumänien, durchführten.
Das Bemerkenswerte war nun, daß, obwohl alle aufgrund der
sprachlich-exegetischen Untersuchungen ganz klar den polemischen Unterton im
Buch Jona erkennen und so ahnen mußten, daß dort von mehr die Rede ist, als von
einem Juden, der auf wunderbare Weise von Gott bewahrt wird; viele sich in
scheuklappenhafter Manier vor dem Durchdenken einer möglichen parabolischen
Auslegung (die vom Lehrer nicht vertreten, aber doch aufgezeigt wurde) von
vorneherein abschotteten. In der letzten Stunde zu diesem Thema meinte einer
ganz offen: "Und ich glaube doch, was ich schon in der Sonntagsschule
gelernt habe: Das Buch Jona handelt von einem Mann Gottes, der zwar ungehorsam
war, aber von Gott durch diesen Fisch gerettet wurde, im Bauch des Fisches
genau dieses Gebet, das im Text wortwörtlich dasteht, wortwörtlich gebetet hat,
und alles andere halte ich für Spekulationen!".
Mit
diesem "anderen" meinte er Hinweise aus eben diesem
"wortwörtlichen" Text, die darauf hindeuteten, daß unabhängig davon,
ob Jona 2,3-10 in einem Fischbauch gebetet wurde oder nicht, dieses Gebet kein
Muster gottgewollter Frömmigkeit sondern eher eine Karikatur selbstgerechter
Frömmigkeit darstellt, die der Schreiber der Geschichte geschickt in den
Kontrast stellt zu den Heiden, die sich an der Wasseroberfläche bekehren
(1,16), was ein persönlich im Bauch des Fisches[i] sich befindender Autor nicht hätte
mitbekommen können. Auch das in diesem Falle mögliche Argument, daß eine
Identifikation des Buches Jonas als didaktische fiktive Erzählung[ii], die dessen wortwörtliche Inspiration
durch den Heiligen Geist nicht in Frage stellte, sondern eher bestätigte (der
Heilige Geist ist ja um Buße[iii] und nicht um zoologische Kuriositäten und
Guinness-Buch-Rekorde bemüht), ließ er nicht gelten. Obwohl auch ich selbst
zurückhaltend wäre mit der Behauptung, das Buch Jona sei eindeutig eine
geistlich motivierte Erfindung[1] (müßte dies doch die Frage aufwerfen, wo
die Grenze zwischen parabolisch und historisch zu ziehen sei; am Ende sei dann
z.B. auch Moses Bericht von der Sintflut nur eine didaktisch motivierte
Erfindung), so machte mich dieser Rückzug meines Mitschülers auf ein pur
phänomenologisch-oberflächliches Textverständnis im Falle des Buches Jona
sensibel für die damit zusammenhängende hermeneutische Problematik. Eine an
dieser Stelle hilfreich gewesene Differenzierung der Begriffe
"liberal", "Verbalinspiration", "spekulativ",
"gleichnishaft", "allegorisch", usw. versuchte ich nun in
der Folge durch diese Arbeit nachträglich anbieten zu können.
Das
Interesse an einer antireligiösen Hermeneutik wurde durch die Lektüre von Georg
Huntemanns Buch "Der andere Bonhoeffer" noch verstärkt. Oftmals ist
das Christentum für andere nicht überzeugend, sondern wird zu Recht als
Betrügerei und Manipulation empfunden, wenn es sich von der Religion hat
umwandeln lassen in ein System von Illusionen[iv], die vom "postmodernen",
"mündigen" Menschen[v] abgelehnt werden. Nun muß man
nicht erst das Christentum zurechtstutzen, um es dem modernen Menschen
schmackhaft zu machen; es muß vielmehr gezeigt werden, daß das Christentum, so
wie es im Grunde ist, schon von sich aus das enthält, was auch der moderne, die
Religion ablehnende Mensch, will (bzw. wollen würde, wenn er wüßte, was es
ist). Die antireligiöse Hermeneutik raubt der religiösen Karikatur und
Fälschung des Christentums ihre vermeintlich biblischen Argumente und legt das
eigentliche Fundament der Bibel frei, das von Anfang an ein gegen die Religion
gerichtetes Fundament ist. Unter "Religion" verstehen wir in dieser
Abhandlung immer die Art von Frömmigkeit, bei der der Mensch sich selbst
Errettung, Heiligung, Gesetz und Evangelium zurechtbastelt und so den von Gott
bereiteten Bund und Heilsweg verwirft.
Das
Wort Gottes ist Dynamit. Wenn jedoch die Zündschnur nicht gefunden wird, wird
das Dynamit nicht explodieren. Hermeneutik ist die Wissenschaft, die sich mit
der Auffindung der "Zündschnur" der Bibel befaßt, sowie (nicht nur in
ihrer Ausdehnung auf Apologetik und Missiologie) mit der Frage, wo die
"Bombe" plaziert werden soll. Eine in den leeren Raum geworfene Bombe
wird keine großen Veränderungen bewirken können. Die "Bombe" muß dort
"losgelassen" werden, wo falsches Denken (verursacht durch falsche
Bibelauslegung) sein Unwesen treibt, wo Aberglauben die Gemüter verdunkelt, wo
Christen ein x für ein u vorgemacht wird. Damit läuft die Hermeneutik Hand in
Hand mit dem Evangelium. Die Botschaft des Evangeliums bzw. das, was Paulus
als "gesunde Lehre" bezeichnet, ist ja gegen etwas gerichtet: Gegen
Aberglauben, gegen trügerische und verhängnisvolle Illusionen, gegen faule Ausreden,
gegen unbegründete Ängste. Alle diese Dinge, gegen die die "gesunde
Lehre" gerichtet ist, können mit dem Begriff "Religion" in
Verbindung gebracht werden, sind sie doch allesamt Gründe für das Entstehen,
Symptome bzw. Auswirkungen selbsterwählter, menschlich-dämonischer
Frömmigkeit. Die Religion ist ein komplexer, feingliedriger Auswuchs von nichts
anderem als der Lüge, deren Vater der Teufel ist. Die illustrativsten und
spitzfindigsten Vertreter der religiösen Menschen sind die Pharisäer und
Schriftgelehrten, die zu Jesu Zeiten gelebt haben.
Eine
Hermeneutik, die von der Einsicht der Notwendigkeit der Bekämpfung des
Religiösen getrieben wird, kann nicht relativistisch sein. Sie muß dogmatisch
sein oder werden, an Dogmen orientiert sein oder nach normativen Dogmen
Ausschau halten. Heute zucken die Exegeten jedoch bei dem Begriff
"dogmatisch" zusammen. Mit Abscheu verweisen sie auf die Mißbräuche
von Bibeltexten, die im Laufe der Kirchengeschichte begangen wurden aufgrund
von Fällen dogmatischer Exegese. Deshalb verurteilen sie heute jedwede Art von
dogmatischer Exegese, übersehen aber dabei, daß in jenen bekannten Fällen von
Mißbräuchen dogmatischer Exegese die zugrundeliegenden Dogmen religiöser
Natur waren. So verdammt man heute denjenigen, der durch eine Brille
dogmatischer Voreingenommenheit blickt und dann Exegese treibt. "Dem Text
soll erlaubt werden, zu sagen, was er sagen will, wir analysieren ihn nur
leidenschaftslos und vorurteilslos"; so lautet die vielgepriesene Devise
heute. Natürlich müssen wir einen Bibeltext in dessen literarischen und
historischen Zusammenhang untersuchen, bevor wir zu einer Auslegung übergehen.
Aber die Entscheidung, Exegese ohne Voreingenommenheiten zu treiben, ist
ihrerseits eine dogmatische Voreingenommenheit. Das betreffende Dogma könnte
folgendermaßen formuliert werden: "Es ist nicht nötig, in irgendeine Richtung
motiviert zu sein, um den Text zum Leben zu erwecken. Es reicht die sprachliche,
grammatische, literarische, rhetorische Analyse." Diesem Dogma stellen wir
ein anderes gegenüber: "Es ist nötig, verschiedene Motivationen für das
Verständnis auszuprobieren, um einen beliebigen Bibeltext theologisch ausloten zu können und ihn so lebendig und relevant
für Gemeinde und Welt zu machen."
Um
einen Text vor dem gewaltsamen Ausgeschlachtet-Werden zu bewahren, muß nicht gleich
Exegese und systematische Theologie getrennt werden. Vielmehr muß dafür
eingetreten werden, daß systematische Theologie bzw. hermeneutische
"Vorurteilsdogmen" biblischen Prinzipien entsprechen und nicht dem
Zeitgeist der Standpunktslosigkeit. Deshalb versuchen wir in dieser Abhandlung
einige biblische Prinzipien für die Hermeneutik aufzuzeigen. Wir werden auch
unbegründete Mißverständnisse sowie wirkliche Probleme erörtern, die mit dem
Begriff "dogmatisch" zusammenhängen.
In
gewissem Sinn sollte der Exeget tatsächlich "neutral" sein.
"Neutral" darf aber nicht heißen, von einem absolut leeren Raum
ausgehen zu wollen. "Neutral" sollte statt dessen bedeuten, mehrere
mögliche Vorurteilsdogmen gegeneinander abzuwägen und erst dann für eines
dieser Dogmen Feuer und Flamme zu sein. Der Exeget aber, der überhaupt kein
Vorurteilsdogma haben will, wird in keinerlei Richtung motiviert sein zu
gehen, und wird somit auch nicht die wahre Absicht und die wirkliche Aussage
des behandelten Bibeltextes erfassen, denn 1) ist er ohne Feuereifer praktisch
kaum in der Lage, lange Zeit an dem Text zu arbeiten, 2) wird er unbewußt von
bereits existierenden Vorurteilsdogmen beeinflußt[vi] und wird 3) nicht in der Lage sein, den
Text auch gegen sich selbst zu lesen.
Leider
zieht man es heutzutage vor, belanglose Exegese zu betreiben, die sich davor
scheut, einen Text auf eine aktuelle geistliche Situation anzuwenden. Wie sich
auch die Juden zu Zeiten der Apostel darüber geärgert haben, mit welcher
"Freiheit" z.B. Paulus das Alte Testament auf Jesus hin auslegte, so
regen sich heute die zum hermeneutischen Status Quo gehörenden
"Exegeten" darüber auf, wenn es mal jemand wagt, mehr aus einem Text
herausholen zu wollen als nur eine trockene Betrachtung über den geschichtlichen
Hintergrund. Mühsam sucht man sich Informationen aus Bibelkommentaren heraus,
womit man anderen den Weg zur Offenbarung nur noch erschwert, erweckt man doch
durch sein Vorgehen den Eindruck, ohne Kenntnis über den geschichtlichen
Hintergrund sei die Offenbarung Gottes nicht zu verstehen. Wird man von
jemandem konfrontiert, der in prophetischer Weise das Wort auf die Hörer
anwendet, schüttelt man entrüstet den Kopf und sagt "Solches ist noch nie
in Israel gesehen worden!" (Mt. 9, 33b). Hier soll nun nicht einer
gewissen Feindschaftlichkeit gegenüber allem Akademischen das Wort geredet
werden. Aber alle exegetische Arbeit muß doch in erster Linie die
darauffolgende Frucht im Heiligen Geist zur Folge haben und nicht das Lösen
z.B. der Frage, wann genau der Galaterbrief geschrieben wurde.
Die
Unfähigkeit, den Bibeltext gegen sich selbst zu lesen, ist symptomatisch für
den religiösen Menschen. Der religiöse Mensch sieht immer die Phrase "Gott
mit uns" in der Bibel und bezieht diese Phrase, ohne zu reflektieren, auf
sich selbst. Somit fällt der Exeget selbst in die Falle der Religion, durch
seine dogmatisch-motivationale Gleichgültigkeit und seine Weigerung, gegen die
Religion mitzustreiten.
Um
mit Begeisterung an die Arbeit gehen zu können, benötigt der Exeget Anstöße,
die die Lawine der Fragen und Denkvorgänge ins Rollen bringen. Außerdem liegt
es in der Natur vieler Bibelstellen, daß sie sich mit etwas im Widerstreit
befinden. Deshalb muß der Exeget verschiedene mögliche Seiten eines Streites
probeweise einnehmen, um so mit größerer Sicherheit die vom Text vertretene
Seite finden zu können. Da diese Seite eine Meinung vertreten kann, mit der
der Exeget selbst vorher nicht sympathisierte, darf der Exeget nicht mit einer
einzigen dogmatischen Voreingenommenheit zum Text kommen, sondern muß flexibel
sein und dem Text die Möglichkeit offen lassen, ihn, den Exegeten, zum Aufgeben
vorher vertretener Voreingenommenheiten zu zwingen. Nur so wird der Exeget
weder standpunktslos (relativistisch) noch dickköpfig (eigensinnig und
unbelehrbar) sein.
Des
Weiteren werden wir aufzeigen, daß auf die Bibel angewandte Hermeneutik keine
"hermeneutica sacra" sein darf, wenn sie sich mit der von der Bibel
selbst vertretenen Wirklichkeitsvertrautheit decken soll. Die Bibel überzeugt
nicht von irgendwelchen religiösen Illusionen und Hirngespinsten, sondern von
der Wirklichkeit. Die Bibel hat keine Angst vor der Wirklichkeit, sie braucht sich nicht zu verstecken oder zu
schämen vor der Wirklichkeit. Sie beschreibt die letztendliche Wirklichkeit
des in Jesus fleischgewordenen Gottes, der alles unter seine Herrschaft bringen
wird. Deshalb muß auch die antireligiöse Hermeneutik eine Hermeneutik sein,
die sich in ihrem epistemologischen Grundvorgehen auch auf weltliche Literatur
anwenden ließe. Sie wird keine "heilige Hermeneutik" nur für das
Christentum und die Theologie sein, sondern wird ein weiterer Brückenschlag
sein zur Kommunikation mit Weltmenschen.
Was ist Hermeneutik?
Im Allgemeinen versteht man unter dem Begriff "Hermeneutik"
einen Zweig der Literaturwissenschaft, der sich mit der Interpretation von
Texten beschäftigt und dafür Theorien und Regeln postuliert. In neuerer Zeit
ist man aber gleichermaßen dazu übergegangen, den Begriff "Hermeneutik"
nicht nur für jene Disziplin innerhalb der Literaturwissenschaft zu begrenzen,
nach der Praktiken der Interpretation eines beliebigen Textes gutgeheißen oder
verurteilt werden; sondern ihn darüber hinaus auf weitaus fundamentalere Bereiche
auszuweiten, nämlich auf die Bereiche der Epistemologie und der Ontologie, also
jene Bereiche, bei denen es um die Grundfragen der Existenz geht. Dabei geht
man davon aus, daß auch Phänomene, Denkkonzepte und historische Begebenheiten
auf gleiche Weise wie Literatur analysiert werden können und sollten.
Diese
Phänomene haben mit der Wort-Behaftetheit der Existenz[vii] zu tun und sind somit "Texte"
im weiteren Sinne. Im Bereich der Theologie wird die Disziplin der Hermeneutik
nach dieser ausgeweiteten Auffassung über Hermeneutik zum Bindeglied zwischen
Glaube und Philosphie[viii] [ix], denn vermittels der Hermeneutik
interpretiert, "übersetzt" der Theologe nunmehr nicht nur biblische
Texte, sondern auch biblische Denkkonzepte. Trotz ihres parallelen Auftretens
mit den Theologen, die von der philosophischen Strömung des Existenzialismusses
beeinflußt waren (einer Strömung die z.B. vom christlichen Philosophen Francis
Schaeffer für viele negative Entwicklungen innerhalb des christlichen Denkens
verantwortlich gemacht wurde), wird diese neuere Auffassung über Hermeneutik
dem hermeneutischen Grundanliegen der Bibel selbst gerechter als die
traditionellere Auffassung über Hermeneutik, nach der die Hermeneutik lediglich
zu einem exegetischen Hilfsmittel wird.
Wir
werden in dieser Abhandlung sehen, daß es ja ein hermeneutisches Anliegen der
Bibel selbst ist, als Ganzes verstanden zu werden und nicht als eine Ansammlung
von Weisheiten. Hermeneutik ist also nicht nur dazu da, daß man den Bibeltext
"a" richtig versteht und den Bibeltext "b" richtig
versteht, sondern, daß man die ganze Bibel in ihrem ihr eigenen Geist versteht.
Ja, man muß sogar weitergehen und sagen, daß wenn für uns Hermeneutik nur bei
schwierigen Bibelstellen hier und dort notwendig wird, wo sie dann als
punktuell eingesetzter Feuerlöscher oder Asphaltflicker eingesetzt werden darf
und sonst im theologischen Dachspeicher zu verbleiben hat, dann hilft uns die
Hermeneutik auch nicht zum Verständnis der Bibel als Ganzes, sondern führt uns
sogar in die Irre; denn ein Verständnis einer Vielzahl von Bibelversen ohne
logischen Zusammenhang ist ein oberflächliches Verständnis der Bibel und führt
fast immer zu einem falschen Verständnis der Bibel[x]. Man kann einen Bibeltext
"richtig" grammatisch, rhetorisch, logisch, historisch, usw. auslegen
und doch die eigentlichen theologischen Aussagen dieses Textes verfehlen. Die
Aufgabe der Hermeneutik ist nicht die Analyse von Texten, deren Resultate
jedweden Gruppen von Menschen zur freien Verfügung gestellt werden, damit diese
damit machen können, was ihnen paßt. Hermeneutik ist mehr als nur eine
Weiterführung der Exegese. Heutzutage ist es häufig das Normale, daß die
"Exegeten" jeder ihre Wortstudien betreiben, um danach den Gemeinden
und Kirchen die "Freiheit" zu lassen, so zu bleiben, wie sie sind,
hilflos und alleingelassen im Kampf gegen die Irrlehren und in der Behauptung
gegenüber den apologetischen Herausforderungen der Zeit, in der sie lebt.
Nach
der dieser Abhandlung zugrunde liegenden Auffassung über Hermeneutik hat die Exegese
eine der Hermeneutik untergeordnete Funktion. Durch die Hermeneutik werden die
Bewegungsgründe der biblischen Autoren, ja der Bibel überhaupt,
herauskristallisiert und als biblisch vertretbare dogmatische
"Vorfilter" verwandt, nach denen sich die weitere Bibelbetrachtung so
lange versuchsweise zu orientieren hat, bis eine Ungereimtheit mit anderen
biblischen Texten auftritt, die dann zur Verwerfung des vorherigen und Wahl
eines anderen "Vorfilters" führen kann. Die Hermeneutik sagt nicht: "Text
Nr. 1 sagt dieses aus und Text Nr. 2 jenes", sondern die Hermeneutik sagt:
"...diese Theologie ist biblisch haltbar, weil wir sie in den Texten y-z
sehen und jene Theologie ist unbiblisch, weil sie auf einer falschen Auslegung
der Texte a-b beruht und die Texte c-d vernachlässigt." In diesem Sinne
wird die Hermeneutik zu einem Schiedsrichter zwischen verschiedenen
theologischen Systemen ("Systematischen Theologien")[xi], der einerseits die Notwendigkeit der
Dogmatik überhaupt ganz klar sanktioniert und sich andererseits nicht vor deren
Starrheit beugen mag, wo es ihm unberechtigt erscheint. Die Hermeneutik tut
also weitaus mehr, als lediglich exegetische Informationen und Neuheiten aus
der Forschung (Archäologie, Geschichte) zu sammeln; sie vergleicht auch
verschiedene Dogmen untereinander und maßt sich darüber hinaus an, unter ihnen
frei zu richten und auszuwählen.
Letzten
Endes kann man sagen, daß die Hermeneutik nicht nur Texte interpretiert,
lebendig macht, sondern das Christentum als Ganzes interpretiert. In diesem
Sinne berührt sie sich mit der Apologetik. Die Apologetik kümmert sich um
Fragen wie z.B. diese: "Wie können wir andere davon überzeugen, daß DIESER
Glaube sich nicht vor der Wirklichkeit zu verstecken braucht, sondern sich mit
der Weltwirklichkeit deckt und nicht zuletzt deshalb um so glaubwürdiger
ist?", während die Hermeneutik sich mit der Frage beschäftigt: "WAS
für ein Glaube ist richtiger, logischer, biblischer und daher glaubwürdiger und
was für ein Glaube ist trotz vielfacher Beteuerungen nicht biblisch und muß
daher verworfen werden?". Die Apologetik beschreibt und überzeugt, die
Hermeneutik (nach unserer Auffassung) differenziert und überzeugt, sie
verlangt, daß zuerst einmal unsere theologischen Ausgangsbasen überprüft
werden, bevor wir dazu übergehen, Apologetik zu betreiben.
Die Bedeutung der Doppelnatur Jesu für die
systematische Theologie
Kein in der Christologie und der allgemeinen
Sektenforschung Kundiger würde die Tatsache leugnen, daß sämtliche bekannten
christlichen Irrlehren sich zu einem gewichtigen Teil auf eine teilweise oder
gänzliche Verneinung beziehungsweise ein mangelhaftes Verständnis der
Doppelnatur Jesu zurückführen lassen. Der wünschenswerte Umkehrschluß zu dieser
Erkenntnis wäre eine verstärkte Bemühung um Anwendungen der Lehre von der
Doppelnatur Jesu in allen Bereichen der systematischen Theologie, nicht nur der
Christologie an sich. Leider sind derartige Bestrebungen gegenwärtig weit davon
entfernt, in der Christenheit die Oberhand zu gewinnen. Man lehrt zwar meist
eine orthodoxe Christologie, in der Apollonarianismus, Arianismus,
Sanbellianismus usw. sämtlich behandelt und abgelehnt werden. Zu einer
Ausmerzung der diesen Irrlehren zugrundeliegenden Denkschemata (nämlich dem
gnostischen Dualismus bzw. Platonismus) aus der Theologie als Ganzem kommt man
jedoch in der Folge kaum.
Wenige
Ausnahmen schmücken das ansonsten in dieser Hinsicht recht triste Bild der
theologischen Landschaft: So zieht Christian A. Schwarz in einem Buch über
Gemeindewachstum[xii] Parallelen zwischen der Gefahr, die
göttliche Natur Christi gegen die menschliche auszuspielen und der Gefahr, die
Notwendigkeit des Wirkens Gottes in der Gemeinde in dem Maße überzubetonen, daß
man Programme und Methoden für das Gemeindewachstum als schnödes menschliches
"Dazutun" bezeichnet und diese in der Folge vernachlässigt oder
verwirft. Dies ist sozusagen ein Auftreten des "Apollonarianismus" (Verneinung/Vernachlässigung
der Fleischwerdung Christi, oft in dogmatischen Werken mit dem Manichäismus gleichgesetzt) in der
Ekklesiologie (Lehre von der Gemeinde). Andersherum sieht Schwarz analog zur
Gefahr der Verdrängung der göttlichen Natur Christi in der Christologie
(Arianismus, Docetismus) eine Gefahr in der Gemeinde, die er
"technokratischen Fehler" nennt, wenn nämlich Institutionen, Programme und Methoden in ihrer Bedeutung
für das Gemeindewachstum überschätzt werden.
Dieses
Vorgehen ist ein gelungener Versuch, die mit der Doppelnatur zusammenhängenden
zentralen Lehren von einer strikten Begrenzung auf die Christologie loszulösen
und auf andere Bereiche der systematischen Theologie zu übertragen. Die
weiteren Ausführungen von Schwarz sind überzeugend und decken sich übrigens mit
den verwendeten empirischen Untersuchungen in Gemeinden.
In
vorliegender Arbeit wird die Lehre von der Doppelnatur Christi auf die
Hermeneutik angewandt, speziell wenn es um die Lehre von der Inspiration der
Schrift geht. Dadurch hoffe ich, zu einer wahrhaft "evangelischen[xiii]" (anti-gnostischen) Schriftauslegung
mit beitragen zu können. Ohne ein Wissen von diesem Bestreben würde es
sicherlich für den einen oder anderen noch befremdender sein als es ohnehin
schon sein mag, z.B. am Ende des folgenden Kapitels über spezielle und
allgemeine Hermeneutik von "manichäischer Bibelauslegung" zu
lesen.
1) Relativismus und Dogma - Zwei
entgegengesetzte Ausgangspunkte
Spezielle oder allgemeine
Hermeneutik[xiv]?
In seinem Buch "Vom Verstehen des Neuen Testaments
- Eine Hermeneutik" beschreibt Peter Stuhlmacher[xv], wie die Pietisten des 19. Jahrhunderts
Calvins Prinzip des "testimonium spiritus internum" (inneres Zeugnis
des Heiligen Geistes, demzufolge der Heilige Geist die Schrift erleuchtet),
weiterentwickelten, bis sie zu ihrer Auffassung einer "hermeneutica
sacra" gelangten. Nach dieser Auffassung kann die Bibel nur von
Wiedergeborenen, von Geisterfüllten,
verstanden werden und die Bibel verlangt daher die Anwendung einer
speziellen Hermeneutik, einer "hermeneutica sacra" (heiligen
Hermeneutik), die sich nicht bei anderen Texten anwenden läßt. Diese
Hermeneutik wurde auch "Wiedergeburtshermeneutik" genannt.
Während die ersten pietistischen Hermeneutiker trotz
dieser Hermeneutik eine generelle Feindschaft mit der Literaturwissenschaft
vermeiden wollten, so war es doch unvermeidlich, daß die Pietisten schließlich
zu einer Art dualistischen Denkweise kamen, bei der die Wirklichkeit aufgeteilt
wurde in eine "heilige" und eine "profane" Wirklichkeit.
Die Wirklichkeit der Bibel wurde somit getrennt von der Wirklichkeit
"außerhalb der Bibel"[xvi]. Die magische Erwartungshaltung gegenüber
biblischen Texten (wie auch bei manchen Strömungen im Islam mit dem Koran), die
wir auch bei den heutigen Neu-Gnostikern antreffen, hat hier ihre Wurzeln. Ein
Abheben der Wirklichkeit der Bibel von der Weltwirklichkeit geht mit einer
Unfähigkeit zu glauben Hand in Hand; nämlich mit der Unfähigkeit, zu glauben,
daß eben diese Bibel, auf die man sich beruft, jeden Menschen durch ihre
eigenen, ihr innewohnenden Botschaften wachrütteln kann. Wenn geglaubt würde,
daß die Bibel theoretisch jeden Menschen zu einer Entscheidung führen könnte,
würde nicht von vornherein der Begriff "Heiliger Geist" als eine
Verstehensbarriere vorgeschoben.
Natürlich erleuchtet der Heilige Geist auf ganz reale
Weise, aber dies läßt sich nicht als ein meßbares Kritierium für eine
Fähigkeit, die Bibel verstehen zu können, gebrauchen. Das Problem ist nämlich,
daß jeder vorgeben kann, im privilegierten Besitz dieser Erleuchtung zu sein.
Statt also den interessierten und nicht-erretteten Menschen mit den biblischen
Botschaften zu konfrontieren, welche allein ihn überzeugen können, wird er
zuerst einmal mit der Notwendigkeit der Erfahrung des Empfangs des Heiligen
Geistes konfrontiert. Freilich wird niemand bestreiten wollen, daß der
Nicht-Errettete den Heiligen Geist empfangen muß. Aber zuerst muß er von der
Notwendigkeit der Annahme der Botschaft Jesu überzeugt sein.
Der
Heilige Geist überzeugt in erster Linie nicht von der Notwendigkeit des
Empfangs Seiner Selbst, sondern überführt (durch Argumente, die auch für
Nicht-Besitzer des Heiligen Geistes verständlich sind) die Welt (nicht nur die
Heiligen) von ihrer Schuld und Sünde, von der Vorherrschaft der Gerechtigkeit
Gottes und von der Realität des Gerichts (Joh.16,8; Apg.10,44). Wer von dieser
Botschaft des Heiligen Geistes innerlich überzeugt und zur Buße bewegt wurde,
empfängt auch den Heiligen Geist. Ob er aber nun den Heiligen Geist empfängt
oder nicht, ist nicht unsere Sache, sondern Gottes; es ist nicht unsere
Pflicht, Meßkriterien zum Empfang des Geistes aufzustellen[xvii]. Statt
die Menschen von Anfang an mit unserer mystischen Auffassung eines
Heiligen Geistes zu bedrängen, sollten wir ihnen zeigen, was die biblischen
Autoren angriffen und anboten, wobei wir es den Hörern überlassen, sich darüber
klar zu werden, daß in Wirklichkeit Gott und der Heilige Geist argumentieren
und nicht menschliche Weisheit (2.Petr.1,21[xviii]).
Subjektive Erfahrungen sind
völlig authentisch und können auch sehr hilfreich sein, allerdings nicht als
hermeneutisches oder apologetisches Argument. Der Hauptfehler pietistischer
Hermeneutik liegt darin, daß die Ordnung "Bibel - Heiliger Geist" auf
den Kopf gestellt wird. Bei der pietistischen Hermeneutik ist zuerst einmal der
Heilige Geist wichtig, danach erst kommt die Bibel zu Wort. Dadurch wird die
Bibel vor der Öffentlichkeit verschlossen. Der Heilige Geist, als Teil der
Dreieinigkeit, ist selbst auch Gott, dies trifft auf das Wort Gottes nicht zu.
Aufgabe des bibelgläubigen Hermeneutikers ist es, die Bibel den Menschen zu
vermitteln; den Heiligen Geist zu vermitteln ist Gottes Sache.
Hermeneutik kann nicht eine spezielle Hermeneutik nur
für die Bibel sein, zumal wir es mit Texten zu tun haben, die von Menschen
geschrieben wurden. Daher muß unsere Hermeneutik eine Hermeneutik sein, die
sich für jedwede Art von Literatur anwenden läßt, nicht nur für die Bibel. Die
Bibel ist ein hundertprozentig menschliches Buch. Die Tatsache, daß die Bibel
gleichzeitig ein hundertprozentig Gottgegebenes Buch ist, das wörtlich
inspiriert und bis ins kleinste Iota unfehlbar ist, gibt uns nicht das Recht,
eine Hermeneutik einzuführen, die nur für die Bibel anwendbar sein soll. Die
Gottgegebenheit der Bibel offenbart sich nicht etwa dadurch, daß eine
gnostische Erleuchtung notwendig sei, um sie verstehen zu können, sondern
dadurch, daß Gott für alle, auch für die "Nichterleuchteten", in den
Leben derjenigen sichtbar wird, die sich durch den Glaubensgehorsam gegenüber
eben dieser Bibel haben umwandeln lassen (und dann die Bibel im Heiligen Geist
natürlich noch besser verstehen).
Die Bibel ist nicht "göttlich", um als
magisches Buch in den Geheimclubs derer herhalten zu können, die sich damit
brüsten "Gott zu haben", sondern sie ist Gottgegeben; damit durch sie
jedwede Art von Religion zerstört würde; daß sie von jedem, der will, geglaubt
werde; daß sie ausnahmslos alle richte und sogar; daß sie von einigen falsch
verstanden werde, zu deren Verdammnis. Die Bibel ist herausfordernd, autoritär,
unfehlbar, letztendlich wahr, dynamisch und explosiv und nicht mysteriös im
spiritualistisch-magischen Sinne des christlichen Gnostizismusses und der
Religion überhaupt[xix].
Allein
schon die biblische Lehre von der Fleischwerdung Gottes in Jesus Christus warnt
uns vor jeder dualistischen Trennung des menschlichen Charakters der Bibel vom
göttlichen Charakter der Bibel (2.Joh.7[xx])[xxi]. Die Bibel ist also Gottgegeben, nicht,
weil es sich bei ihr um eine "heilige" Botschaft handelt, die aus der
Ferne des Himmels zu uns telegraphiert wurde, sondern gerade deswegen, weil es
Gott gefallen hatte, sich ganz irdischen und zunächst einmal
"unheiligen" Menschen zu offenbaren (Jes.6,5[xxii]), anstatt diese dem Zufall anheim zu
geben. Denn nur der Gott ist Gott gemäß der Bibel, der sich des
Menschengeschlechts erbarmt und sich nicht mit ein paar Clubs von
"Auserwählten" zufrieden gibt[xxiii].
Die Aufgabe einer speziellen
Hermeneutik bedeutet nicht die Aufgabe des Anspruches des Christentums,
letztendliche und absolute Wahrheit zu verkörpern. Genau dadurch nämlich, daß
die theologische Hermeneutik sich nicht um ein spezielles Recht reißt, um eine
Existenz, die von aller "anderen" Wirklichkeit unabhängig meint zu
sein; wird die christliche Theologie für alle glaubwürdiger. Durch das
Drangeben einer speziellen Hermeneutik zeigen wir, daß wir ganz sicher glauben:
Die Wahrheiten, die in der Bibel geoffenbart werden, halten jeder Prüfung
stand; die Wahrheit der Bibel ist Wahrheit, nicht weil WIR dies sagen,
proklamieren, glauben und erfahren, sondern weil es so IST. Gott gebraucht zum
Geschriebenwerden Seines unfehlbaren Wortes nicht etwas Höheres neben dem
"unheiligen", menschlichen geschriebenen und gesprochenen Wort, um
Seine propositionale und letztendlich gültige Wahrheit zu offenbaren.
Gott
gebraucht kein "ätherisches" Medium, um Sich zu offenbaren, sondern wird
gewissermaßen Fleisch im menschlichen Wort, trotz der Tatsache, daß menschliche
Worte oft nur mangelhaft übersetzt und somit falsch verstanden werden können
und auch sonst ganz der allgemeinen menschlichen Unzulänglichkeit entsprechen.
Die Hypothese einer "Akkomodierung"[xxiv], nach der Gott durch das Wirken Seines
Geistes oder durch göttliche Vorsehungen bei der Übersetzung die
Unzulänglichkeiten des menschlichen Wortes überbrückt, ist nicht notwendig; die
Erfinder dieser Hypothese zeigen nur, daß sie die "Fleischgewordenheit"
des Wortes zumindest an diesem Punkt nicht gänzlich verstanden haben.
Nur
in oben ausgeführtem antidualistischen Sinne ist die Lehre der wörtlichen
Inspiration überhaupt haltbar[xxv]. Ja, die wörtliche Inspiration wird
dadurch sogar erst recht logisch zwingend, denn ein Verneinen eben dieser
wörtlichen Inspiration kommt ja einer Verneinung der Fähigkeit Gottes,
Göttliches in Fleischesgestalt auftreten zu lassen, gleich. Damit sind wir
übrigens weit entfernt von der Barth'schen, "neu-orthodoxen" Lehre,
derzufolge die Bibel nicht das Wort Gottes sei,
sondern dieses nur enthalte.
Gleichzeitig wenden wir das, was man in der Christologie tun sollte, auf die
Lehre von der Schrift an: Wir verneinen sowohl den Apollonarianismus als auch
den Arianismus/Docetismus. Auf die Hermeneutik bezogen bedeutet dies, daß wir
zwei falsche Extreme vermeiden wollen, nämlich:
1.)
Eine "manichäische" Bibelauslegung, die menschlichen Witz,
menschliche Polemik, menschliche Didaktik usw. nicht in der Bibel zulassen will
und sich statt dessen unter dem lügenhaften Schatten eines Phantom-Gottes
beugt, der in strenger Manier blinden Glauben an phänomenologische Einzelheiten
verlangt, welcher weder heilsbringend noch im wirklichen Glauben weiterführend
ist und
2.)
Eine relativistisch-skeptische Auslegung, die so voll Sorgen über reine
Textprobleme ist, daß sie das Göttliche im Text nur noch als farcenhafte,
moralisch notwendige Hypothese akzeptieren kann, wenn überhaupt.
Dogmatische "Voreingenommenheit"
und das Prinzip der Grundannahme
Wie wir gesehen haben, kann uns eine spezielle
Hermeneutik nicht weiterhelfen. Aber wir können sehr wohl von einer
Glaubenshermeneutik sprechen, ohne dabei der pietistischen Idee einer
Hermeneutica Sacra zu verfallen.
Ganz
gleich wie sehr wir uns auch anstrengen, "objektiv" oder
"neutral" zu sein, wenn wir in den Dialog mit anderen Denksystemen
treten (jede mit der ihr eigenen Epistemologie und Hermeneutik), werden wir auf
jeden Fall in einen unvermeidbaren Konflikt geraten und zwar spätestens dann,
wenn wir auf letztendliche und absolute Wahrheit(en) zu sprechen kommen.
Was
wir als Christen zeigen wollen, ist, daß die Bibel die höchste
Verständigungsebene darstellt. Von der erhöhten Stellung der Offenbarung Gottes
aus werden alle anderen Denksysteme, alle anderen Arten des Verstehens
beurteilt[xxvi]. Der Zweck des Zur-Anwendung-Bringens des
Objektivitätsprinzips (welches im nachfolgenden Kapitel erläutert wird) ist
nicht, daß wir uns einen Steinvorsprung in einer Galerie von Philosophien
meißeln, wo wir dann als eine von vielen Philosophien uns selbst verewigen und
allen anderen mit einem toleranten und relativistischen Lächeln zublinzeln.
Statt dessen wollen wir schließlich, nachdem wir anderen die Möglichkeit zur eigenen
Beurteilung ließen, doch mit "autoritären" Argumenten zur Sache
kommen, wie z.B. folgendermaßen: "Ihr seht nun, daß Jesus Christus Euer
Leben in Anspruch nehmen will und warum er das Recht hat, dieses zu wollen...
usw."
Der
Glaubenshermeneutiker will auf den Markt der Ideen eintreten, nicht weil es ihm
gefällt, dort begrüßt und respektiert zu werden von den Vertretern anderer
Versuche, das Rätsel der Wirklichkeit zu entschlüsseln; er tritt, bei aller
Dialogbereitschaft und Achtung vor den anderen, letztendlich nur mit der
Absicht auf den Markt der Ideen, den anderen ihre falschen Grundsätze unter den
Füßen wegzuziehen und sie zum Glaubensgehorsam gegenüber dem Wort Gottes (nicht unserer Worte) zu bringen.
(2.Kor.10,5[xxvii]).
Obwohl wir anderen Raum geben, unsere Botschaft auf
"objektive" Weise beurteilen zu können, werden wir zu guter Letzt
keine "völlig objektive" Hermeneutik betreiben können.
Die
Bibel kann nicht in "objektiver" Weise gelesen werden. Wir nähern uns
der Offenbarung Gottes mit einer Anzahl von Fragen im Hinterkopf, gemäß derer
wir etwas untersuchen wollen in der Bibel; und diese Fragen lassen uns in
gewisser Weise "voreingenommen", "mit Vorurteilen behaftet"
sein, ob wir dies zugeben wollen oder nicht.
Die
Aufgabe des Glaubenshermeneutikers ist es nun, zwischen diesen unvermeidlichen
"Vorurteilen", "Voreingenommenheiten" oder
"Grundannahmen" zu differenzieren, auszuwählen und diese bezüglich
ihrer Qualität zu bewerten[xxviii].
Von deren Qualität hängt nämlich alles ab. Wenn z.B. unsere Grundannahme
ist, daß die Menschheit heute schlauer ist als zu Jesu Zeiten, wird unser
Verständnis gewisser Bibelstellen anders sein, als wenn wir die Annahmen,
Prinzipien und "Affekte[xxix]" zugrunde legen, die aus den
Bibeltexten selbst herauszukristallisieren sind.
Die
Hermeneutik filtert und sortiert zwischen möglichen Grundannahmen zum
Verständnis: Sind diese Grundannahmen oder, negativ ausgedrückt, Vorurteile,
mit der zentralen Botschaft der Bibel oder wenigstens eines Buches oder Kapitels
der Bibel (vornehmlich des zu behandelnden Textes) übereinstimmend?
Die Bibel selbst ermahnt uns, "die Geister zu
prüfen" (1.Joh.4,1; Johannes versteht hier unter "Geist"
"Lehre", denn er spricht im betreffenden Kontext von lügenhaften
Propheten). Welches sind die Kriterien anhand derer wir "die Geister
prüfen" können? Paulus gibt uns im
Römerbrief eine Antwort: Jede "Weissagung" soll "nach dem
Maß"; gemäß (oder: "nach") der Analogie des Glaubens (kata teen
analogian teen pisteoos) geschehen (Röm.12,7). Für Paulus besteht die Rolle
sowohl der Weissagung (Prophetie) als auch der Lehre darin, die Gemeinde zu
erbauen (1.Kor.14,3-5+19[xxx]). Es gibt also auch
"Weissagungen" und Lehren, die die Gemeinde überhaupt nicht erbauen,
weil sie nicht "gemäß des Glaubens" sind, nicht dem Glauben
entsprechen, nicht der Motivation des Glaubens entspringen (siehe hierzu auch
Hebr.13,9[xxxi]).
Jede
Bibelauslegung muß sich mit den Grundartikeln des christlichen Glaubens im
Einklang befinden. Eine Bibelauslegung, die sich mit den Glaubensdogmen im
Streit befindet, ist antichristlich, auch wenn sie noch so viele Bibelstellen
anführen zu können meint[xxxii].
Das Objektivitätsprinzip
Wir
haben behauptet, es sei nicht nur unvermeidlich, das Bibelstudium mit einer
"Voreingenommenheit" oder Grundannahme anzugehen, sondern sogar
äußerst wünschenswert, ja notwendig, vorausgesetzt, diese
"Voreingenommenheit" entspringt einer "glaubensgemäßen"
Dogmatik.
Nun
werden aber andere einwenden, wir ließen die Bibel nicht das aussagen, was sie
aussagen wolle, da "unsere" Dogmen wichtiger seien als die Schrift
selbst. Deshalb müssen wir an dieser Stelle definieren, was wir unter
"Objektivität" verstehen.
Es gibt eine Art von Objektivität, die nichts anderes
ist, als eine Angst davor, für eine Meinung einzutreten, die sich zu
verteidigen lohnt. Der Pietist Rambach z.B. sagte[xxxiii], daß der Exeget sich nicht um jeden Preis
darum bemühen solle, daß seine Meinung andere gewinne. Statt dessen solle er
immer zum Dialog bereit sein und, gänzlich frei von Zorn oder Leidenschaft,
eher mit einer heiteren Grundstimmung, sich wieder aufs Neue der Exegese und
Wortbetrachtung zuwenden. Während wir der Bereitschaft zum Dialog natürlich
zustimmen, fragen wir uns doch, ob es heute überhaupt noch ein Evangelium oder
eine Gemeinde gäbe, wenn Jesus, die Apostel und die Reformatoren "gänzlich
frei von Zorn und Leidenschaft" gewesen wären. Wenn wir die ebenfalls
pietistische Lehre von den Affekten an diesem Punkt anwenden, müssen wir zu
einer etwas anderen Folgerung kommen: Nämlich wenn Jesus auf die religiöse
Elite Seiner Tage erzürnt war, dann sollten wir zumindestens nicht gleichgültig
darüber hinweggehen, ja besser uns mit Leidenschaft erfüllen lassen für die
gleiche geistliche Auseinandersetzung, wo sie sich in unserer Zeit abspielt.
Somit wären wir wieder bei der Notwendigkeit einer geistlichen
"Voreingenommenheit", einer theologischen Grundhaltung angekommen.
Weiter oben haben wir aber auch eine spezielle Hermeneutik, die jeden Dialog im
Grunde verweigert, verworfen. Wie lassen sich diese sich scheinbar
wiedersprechenden Thesen miteinander in Einklang bringen?
Wie
so oft tut auch an diesem Punkt eine sorgsame Differenzierung not: Wir müssen
nämlich nicht irgend eine, sondern die Art von Objektivität anwenden, die von
der Bibel selbst propagiert wird. Die Bibel behauptet nicht, daß wir Bibelverse
auf "objektive" Art und Weise auslegen können. Statt dessen
propagiert die Bibel eine Objektivität nur für den Prozess des Auswählens
zwischen der Lehre "x" mit der Lehre "y". Sie sanktioniert
nicht eine von dogmatischen Lehrsystemen gänzlich unabhängige Bibelauslegung.
Aber sie nennt Beispiele, wo Menschen die Möglichkeit wahrnahmen oder
wahrnehmen sollten, zwischen einem Set von dogmatischen Regeln, einer
systematischen Theologie einerseits und einem anderen Set von dogmatischen
Regeln, einer anderen systematischen Theologie andererseits, sich zu
entscheiden.
Jesus gibt den Juden das Recht, auf
"objektive" Art und Weise abzuwägen, ob Seine Lehre von Gott ist oder
nicht (Joh.7,16-18[xxxiv]). Er läßt ihnen die Freiheit, Seine Werke
als ein objektiv meßbares Beurteilungskriterium heranzuziehen (Joh.10,37+41-42;
siehe hierzu auch Joh.20,29)[xxxv]. Jesus ist nicht der Vertreter irgendeiner
Philosophie, sondern eben der unerschütterlichen Wahrheit, die sich anhand der
Geschichte (und Heilsgeschichte) nachprüfen läßt. Nicht ein Studium der Schrift
ohne Vorurteile kann zur Umkehr führen (dann würde niemand gerettet, denn jeder
hat irgendwelche Vorurteile, die er durch seine Kultur und Umgebung mitbekommen
hat und über die er sich nicht einmal im Klaren ist), sondern ein objektiver
Vergleich der Lehre Jesu mit anderen Lehrsystemen (z.B. dem Lehrsystem der
Religion, der Mehrheit des Volkes Israel auf der Höhe seiner Selbstüberhebung,
der Judenchristen zur Zeit der Urgemeinde, etc.).
Die Juden in Beröa (Apg.17,10+11[xxxvi]) haben nicht etwa die Bibel (das Alte
Testament) auf objektive Art studiert, sondern sie verglichen (durch Bibelstudium)
die Lehre der Apostel (deren Auslegung des Alten Testaments im Hinblick auf
Jesus Christus als Messias) mit der Lehre (Auslegung des Alten Testaments), die
sie bislang kannten. Die Bibel wurde dabei nicht objektiv gelesen, sondern
durch das Prisma, durch den Filter derjenigen neuen Grundannahmen, die sie nun
von den Aposteln als Alternative zu ihren alten Grundannahmen vermittelt
bekamen. Sie ließen ihre alten Grundannahmen für eine Weile links liegen und
prüften, "ob es sich so verhielte", d.h. ob nicht vielleicht die
neuen apostolischen Grundannahmen eine bessere Erklärung des Alten Testaments
boten. Einige haben sich damals für das neue Prisma des Bibelverständnisses
entschieden ("viele nun von ihnen glaubten"), andere verblieben in
der alten jüdischen Dogmatik[xxxvii]. Was im Speziellen geglaubt wurde, war
nicht nur einfach die Bibel (damals das Alte Testament) an sich, die wurde ja
von den anderen auch weiterhin geglaubt. Was hier anstatt eines allgemeinen
Bibelglaubens geglaubt wurde, war im Besonderen die neue Bibelauslegungsmethode
der Apostel, die Jesus zum Zentrum der Offenbarung Gottes machte.
Um von nicht-glaubensgemäßen dogmatischen Traditionen,
die nicht zu Gott führen, frei zu werden, ist es notwendig, die Bibel mit Hilfe
anderer Lehren neu zu lesen. Dies ist die Art von Objektivität, die von der
Bibel propagiert wird.
Niemand wird gezwungen, Jesu Lehre anzunehmen. Jesus
selbst schreckt nicht davor zurück, die von Ihm verkündigte Wahrheit einem
objektiven Vergleichstest zu unterwerfen, denn er muß nicht erst selbst davon
überzeugt werden, daß er der Sohn Gottes IST und daß die Wahrheit
theoretisch-menschlich gesehen von jedem erkannt werden kann, der sich nicht
durch seinen eigenen Starrsinn vor diesem Vergleichstest abschottet. "Wenn
jemand seinen (Gottes) Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie
aus Gott ist oder ob ich aus mir selbst rede." (Joh.7,17). Jesus weiß, daß
die Wahrheit nicht von Menschen abhängt, weshalb er auch nicht "die Person
anzusehen" braucht, sondern die Freiheit hat, die Wahrheit, so wie sie
ist, zu lehren (Mk.12,14[xxxviii]). Auch wir können die gleiche Freiheit
haben, wenn wir nicht eingebunden sind in eine menschlich-religiöse Pseudodogmatik,
die eigentlich kein logisch zusammenhängendes Gedankengerüst anbieten kann und
deshalb auf fleischliche Verbreitungsmethoden wie unlautere Propaganda,
Manipulation und Druckmittel zurückgreifen muß.
Thiselton beschäftigt sich mit der Frage, ob Jesus eine
"externalistische" Argumentationstaktik verwendet[xxxix]. Letzteres ist der Fall, wie wir gesehen
haben. Jesus räumt den allgemeinen, menschlichen Verstehensebenen (Geschichte,
Beobachtungen durch Augenzeugen, menschliche Logik) eine Rolle ein bei der
Bewertung Seiner Lehre. Er begrenzt nicht die Bibel auf das, was die Bibel
sagt. Dies wäre ein Absurdum, zumal ja die Bibel selbst Predigten über sich
selbst enthält, in denen zeitlich davor geschriebene Bibeltexte interpretiert
werden (5. Buch Mose, Psalm 136 und später im Neuen Testament die Predigten in
der Apostelgeschichte).
Es
wäre falsch zu behaupten, daß die Bibel das einzige Buch sei, daß man bräuchte.
Es ist notwendig, das in der Bibel Geschriebene mit der Außenwelt in Beziehung
zu setzen und durch das nicht-inspirierte gesprochene und geschriebene Wort mit
der außerbiblischen Wirklichkeit in Beziehung zu bleiben. Die Verwendung
außerbiblischer Denkstrukturen und Gedankenablaufsmuster findet auf ganz
natürliche Weise statt und ist auch notwendig. Der religiöse Mensch ist jedoch
immer ein "Internalist". Er schafft sich eine Realität, die seine
eigene Schöpfung ist, durch die er befriedigt wird und mittels derer er sich
vor Gott versteckt. Alle seine Gedanken sind nur Projektionen seines
selbstgereinigten Gewissens durch die er zufriedengestellt wird und aufgrund
derer er sich sicher fühlt. Auch die Pharisäer waren in diesem Sinne
"Internalisten" oder "Puristen".
Die Funktion der Objektivität ist auch die Auffindung falscher Dogmen.
Nicht-glaubensgemäße dogmatische Voreingenommenheiten versperren die Bibel und
den Himmel vor denen, die Gott erretten möchte.
Das Problem ist, daß uns die Bibel keine Liste von biblischen
Glaubensartikeln hinterlassen hat. Deshalb müssen die christlichen
Glaubensgrundsätze von sündigen Menschen formuliert werden. Letztere sind nie
vollkommen, deshalb sind auch deren Glaubensdogmen Fehlerhaftigkeiten und
Unvollkommenheiten unterworfen. Auch die Menschen allgemein sind immer in
Gefahr und Versuchung, religiös zu werden, sich in ihrer Stellung zu gefallen
und ihre Dogmen (die falsch sind oder falsch verstanden werden) als ein
Werkzeug kirchlicher Macht zu mißbrauchen, durch die u.U. Gottes Verkündiger
zum Schweigen gebracht werden sollen. Da die Wirklichkeit der Bibel nicht von
der Wirklichkeit der Welt getrennt ist, wird es notwendig, daß die dogmatischen
Grundannahmen immer wieder an die Situation, in der sich die Christenheit und die
Welt befinden, angepaßt werden. Anstatt sich im eigenen geistlichen Ghetto
einzuschließen, muß die Gemeinde sich immer wieder nüchtern und ohne Illusionen
einer Selbstbestandsaufnahme stellen sowie die Welt um sie herum betrachten um
dann ihre Lehren in der Weise neu formulieren zu können, daß ihre Botschaft auf
die überzeugendste, aktuellste, radikalste und aufsehenerregendste Weise eine
Antwort bietet auf das Enigma des Daseins und auf die Probleme, mit denen sich
die Menschen beschäftigen.
Wenn die Gemeinde nicht dazu
bereit ist, dies zu tun, müssen andere es tun. Dann müssen andere die Bibel
gewissermaßen dieser Gemeinde entreißen; um den Weg zur Errettung neu zu
öffnen, den jene Gemeinde durch ihre Über-Subjektivisierung des Glaubens versperrt
hatte.
Und wie wird jenen religiös-gewordenen Christen die Bibel unter der Nase weggeschnappt? Durch kritische Exegese. Unter kritischer Exegese verstehen wir eine Exegese, bei der andersartige Dogmen als alternative Forschungsmotivationen verwendet werden. Die Bibelstellen, auf die sich alte Dogmen stützten, werden unter Berücksichtigung neu dazugewonnener linguistischer und historischer Erkenntnisse nochmals genau unter die Lupe genommen. Oftmals werden die dann neu gewonnen exegetischen Forschungsergebnisse ein altes Dogma bestätigen und weiter veranschaulichen und alte Prinzipien, die die alte Kirche kannte und die heute in Vergessenheit geraten sind, werden neu entdeckt. Aber es kommt auch vor, daß ein altes Dogma dadurch ins Wanken gerät. Häufiger werden Mißbräuche, Mißverständnisse alter Dogmen dadurch erhellt sowie religiöse Dogmen, die sich in die Christenheit eingeschmuggelt hatten, entlarvt und für biblisch unhaltbar befunden.
Das Problem ist heute, daß zwar kritische Exegese betrieben wird, aber nachdem der Exeget die Bibel durch seine von falschen Dogmen unabhängige Analyse "objektivisiert" hat, läßt er gewissermaßen sein Schreibzeug fallen und die Gemeinden bleiben so, wie sie gerade sind; alles bleibt beim Alten. Was der Theologe heute nicht tut, weil es allgemein verpönt oder unmodisch ist, bzw. nicht tun darf, weil er damit u.U. seine Arbeitgeber verärgern würde; ist die Verquickung von kritisch-exegetischer Forschung mit fruchtbarer Dogmatik. Jeder puzzlelt brav an seinen Untersuchungen zu irgendeinem griechischen oder hebräischen Wort herum und trägt hier ein bißchen und dort ein bißchen bei zur exegetischen Forschung. Wenige wagen es, an bestehenden dogmatischen Fundamenten zu rütteln, das Abgleiten der Kirche ins Religiöse ohne Schöntuerei zu diagnostizieren oder die Kirche "ad fontes" zu rufen, zurück zu den alten antireligiösen dogmatischen Fundamenten der Apostel, Kirchenväter und Reformatoren, die ihre Entstehung und ihr Überleben überhaupt möglich machten.
Wenn es darum geht, die Gemeinde in
die Lage zu versetzen, den evangelistischen Sendungsauftrag (Mt.28,18-20) neu
erfüllen zu können, bedarf es einer ständig neu erfolgenden geistlichen
Läuterung, auch wenn dies im Extremfall zu unbeabsichtigten Trennungen führt.
Dieser Sachverhalt läßt sich an
folgendem Diagramm eines hermeneutischen Zyklusses veranschaulichen:
Automatischer
Gravitationsfaktor in Richtung Religion
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Ge-
Ausgangssituation: Die Kirche wird mit
der Weltwirklichkeit kontrontiert und formuliert Antworten (Dogmen) a, b
und c unter Verwendung der Bibel und der apostolischen
Glabuensbekenntnisse.
gen-
wart
![]()
Fak-
Verbreitung der Dogmen a, b und c durch
christliche Erziehung und Mission
tor
Zeit
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Zu-
Der Zyklus findet hier sein Ende für
die “christliche” Synagoge, sie zieht sich aus der Weltwirklichkeit in ihre
Traumwelt zurück und wird ein kulturelles Museum oder eine politische
Partei. xl Ungewünschter Nebeneffekt: Religiöser
Abfall einer Gemeinde oder eines Teiles einer Gemeinde, von der (dem) die
Reformation nicht akzeptiert wird. Dieser Zyklus muss immer weiter gehen (“continual
reformation”) Unter Verwendung der Bibel und der
apostolischen Glaubensbekenntnisse sowie ausgehend vom neu korrigierten
dogmatischen Fundament, formuliert die Gemeinde, die immer noch in der Welt
arbeitet und mit der Wirklichkeit konfrontiert wird, ihre alten Dogmen a
und b in neuer Weise und fügt ausserdem die neuen Dogmen d, e und f hinzu.