JESUS UND DIE PHARISÄER

 

 

 

Der Konflikt zwischen

 Jesus und den Pharisäern

als

 Ausgangsparadigma für eine

 antireligiöse Hermeneutik

 

 

Mathias Graul

 

 

 

Schriftenmission "Antipas"

Staatsunabhängige Protestantische Evangeliumsverbreitung

 

 

 

 


Einleitung:

- Was durch diese Abhandlung gezeigt werden soll

- Was ist Hermeneutik?

- Die Bedeutung der Doppelnatur Jesu für die systematische Theologie

           

1) Relativismus und Dogma  - zwei entgegengesetzte Ausgangspunkte

- Spezielle oder generelle Hermeneutik

- Dogmatische "Voreingenommenheit" und das Prinzip der

                          Grundannahme

- Das Prinzip der Objektivität

- Der Mißbrauch des Reformations-Mottos "Sola Scriptura"

- Hermeneutik und der Heilige Geist

- Das Prinzip der Kanonisierung

- Was kritisiert werden sollte

- Das Prinzip der Motivation und des Willens

- Die Beziehung mit der Welt als Motivationsfaktor

- Das Realitätsprinzip

- Geistliches und ungeistliches "Richten"

- Das Autoritätsprinzip

- Befehle bezüglich der Sauerteige als Motivationsfaktor

 

2) Religion und Evangelium - Zwei entgegengesetzte hermeneutische Systeme

- Die Monopolisierung Gottes

- Die Schaffung eigener Bünde

- Geistliche Ersatzprodukte und Formalismus

- Das Prinzip der Verfolgung durch Kain - Allegorisierung: Ja oder Nein?

 

3) "Die Schrift recht teilen" auf biblische Weise

- Die Übergeordnetheit der Worte Jesu und des Gesetzes Gottes

   über die religiösen Worte und über die Gesetze der Religion

- Die Rolle, das Ziel und der Gebrauch der Gesetze und die hierarchische Rangordnung

   der Gesetze untereinander

- Gesetz und Gnade

- Literalistisch-dogmatische Exegese

- "Literalismus" gegen "Letterismus"

 

Zusammenfassung: Missiologischer Ausblick


 

Einleitung:

 

            Was durch diese Abhandlung gezeigt werden soll

 

            Vorliegende Untersuchung zum Thema Hermeneutik behandelt nur am Rande verschiedene im Laufe der Geschichte aufgetretene Hermeneutikarten. Vordringlichstes Ziel dieser Arbeit ist es, Grundzüge eines möglichen alternativen hermeneutischen Grundmodells aufzuzeigen. Es geht um eine Hermeneutik, die sich u.a. an den Grundwahrheiten, die in dem Konflikt zwischen Jesus und den Pharisäern deutlich werden, orientiert. Dieser Konflikt soll dabei nur ein Ausgangspunkt sein, er wird, durch ein Anwenden darin illustrierter Grundwahrheiten, ausgeweitet auf einen Konflikt zwischen Religion und Evangelium, zwischen gnostischer und christlicher Realitätswahrnehmung, zwischen platonischer und paulinischer Epistemologie, zwischen Apolloniarianismus und Arianismus auf der einen und einer altkirchlichen Sicht der Doppelnatur Jesu auf der anderen Seite. Diese Hermeneutik soll somit zu einer Bibelauslegungsmethode werden, die auf biblischer Lehre und altkirchlichen Dogmen beruht.

 

            Daß dabei die Unzulänglichkeiten bestehender hermeneutischer Systeme gelegentlich beleuchtet werden, ist unvermeidlich. Es wird dem Liberalismus der Anspruch geraubt, alleiniger Grundleger einer christlichen Religionskritik zu sein. Gleichzeitig werden "Buchstabenausleger" mit von ihnen unbewußt vertretenen unbiblischen Grundmotivationen konfrontiert. Diejenigen, die also hier auf eine Polarisierung von fundamentalistisch gegen liberal oder umgekehrt hoffen, werden durch diese Arbeit somit leider enttäuscht werden. Es werden sich hier nämlich beide Richtungen in gewisser Weise im gleichen Boot wiederfinden: Sowohl der Liberalismus als auch ein in der Folge beschriebener falsch-religiöser Fundamentalismus werden entlarvt als Versuche, sich vor dem Kampf für das Evangelium und gegen die Religion zu drücken.

 

            Es gehört zu einer der sich ständig wiederholenden Kuriositäten in der Hermeneutikgeschichte, daß die Auslegungsart derjenigen, die sich am meisten mit ihrer "Bibeltreue" brüsten, auf völlig unbiblischen Ausgangsdogmen beruht. Gerade die, die vorgeben, keine Dogmen als Voraussetzung, als Voreingenommenheit für die Textinterpretation zuzulassen, haben sehr wohl auch Dogmen, die sie hermeneutisch voreingenommen machen, und zwar Dogmen, die sie nicht klar definieren und deren sie sich nicht bewußt sind, die man aber dennoch klar identifizieren kann. Darauf werden wir im Kapitel über "Letterismus" (Buchstabenglauben) kommen, wo wir eine sich als "bibeltreu" bezeichnende Haltung unter die Lupe nehmen, die dazu führt, daß man Hermeneutik und Theologie im Grunde gänzlich ablehnt und so zu einer Antihermeneutik und Antitheologie kommt.

 

            Auf die Idee zum Schreiben dieser Abhandlung (die ich 1994 auf rumänisch als meine Diplomarbeit abfaßte, 1996 übersetzte und in der Folge weiter ausarbeitete) kam ich, als ich die Reaktionen meiner Mitschüler auf die Ergebnisse einer Hebräisch-Exegese-Übung über das Buch Jona beobachtete, die wir im Rahmen eines Hebräischkurses am Institutul Biblic Emanuel in Oradea, Rumänien, durchführten. Das Bemerkenswerte war nun, daß, obwohl alle aufgrund der sprachlich-exegetischen Untersuchungen ganz klar den polemischen Unterton im Buch Jona erkennen und so ahnen mußten, daß dort von mehr die Rede ist, als von einem Juden, der auf wunderbare Weise von Gott bewahrt wird; viele sich in scheuklappenhafter Manier vor dem Durchdenken einer möglichen parabolischen Auslegung (die vom Lehrer nicht vertreten, aber doch aufgezeigt wurde) von vorneherein abschotteten. In der letzten Stunde zu diesem Thema meinte einer ganz offen: "Und ich glaube doch, was ich schon in der Sonntagsschule gelernt habe: Das Buch Jona handelt von einem Mann Gottes, der zwar ungehorsam war, aber von Gott durch diesen Fisch gerettet wurde, im Bauch des Fisches genau dieses Gebet, das im Text wortwörtlich dasteht, wortwörtlich gebetet hat, und alles andere halte ich für Spekulationen!".

 

            Mit diesem "anderen" meinte er Hinweise aus eben diesem "wortwörtlichen" Text, die darauf hindeuteten, daß unabhängig davon, ob Jona 2,3-10 in einem Fischbauch gebetet wurde oder nicht, dieses Gebet kein Muster gottgewollter Frömmigkeit sondern eher eine Karikatur selbstgerechter Frömmigkeit darstellt, die der Schreiber der Geschichte geschickt in den Kontrast stellt zu den Heiden, die sich an der Wasseroberfläche bekehren (1,16), was ein persönlich im Bauch des Fisches[i] sich befindender Autor nicht hätte mitbekommen können. Auch das in diesem Falle mögliche Argument, daß eine Identifikation des Buches Jonas als didaktische fiktive Erzählung[ii], die dessen wortwörtliche Inspiration durch den Heiligen Geist nicht in Frage stellte, sondern eher bestätigte (der Heilige Geist ist ja um Buße[iii] und nicht um zoologische Kuriositäten und Guinness-Buch-Rekorde bemüht), ließ er nicht gelten. Obwohl auch ich selbst zurückhaltend wäre mit der Behauptung, das Buch Jona sei eindeutig eine geistlich motivierte Erfindung[1] (müßte dies doch die Frage aufwerfen, wo die Grenze zwischen parabolisch und historisch zu ziehen sei; am Ende sei dann z.B. auch Moses Bericht von der Sintflut nur eine didaktisch motivierte Erfindung), so machte mich dieser Rückzug meines Mitschülers auf ein pur phänomenologisch-oberflächliches Textverständnis im Falle des Buches Jona sensibel für die damit zusammenhängende hermeneutische Problematik. Eine an dieser Stelle hilfreich gewesene Differenzierung der Begriffe "liberal", "Verbalinspiration", "spekulativ", "gleichnishaft", "allegorisch", usw. versuchte ich nun in der Folge durch diese Arbeit nachträglich anbieten zu können.

 

            Das Interesse an einer antireligiösen Hermeneutik wurde durch die Lektüre von Georg Huntemanns Buch "Der andere Bonhoeffer" noch verstärkt. Oftmals ist das Christentum für andere nicht überzeugend, sondern wird zu Recht als Betrügerei und Manipulation empfun­den, wenn es sich von der Religion hat umwandeln lassen in ein System von Illusionen[iv], die vom "postmodernen", "mündigen" Menschen[v] abge­lehnt werden. Nun muß man nicht erst das Christentum zurechtstutzen, um es dem modernen Menschen schmackhaft zu machen; es muß vielmehr gezeigt werden, daß das Christentum, so wie es im Grunde ist, schon von sich aus das enthält, was auch der moderne, die Re­ligion ablehnende Mensch, will (bzw. wol­len würde, wenn er wüßte, was es ist). Die antireligiöse Hermeneutik raubt der religiösen Ka­rikatur und Fälschung des Christentums ihre vermeintlich biblischen Argumente und legt das eigentliche Fundament der Bibel frei, das von Anfang an ein gegen die Religion gerichte­tes Fundament ist. Unter "Religion" verstehen wir in dieser Abhandlung immer die Art von Frömmigkeit, bei der der Mensch sich selbst Errettung, Heiligung, Gesetz und Evangelium zurechtbastelt und so den von Gott bereiteten Bund und Heilsweg verwirft.

 

            Das Wort Gottes ist Dynamit. Wenn jedoch die Zündschnur nicht gefunden wird, wird das Dynamit nicht explodieren. Hermeneutik ist die Wissenschaft, die sich mit der Auffindung der "Zündschnur" der Bibel befaßt, sowie (nicht nur in ihrer Ausdehnung auf Apologetik und Missiologie) mit der Frage, wo die "Bombe" plaziert werden soll. Eine in den leeren Raum geworfene Bombe wird keine großen Veränderungen bewirken können. Die "Bombe" muß dort "losgelassen" wer­den, wo falsches Denken (verursacht durch falsche Bibelauslegung) sein Unwesen treibt, wo Aberglauben die Gemüter verdunkelt, wo Christen ein x für ein u vorgemacht wird. Damit läuft die Hermeneutik Hand in Hand mit dem Evangelium. Die Bot­schaft des Evangeliums bzw. das, was Paulus als "gesunde Lehre" bezeichnet, ist ja gegen etwas gerichtet: Gegen Aberglauben, gegen trügerische und verhängnisvolle Illusionen, gegen faule Aus­reden, gegen unbegründete Ängste. Alle diese Dinge, gegen die die "gesunde Lehre" gerichtet ist, können mit dem Begriff "Religion" in Verbin­dung gebracht werden, sind sie doch allesamt Gründe für das Entstehen, Symptome bzw. Auswirkungen selbsterwählter, menschlich-dä­monischer Frömmigkeit. Die Religion ist ein komplexer, feingliedriger Auswuchs von nichts anderem als der Lüge, deren Vater der Teufel ist. Die illustrativsten und spitzfindigsten Vertreter der religiösen Menschen sind die Pharisäer und Schriftgelehrten, die zu Jesu Zeiten gelebt haben.

 

            Eine Hermeneutik, die von der Einsicht der Notwendigkeit der Bekämpfung des Religiösen getrieben wird, kann nicht relativistisch sein. Sie muß dogmatisch sein oder werden, an Dogmen orientiert sein oder nach normativen Dogmen Ausschau halten. Heute zucken die Ex­egeten jedoch bei dem Begriff "dogmatisch" zusammen. Mit Abscheu verweisen sie auf die Mißbräuche von Bibeltexten, die im Laufe der Kir­chengeschichte begangen wurden aufgrund von Fällen dogmatischer Exegese. Deshalb verurteilen sie heute jedwede Art von dogmati­scher Exegese, übersehen aber dabei, daß in jenen bekannten Fällen von Mißbräuchen dog­matischer Exegese die zugrundeliegenden Dogmen reli­giöser Natur waren. So verdammt man heute denjenigen, der durch eine Brille dogmatischer Voreingenommenheit blickt und dann Exegese treibt. "Dem Text soll erlaubt werden, zu sagen, was er sagen will, wir analysieren ihn nur leidenschaftslos und vorurteilslos"; so lautet die vielgepriesene Devise heute. Natür­lich müssen wir einen Bibeltext in dessen literarischen und historischen Zusammenhang untersuchen, bevor wir zu einer Auslegung übergehen. Aber die Entscheidung, Exegese ohne Voreingenommenheiten zu treiben, ist ihrerseits eine dog­matische Voreingenommenheit. Das betreffende Dogma könnte folgendermaßen formuliert werden: "Es ist nicht nötig, in irgend­eine Rich­tung motiviert zu sein, um den Text zum Leben zu erwecken. Es reicht die sprachli­che, grammatische, literarische, rhetorische Analyse." Diesem Dogma stellen wir ein anderes gegenüber: "Es ist nötig, verschiedene Motivationen für das Verständnis auszuprobieren, um einen beliebigen Bibeltext theologisch ausloten zu können und ihn so lebendig und relevant für Gemeinde und Welt zu machen."

 

            Um einen Text vor dem gewaltsamen Ausgeschlachtet-Werden zu bewahren, muß nicht gleich Exegese und systematische Theologie ge­trennt werden. Vielmehr muß dafür eingetre­ten werden, daß systematische Theologie bzw. hermeneutische "Vorurteilsdogmen" biblischen Prinzipien entsprechen und nicht dem Zeitgeist der Standpunktslosigkeit. Deshalb versuchen wir in dieser Abhandlung einige biblische Prinzipien für die Hermeneutik aufzuzeigen. Wir werden auch unbegründete Mißverständnisse sowie wirkliche Probleme erörtern, die mit dem Begriff "dogmatisch" zusammenhängen.

 

            In gewissem Sinn sollte der Exeget tatsächlich "neutral" sein. "Neutral" darf aber nicht hei­ßen, von einem absolut leeren Raum ausgehen zu wollen. "Neutral" sollte statt dessen be­deuten, mehrere mögliche Vorurteilsdogmen gegeneinander abzuwägen und erst dann für ei­nes dieser Dogmen Feuer und Flamme zu sein. Der Exeget aber, der überhaupt kein Vorur­teilsdogma haben will, wird in keinerlei Richtung mo­tiviert sein zu gehen, und wird somit auch nicht die wahre Absicht und die wirkliche Aussage des behandelten Bibeltextes erfas­sen, denn 1) ist er ohne Feuereifer praktisch kaum in der Lage, lange Zeit an dem Text zu ar­beiten, 2) wird er unbewußt von bereits existierenden Vorur­teilsdogmen beeinflußt[vi] und wird 3) nicht in der Lage sein, den Text auch gegen sich selbst zu lesen.

 

            Leider zieht man es heutzutage vor, belanglose Exegese zu betreiben, die sich davor scheut, einen Text auf eine aktuelle geistliche Situation anzuwenden. Wie sich auch die Juden zu Zeiten der Apostel darüber geärgert haben, mit welcher "Freiheit" z.B. Paulus das Alte Testament auf Jesus hin auslegte, so regen sich heute die zum hermeneutischen Status Quo gehörenden "Exegeten" darüber auf, wenn es mal jemand wagt, mehr aus einem Text herausholen zu wollen als nur eine trockene Betrachtung über den geschichtlichen Hintergrund. Mühsam sucht man sich Informationen aus Bibelkommentaren heraus, womit man anderen den Weg zur Offenbarung nur noch erschwert, erweckt man doch durch sein Vorgehen den Eindruck, ohne Kenntnis über den geschichtlichen Hintergrund sei die Offenbarung Gottes nicht zu verstehen. Wird man von jemandem konfrontiert, der in prophetischer Weise das Wort auf die Hörer anwendet, schüttelt man entrüstet den Kopf und sagt "Solches ist noch nie in Israel gesehen worden!" (Mt. 9, 33b). Hier soll nun nicht einer gewissen Feindschaftlichkeit gegenüber allem Akademischen das Wort geredet werden. Aber alle exegetische Arbeit muß doch in erster Linie die darauffolgende Frucht im Heiligen Geist zur Folge haben und nicht das Lösen z.B. der Frage, wann genau der Galaterbrief geschrieben wurde.

 

            Die Unfähig­keit, den Bibel­text gegen sich selbst zu lesen, ist symptomatisch für den religiösen Menschen. Der religiöse Mensch sieht immer die Phrase "Gott mit uns" in der Bibel und bezieht diese Phrase, ohne zu reflektieren, auf sich selbst. Somit fällt der Exeget selbst in die Falle der Re­ligion, durch seine dogmatisch-motivationale Gleichgültigkeit und seine Weigerung, gegen die Religion mitzustreiten.

 

            Um mit Begeisterung an die Arbeit gehen zu können, benötigt der Exeget Anstöße, die die Lawine der Fragen und Denkvorgänge ins Rol­len bringen. Außerdem liegt es in der Natur vieler Bibelstellen, daß sie sich mit etwas im Widerstreit befinden. Deshalb muß der Exeget ver­schiedene mögliche Seiten eines Streites probeweise einnehmen, um so mit größerer Si­cherheit die vom Text vertretene Seite finden zu kön­nen. Da diese Seite eine Meinung vertre­ten kann, mit der der Exeget selbst vorher nicht sympathisierte, darf der Exeget nicht mit ei­ner ein­zigen dogmatischen Voreingenommenheit zum Text kommen, sondern muß flexibel sein und dem Text die Möglichkeit offen lassen, ihn, den Exegeten, zum Aufgeben vorher vertretener Voreingenommenheiten zu zwingen. Nur so wird der Exeget weder standpunktslos (relativistisch) noch dickköpfig (eigensinnig und unbelehrbar) sein.

 

            Des Weiteren werden wir aufzeigen, daß auf die Bibel angewandte Hermeneutik keine "hermeneutica sacra" sein darf, wenn sie sich mit der von der Bibel selbst vertretenen Wirk­lichkeitsvertrautheit decken soll. Die Bibel überzeugt nicht von irgendwelchen religiösen Illu­sionen und Hirngespinsten, sondern von der Wirklichkeit. Die Bibel hat keine Angst vor der Wirklichkeit, sie  braucht sich nicht zu verstecken oder zu schämen vor der Wirklichkeit. Sie be­schreibt die letztendliche Wirklichkeit des in Jesus fleischgewordenen Gottes, der alles unter seine Herrschaft bringen wird. Deshalb muß auch die antireligiöse Hermeneutik eine Herme­neutik sein, die sich in ihrem epistemologischen Grundvorgehen auch auf weltliche Literatur anwenden ließe. Sie wird keine "heilige Hermeneutik" nur für das Christentum und die Theolo­gie sein, sondern wird ein weiterer Brückenschlag sein zur Kommunikation mit Welt­menschen.


           Was ist Hermeneutik?

           

           Im Allgemeinen versteht man unter dem Begriff "Hermeneutik" einen Zweig der Literaturwissenschaft, der sich mit der Interpretation von Texten beschäftigt und dafür Theorien und Regeln postuliert. In neuerer Zeit ist man aber gleichermaßen dazu übergegangen, den Begriff "Hermeneutik" nicht nur für jene Disziplin innerhalb der Literaturwissenschaft zu begrenzen, nach der Praktiken der Interpretation eines beliebigen Textes gutgeheißen oder verurteilt werden; sondern ihn darüber hinaus auf weitaus fundamentalere Bereiche auszuweiten, nämlich auf die Bereiche der Epistemologie und der Ontologie, also jene Bereiche, bei denen es um die Grundfragen der Existenz geht. Dabei geht man davon aus, daß auch Phänomene, Denkkonzepte und historische Begebenheiten auf gleiche Weise wie Literatur analysiert werden können und sollten.

 

            Diese Phänomene haben mit der Wort-Behaftetheit der Existenz[vii] zu tun und sind somit "Texte" im weiteren Sinne. Im Bereich der Theologie wird die Disziplin der Hermeneutik nach dieser ausgeweiteten Auffassung über Hermeneutik zum Bindeglied zwischen Glaube und Philosphie[viii] [ix], denn vermittels der Hermeneutik interpretiert, "übersetzt" der Theologe nunmehr nicht nur biblische Texte, sondern auch biblische Denkkonzepte. Trotz ihres parallelen Auftretens mit den Theologen, die von der philosophischen Strömung des Existenzialismusses beeinflußt waren (einer Strömung die z.B. vom christlichen Philosophen Francis Schaeffer für viele negative Entwicklungen innerhalb des christlichen Denkens verantwortlich gemacht wurde), wird diese neuere Auffassung über Hermeneutik dem hermeneutischen Grundanliegen der Bibel selbst gerechter als die traditionellere Auffassung über Hermeneutik, nach der die Hermeneutik lediglich zu einem exegetischen Hilfsmittel wird.

 

            Wir werden in dieser Abhandlung sehen, daß es ja ein hermeneutisches Anliegen der Bibel selbst ist, als Ganzes verstanden zu werden und nicht als eine Ansammlung von Weisheiten. Hermeneutik ist also nicht nur dazu da, daß man den Bibeltext "a" richtig versteht und den Bibeltext "b" richtig versteht, sondern, daß man die ganze Bibel in ihrem ihr eigenen Geist versteht. Ja, man muß sogar weitergehen und sagen, daß wenn für uns Hermeneutik nur bei schwierigen Bibelstellen hier und dort notwendig wird, wo sie dann als punktuell eingesetzter Feuerlöscher oder Asphaltflicker eingesetzt werden darf und sonst im theologischen Dachspeicher zu verbleiben hat, dann hilft uns die Hermeneutik auch nicht zum Verständnis der Bibel als Ganzes, sondern führt uns sogar in die Irre; denn ein Verständnis einer Vielzahl von Bibelversen ohne logischen Zusammenhang ist ein oberflächliches Verständnis der Bibel und führt fast immer zu einem falschen Verständnis der Bibel[x]. Man kann einen Bibeltext "richtig" grammatisch, rhetorisch, logisch, historisch, usw. auslegen und doch die eigentlichen theologischen Aussagen dieses Textes verfehlen. Die Aufgabe der Hermeneutik ist nicht die Analyse von Texten, deren Resultate jedweden Gruppen von Menschen zur freien Verfügung gestellt werden, damit diese damit machen können, was ihnen paßt. Hermeneutik ist mehr als nur eine Weiterführung der Exegese. Heutzutage ist es häufig das Normale, daß die "Exegeten" jeder ihre Wortstudien betreiben, um danach den Gemeinden und Kirchen die "Freiheit" zu lassen, so zu bleiben, wie sie sind, hilflos und alleingelassen im Kampf gegen die Irrlehren und in der Behauptung gegenüber den apologetischen Herausforderungen der Zeit, in der sie lebt.

 

            Nach der dieser Abhandlung zugrunde liegenden Auffassung über Hermeneutik hat die Exegese eine der Hermeneutik untergeordnete Funktion. Durch die Hermeneutik werden die Bewegungsgründe der biblischen Autoren, ja der Bibel überhaupt, herauskristallisiert und als biblisch vertretbare dogmatische "Vorfilter" verwandt, nach denen sich die weitere Bibelbetrachtung so lange versuchsweise zu orientieren hat, bis eine Ungereimtheit mit anderen biblischen Texten auftritt, die dann zur Verwerfung des vorherigen und Wahl eines anderen "Vorfilters" führen kann. Die Hermeneutik sagt nicht: "Text Nr. 1 sagt dieses aus und Text Nr. 2 jenes", sondern die Hermeneutik sagt: "...diese Theologie ist biblisch haltbar, weil wir sie in den Texten y-z sehen und jene Theologie ist unbiblisch, weil sie auf einer falschen Auslegung der Texte a-b beruht und die Texte c-d vernachlässigt." In diesem Sinne wird die Hermeneutik zu einem Schiedsrichter zwischen verschiedenen theologischen Systemen ("Systematischen Theologien")[xi], der einerseits die Notwendigkeit der Dogmatik überhaupt ganz klar sanktioniert und sich andererseits nicht vor deren Starrheit beugen mag, wo es ihm unberechtigt erscheint. Die Hermeneutik tut also weitaus mehr, als lediglich exegetische Informationen und Neuheiten aus der Forschung (Archäologie, Geschichte) zu sammeln; sie vergleicht auch verschiedene Dogmen untereinander und maßt sich darüber hinaus an, unter ihnen frei zu richten und auszuwählen.                                                                                                                          

 

            Letzten Endes kann man sagen, daß die Hermeneutik nicht nur Texte interpretiert, lebendig macht, sondern das Christentum als Ganzes interpretiert. In diesem Sinne berührt sie sich mit der Apologetik. Die Apologetik kümmert sich um Fragen wie z.B. diese: "Wie können wir andere davon überzeugen, daß DIESER Glaube sich nicht vor der Wirklichkeit zu verstecken braucht, sondern sich mit der Weltwirklichkeit deckt und nicht zuletzt deshalb um so glaubwürdiger ist?", während die Hermeneutik sich mit der Frage beschäftigt: "WAS für ein Glaube ist richtiger, logischer, biblischer und daher glaubwürdiger und was für ein Glaube ist trotz vielfacher Beteuerungen nicht biblisch und muß daher verworfen werden?". Die Apologetik beschreibt und überzeugt, die Hermeneutik (nach unserer Auffassung) differenziert und überzeugt, sie verlangt, daß zuerst einmal unsere theologischen Ausgangsbasen überprüft werden, bevor wir dazu übergehen, Apologetik zu betreiben.


            Die Bedeutung der Doppelnatur Jesu für die systematische Theologie

 

            Kein in der Christologie und der allgemeinen Sektenforschung Kundiger würde die Tatsache leugnen, daß sämtliche bekannten christlichen Irrlehren sich zu einem gewichtigen Teil auf eine teilweise oder gänzliche Verneinung beziehungsweise ein mangelhaftes Verständnis der Doppelnatur Jesu zurückführen lassen. Der wünschenswerte Umkehrschluß zu dieser Erkenntnis wäre eine verstärkte Bemühung um Anwendungen der Lehre von der Doppelnatur Jesu in allen Bereichen der systematischen Theologie, nicht nur der Christologie an sich. Leider sind derartige Bestrebungen gegenwärtig weit davon entfernt, in der Christenheit die Oberhand zu gewinnen. Man lehrt zwar meist eine orthodoxe Christologie, in der Apollonarianismus, Arianismus, Sanbellianismus usw. sämtlich behandelt und abgelehnt werden. Zu einer Ausmerzung der diesen Irrlehren zugrundeliegenden Denkschemata (nämlich dem gnostischen Dualismus bzw. Platonismus) aus der Theologie als Ganzem kommt man jedoch in der Folge kaum.

 

            Wenige Ausnahmen schmücken das ansonsten in dieser Hinsicht recht triste Bild der theologischen Landschaft: So zieht Christian A. Schwarz in einem Buch über Gemeindewachstum[xii] Parallelen zwischen der Gefahr, die göttliche Natur Christi gegen die menschliche auszuspielen und der Gefahr, die Notwendigkeit des Wirkens Gottes in der Gemeinde in dem Maße überzubetonen, daß man Programme und Methoden für das Gemeindewachstum als schnödes menschliches "Dazutun" bezeichnet und diese in der Folge vernachlässigt oder verwirft. Dies ist sozusagen ein Auftreten des "Apollonarianismus" (Verneinung/Vernachlässigung der Fleischwerdung Christi, oft in dogmatischen Werken mit dem Manichäismus gleichgesetzt) in der Ekklesiologie (Lehre von der Gemeinde). Andersherum sieht Schwarz analog zur Gefahr der Verdrängung der göttlichen Natur Christi in der Christologie (Arianismus, Docetismus) eine Gefahr in der Gemeinde, die er "technokratischen Fehler" nennt, wenn nämlich Institutionen,  Programme und Methoden in ihrer Bedeutung für das Gemeindewachstum überschätzt werden.

 

            Dieses Vorgehen ist ein gelungener Versuch, die mit der Doppelnatur zusammenhängenden zentralen Lehren von einer strikten Begrenzung auf die Christologie loszulösen und auf andere Bereiche der systematischen Theologie zu übertragen. Die weiteren Ausführungen von Schwarz sind überzeugend und decken sich übrigens mit den verwendeten empirischen Untersuchungen in Gemeinden.

 

            In vorliegender Arbeit wird die Lehre von der Doppelnatur Christi auf die Hermeneutik angewandt, speziell wenn es um die Lehre von der Inspiration der Schrift geht. Dadurch hoffe ich, zu einer wahrhaft "evangelischen[xiii]" (anti-gnostischen) Schriftauslegung mit beitragen zu können. Ohne ein Wissen von diesem Bestreben würde es sicherlich für den einen oder anderen noch befremdender sein als es ohnehin schon sein mag, z.B. am Ende des folgenden Kapitels über spezielle und allgemeine Hermeneutik von "manichäischer Bibelauslegung" zu lesen.            

 

1) Relativismus und Dogma - Zwei entgegengesetzte Ausgangspunkte

 

            Spezielle oder allgemeine Hermeneutik[xiv]?

 

            In seinem Buch "Vom Verstehen des Neuen Testaments - Eine Hermeneutik" beschreibt Peter Stuhlmacher[xv], wie die Pietisten des 19. Jahrhunderts Calvins Prinzip des "testimonium spiritus internum" (inneres Zeugnis des Heiligen Geistes, demzufolge der Heilige Geist die Schrift erleuchtet), weiterentwickelten, bis sie zu ihrer Auffassung einer "hermeneutica sacra" gelangten. Nach dieser Auffassung kann die Bibel nur von Wiedergeborenen, von Geisterfüllten,  verstanden werden und die Bibel verlangt daher die Anwendung einer speziellen Hermeneutik, einer "hermeneutica sacra" (heiligen Hermeneutik), die sich nicht bei anderen Texten anwenden läßt. Diese Hermeneutik wurde auch "Wiedergeburtshermeneutik" genannt.

           

            Während die ersten pietistischen Hermeneutiker trotz dieser Hermeneutik eine generelle Feindschaft mit der Literaturwissenschaft vermeiden wollten, so war es doch unvermeidlich, daß die Pietisten schließlich zu einer Art dualistischen Denkweise kamen, bei der die Wirklichkeit aufgeteilt wurde in eine "heilige" und eine "profane" Wirklichkeit. Die Wirklichkeit der Bibel wurde somit getrennt von der Wirklichkeit "außerhalb der Bibel"[xvi]. Die magische Erwartungshaltung gegenüber biblischen Texten (wie auch bei manchen Strömungen im Islam mit dem Koran), die wir auch bei den heutigen Neu-Gnostikern antreffen, hat hier ihre Wurzeln. Ein Abheben der Wirklichkeit der Bibel von der Weltwirklichkeit geht mit einer Unfähigkeit zu glauben Hand in Hand; nämlich mit der Unfähigkeit, zu glauben, daß eben diese Bibel, auf die man sich beruft, jeden Menschen durch ihre eigenen, ihr innewohnenden Botschaften wachrütteln kann. Wenn geglaubt würde, daß die Bibel theoretisch jeden Menschen zu einer Entscheidung führen könnte, würde nicht von vornherein der Begriff "Heiliger Geist" als eine Verstehensbarriere vorgeschoben.

           

            Natürlich erleuchtet der Heilige Geist auf ganz reale Weise, aber dies läßt sich nicht als ein meßbares Kritierium für eine Fähigkeit, die Bibel verstehen zu können, gebrauchen. Das Problem ist nämlich, daß jeder vorgeben kann, im privilegierten Besitz dieser Erleuchtung zu sein. Statt also den interessierten und nicht-erretteten Menschen mit den biblischen Botschaften zu konfrontieren, welche allein ihn überzeugen können, wird er zuerst einmal mit der Notwendigkeit der Erfahrung des Empfangs des Heiligen Geistes konfrontiert. Freilich wird niemand bestreiten wollen, daß der Nicht-Errettete den Heiligen Geist empfangen muß. Aber zuerst muß er von der Notwendigkeit der Annahme der Botschaft Jesu überzeugt sein.

 

            Der Heilige Geist überzeugt in erster Linie nicht von der Notwendigkeit des Empfangs Seiner Selbst, sondern überführt (durch Argumente, die auch für Nicht-Besitzer des Heiligen Geistes verständlich sind) die Welt (nicht nur die Heiligen) von ihrer Schuld und Sünde, von der Vorherrschaft der Gerechtigkeit Gottes und von der Realität des Gerichts (Joh.16,8; Apg.10,44). Wer von dieser Botschaft des Heiligen Geistes innerlich überzeugt und zur Buße bewegt wurde, empfängt auch den Heiligen Geist. Ob er aber nun den Heiligen Geist empfängt oder nicht, ist nicht unsere Sache, sondern Gottes; es ist nicht unsere Pflicht, Meßkriterien zum Empfang des Geistes aufzustellen[xvii]. Statt  die Menschen von Anfang an mit unserer mystischen Auffassung eines Heiligen Geistes zu bedrängen, sollten wir ihnen zeigen, was die biblischen Autoren angriffen und anboten, wobei wir es den Hörern überlassen, sich darüber klar zu werden, daß in Wirklichkeit Gott und der Heilige Geist argumentieren und nicht menschliche Weisheit (2.Petr.1,21[xviii]).

           

Subjektive Erfahrungen sind völlig authentisch und können auch sehr hilfreich sein, allerdings nicht als hermeneutisches oder apologetisches Argument. Der Hauptfehler pietistischer Hermeneutik liegt darin, daß die Ordnung "Bibel - Heiliger Geist" auf den Kopf gestellt wird. Bei der pietistischen Hermeneutik ist zuerst einmal der Heilige Geist wichtig, danach erst kommt die Bibel zu Wort. Dadurch wird die Bibel vor der Öffentlichkeit verschlossen. Der Heilige Geist, als Teil der Dreieinigkeit, ist selbst auch Gott, dies trifft auf das Wort Gottes nicht zu. Aufgabe des bibelgläubigen Hermeneutikers ist es, die Bibel den Menschen zu vermitteln; den Heiligen Geist zu vermitteln ist Gottes Sache.

           

             Hermeneutik kann nicht eine spezielle Hermeneutik nur für die Bibel sein, zumal wir es mit Texten zu tun haben, die von Menschen geschrieben wurden. Daher muß unsere Hermeneutik eine Hermeneutik sein, die sich für jedwede Art von Literatur anwenden läßt, nicht nur für die Bibel. Die Bibel ist ein hundertprozentig menschliches Buch. Die Tatsache, daß die Bibel gleichzeitig ein hundertprozentig Gottgegebenes Buch ist, das wörtlich inspiriert und bis ins kleinste Iota unfehlbar ist, gibt uns nicht das Recht, eine Hermeneutik einzuführen, die nur für die Bibel anwendbar sein soll. Die Gottgegebenheit der Bibel offenbart sich nicht etwa dadurch, daß eine gnostische Erleuchtung notwendig sei, um sie verstehen zu können, sondern dadurch, daß Gott für alle, auch für die "Nichterleuchteten", in den Leben derjenigen sichtbar wird, die sich durch den Glaubensgehorsam gegenüber eben dieser Bibel haben umwandeln lassen (und dann die Bibel im Heiligen Geist natürlich noch besser verstehen).

 

            Die Bibel ist nicht "göttlich", um als magisches Buch in den Geheimclubs derer herhalten zu können, die sich damit brüsten "Gott zu haben", sondern sie ist Gottgegeben; damit durch sie jedwede Art von Religion zerstört würde; daß sie von jedem, der will, geglaubt werde; daß sie ausnahmslos alle richte und sogar; daß sie von einigen falsch verstanden werde, zu deren Verdammnis. Die Bibel ist herausfordernd, autoritär, unfehlbar, letztendlich wahr, dynamisch und explosiv und nicht mysteriös im spiritualistisch-magischen Sinne des christlichen Gnostizismusses und der Religion überhaupt[xix].

 

            Allein schon die biblische Lehre von der Fleischwerdung Gottes in Jesus Christus warnt uns vor jeder dualistischen Trennung des menschlichen Charakters der Bibel vom göttlichen Charakter der Bibel (2.Joh.7[xx])[xxi]. Die Bibel ist also Gottgegeben, nicht, weil es sich bei ihr um eine "heilige" Botschaft handelt, die aus der Ferne des Himmels zu uns telegraphiert wurde, sondern gerade deswegen, weil es Gott gefallen hatte, sich ganz irdischen und zunächst einmal "unheiligen" Menschen zu offenbaren (Jes.6,5[xxii]), anstatt diese dem Zufall anheim zu geben. Denn nur der Gott ist Gott gemäß der Bibel, der sich des Menschengeschlechts erbarmt und sich nicht mit ein paar Clubs von "Auserwählten" zufrieden gibt[xxiii].

           

             Die Aufgabe einer speziellen Hermeneutik bedeutet nicht die Aufgabe des Anspruches des Christentums, letztendliche und absolute Wahrheit zu verkörpern. Genau dadurch nämlich, daß die theologische Hermeneutik sich nicht um ein spezielles Recht reißt, um eine Existenz, die von aller "anderen" Wirklichkeit unabhängig meint zu sein; wird die christliche Theologie für alle glaubwürdiger. Durch das Drangeben einer speziellen Hermeneutik zeigen wir, daß wir ganz sicher glauben: Die Wahrheiten, die in der Bibel geoffenbart werden, halten jeder Prüfung stand; die Wahrheit der Bibel ist Wahrheit, nicht weil WIR dies sagen, proklamieren, glauben und erfahren, sondern weil es so IST. Gott gebraucht zum Geschriebenwerden Seines unfehlbaren Wortes nicht etwas Höheres neben dem "unheiligen", menschlichen geschriebenen und gesprochenen Wort, um Seine propositionale und letztendlich gültige Wahrheit zu offenbaren.

 

            Gott gebraucht kein "ätherisches" Medium, um Sich zu offenbaren, sondern wird gewissermaßen Fleisch im menschlichen Wort, trotz der Tatsache, daß menschliche Worte oft nur mangelhaft übersetzt und somit falsch verstanden werden können und auch sonst ganz der allgemeinen menschlichen Unzulänglichkeit entsprechen. Die Hypothese einer "Akkomodierung"[xxiv], nach der Gott durch das Wirken Seines Geistes oder durch göttliche Vorsehungen bei der Übersetzung die Unzulänglichkeiten des menschlichen Wortes überbrückt, ist nicht notwendig; die Erfinder dieser Hypothese zeigen nur, daß sie die "Fleischgewordenheit" des Wortes zumindest an diesem Punkt nicht gänzlich verstanden haben.

 

            Nur in oben ausgeführtem antidualistischen Sinne ist die Lehre der wörtlichen Inspiration überhaupt haltbar[xxv]. Ja, die wörtliche Inspiration wird dadurch sogar erst recht logisch zwingend, denn ein Verneinen eben dieser wörtlichen Inspiration kommt ja einer Verneinung der Fähigkeit Gottes, Göttliches in Fleischesgestalt auftreten zu lassen, gleich. Damit sind wir übrigens weit entfernt von der Barth'schen, "neu-orthodoxen" Lehre, derzufolge die Bibel nicht das Wort Gottes sei, sondern dieses nur enthalte. Gleichzeitig wenden wir das, was man in der Christologie tun sollte, auf die Lehre von der Schrift an: Wir verneinen sowohl den Apollonarianismus als auch den Arianismus/Docetismus. Auf die Hermeneutik bezogen bedeutet dies, daß wir zwei falsche Extreme vermeiden wollen, nämlich:                                      

 

            1.) Eine "manichäische" Bibelauslegung, die menschlichen Witz, menschliche Polemik, menschliche Didaktik usw. nicht in der Bibel zulassen will und sich statt dessen unter dem lügenhaften Schatten eines Phantom-Gottes beugt, der in strenger Manier blinden Glauben an phänomenologische Einzelheiten verlangt, welcher weder heilsbringend noch im wirklichen Glauben weiterführend ist und

 

            2.) Eine relativistisch-skeptische Auslegung, die so voll Sorgen über reine Textprobleme ist, daß sie das Göttliche im Text nur noch als farcenhafte, moralisch notwendige Hypothese akzeptieren kann, wenn überhaupt.


            Dogmatische "Voreingenommenheit" und das Prinzip der Grundannahme

           

            Wie wir gesehen haben, kann uns eine spezielle Hermeneutik nicht weiterhelfen. Aber wir können sehr wohl von einer Glaubenshermeneutik sprechen, ohne dabei der pietistischen Idee einer Hermeneutica Sacra zu verfallen.

 

            Ganz gleich wie sehr wir uns auch anstrengen, "objektiv" oder "neutral" zu sein, wenn wir in den Dialog mit anderen Denksystemen treten (jede mit der ihr eigenen Epistemologie und Hermeneutik), werden wir auf jeden Fall in einen unvermeidbaren Konflikt geraten und zwar spätestens dann, wenn wir auf letztendliche und absolute Wahrheit(en) zu sprechen kommen.

 

            Was wir als Christen zeigen wollen, ist, daß die Bibel die höchste Verständigungsebene darstellt. Von der erhöhten Stellung der Offenbarung Gottes aus werden alle anderen Denksysteme, alle anderen Arten des Verstehens beurteilt[xxvi]. Der Zweck des Zur-Anwendung-Bringens des Objektivitätsprinzips (welches im nachfolgenden Kapitel erläutert wird) ist nicht, daß wir uns einen Steinvorsprung in einer Galerie von Philosophien meißeln, wo wir dann als eine von vielen Philosophien uns selbst verewigen und allen anderen mit einem toleranten und relativistischen Lächeln zublinzeln. Statt dessen wollen wir schließlich, nachdem wir anderen die Möglichkeit zur eigenen Beurteilung ließen, doch mit "autoritären" Argumenten zur Sache kommen, wie z.B. folgendermaßen: "Ihr seht nun, daß Jesus Christus Euer Leben in Anspruch nehmen will und warum er das Recht hat, dieses zu wollen... usw."

 

            Der Glaubenshermeneutiker will auf den Markt der Ideen eintreten, nicht weil es ihm gefällt, dort begrüßt und respektiert zu werden von den Vertretern anderer Versuche, das Rätsel der Wirklichkeit zu entschlüsseln; er tritt, bei aller Dialogbereitschaft und Achtung vor den anderen, letztendlich nur mit der Absicht auf den Markt der Ideen, den anderen ihre falschen Grundsätze unter den Füßen wegzuziehen und sie zum Glaubensgehorsam gegenüber dem Wort Gottes (nicht unserer Worte) zu bringen. (2.Kor.10,5[xxvii]).

 

           Obwohl wir anderen Raum geben, unsere Botschaft auf "objektive" Weise beurteilen zu können, werden wir zu guter Letzt keine "völlig objektive" Hermeneutik betreiben können.

 

            Die Bibel kann nicht in "objektiver" Weise gelesen werden. Wir nähern uns der Offenbarung Gottes mit einer Anzahl von Fragen im Hinterkopf, gemäß derer wir etwas untersuchen wollen in der Bibel; und diese Fragen lassen uns in gewisser Weise "voreingenommen", "mit Vorurteilen behaftet" sein, ob wir dies zugeben wollen oder nicht.

 

            Die Aufgabe des Glaubenshermeneutikers ist es nun, zwischen diesen unvermeidlichen "Vorurteilen", "Voreingenommenheiten" oder "Grundannahmen" zu differenzieren, auszuwählen und diese bezüglich ihrer Qualität zu bewerten[xxviii].

 

           Von deren Qualität hängt nämlich alles ab. Wenn z.B. unsere Grundannahme ist, daß die Menschheit heute schlauer ist als zu Jesu Zeiten, wird unser Verständnis gewisser Bibelstellen anders sein, als wenn wir die Annahmen, Prinzipien und "Affekte[xxix]" zugrunde legen, die aus den Bibeltexten selbst herauszukristallisieren sind.

 

            Die Hermeneutik filtert und sortiert zwischen möglichen Grundannahmen zum Verständnis: Sind diese Grundannahmen oder, negativ ausgedrückt, Vorurteile, mit der zentralen Botschaft der Bibel oder wenigstens eines Buches oder Kapitels der Bibel (vornehmlich des zu behandelnden Textes) übereinstimmend?

           

            Die Bibel selbst ermahnt uns, "die Geister zu prüfen" (1.Joh.4,1; Johannes versteht hier unter "Geist" "Lehre", denn er spricht im betreffenden Kontext von lügenhaften Propheten). Welches sind die Kriterien anhand derer wir "die Geister prüfen" können?  Paulus gibt uns im Römerbrief eine Antwort: Jede "Weissagung" soll "nach dem Maß"; gemäß (oder: "nach") der Analogie des Glaubens (kata teen analogian teen pisteoos) geschehen (Röm.12,7). Für Paulus besteht die Rolle sowohl der Weissagung (Prophetie) als auch der Lehre darin, die Gemeinde zu erbauen (1.Kor.14,3-5+19[xxx]). Es gibt also auch "Weissagungen" und Lehren, die die Gemeinde überhaupt nicht erbauen, weil sie nicht "gemäß des Glaubens" sind, nicht dem Glauben entsprechen, nicht der Motivation des Glaubens entspringen (siehe hierzu auch Hebr.13,9[xxxi]).

 

            Jede Bibelauslegung muß sich mit den Grundartikeln des christlichen Glaubens im Einklang befinden. Eine Bibelauslegung, die sich mit den Glaubensdogmen im Streit befindet, ist antichristlich, auch wenn sie noch so viele Bibelstellen anführen zu können meint[xxxii].
           

            Das Objektivitätsprinzip

 

            Wir haben behauptet, es sei nicht nur unvermeidlich, das Bibelstudium mit einer "Voreingenommenheit" oder Grundannahme anzugehen, sondern sogar äußerst wünschenswert, ja notwendig, vorausgesetzt, diese "Voreingenommenheit" entspringt einer "glaubensgemäßen" Dogmatik.

 

            Nun werden aber andere einwenden, wir ließen die Bibel nicht das aussagen, was sie aussagen wolle, da "unsere" Dogmen wichtiger seien als die Schrift selbst. Deshalb müssen wir an dieser Stelle definieren, was wir unter "Objektivität" verstehen.

           

             Es gibt eine Art von Objektivität, die nichts anderes ist, als eine Angst davor, für eine Meinung einzutreten, die sich zu verteidigen lohnt. Der Pietist Rambach z.B. sagte[xxxiii], daß der Exeget sich nicht um jeden Preis darum bemühen solle, daß seine Meinung andere gewinne. Statt dessen solle er immer zum Dialog bereit sein und, gänzlich frei von Zorn oder Leidenschaft, eher mit einer heiteren Grundstimmung, sich wieder aufs Neue der Exegese und Wortbetrachtung zuwenden. Während wir der Bereitschaft zum Dialog natürlich zustimmen, fragen wir uns doch, ob es heute überhaupt noch ein Evangelium oder eine Gemeinde gäbe, wenn Jesus, die Apostel und die Reformatoren "gänzlich frei von Zorn und Leidenschaft" gewesen wären. Wenn wir die ebenfalls pietistische Lehre von den Affekten an diesem Punkt anwenden, müssen wir zu einer etwas anderen Folgerung kommen: Nämlich wenn Jesus auf die religiöse Elite Seiner Tage erzürnt war, dann sollten wir zumindestens nicht gleichgültig darüber hinweggehen, ja besser uns mit Leidenschaft erfüllen lassen für die gleiche geistliche Auseinandersetzung, wo sie sich in unserer Zeit abspielt.

           

           Somit wären wir wieder bei der Notwendigkeit einer geistlichen "Voreingenommenheit", einer theologischen Grundhaltung angekommen. Weiter oben haben wir aber auch eine spezielle Hermeneutik, die jeden Dialog im Grunde verweigert, verworfen. Wie lassen sich diese sich scheinbar wiedersprechenden Thesen miteinander in Einklang bringen?

 

            Wie so oft tut auch an diesem Punkt eine sorgsame Differenzierung not: Wir müssen nämlich nicht irgend eine, sondern die Art von Objektivität anwenden, die von der Bibel selbst propagiert wird. Die Bibel behauptet nicht, daß wir Bibelverse auf "objektive" Art und Weise auslegen können. Statt dessen propagiert die Bibel eine Objektivität nur für den Prozess des Auswählens zwischen der Lehre "x" mit der Lehre "y". Sie sanktioniert nicht eine von dogmatischen Lehrsystemen gänzlich unabhängige Bibelauslegung. Aber sie nennt Beispiele, wo Menschen die Möglichkeit wahrnahmen oder wahrnehmen sollten, zwischen einem Set von dogmatischen Regeln, einer systematischen Theologie einerseits und einem anderen Set von dogmatischen Regeln, einer anderen systematischen Theologie andererseits, sich zu entscheiden.

           

            Jesus gibt den Juden das Recht, auf "objektive" Art und Weise abzuwägen, ob Seine Lehre von Gott ist oder nicht (Joh.7,16-18[xxxiv]). Er läßt ihnen die Freiheit, Seine Werke als ein objektiv meßbares Beurteilungskriterium heranzuziehen (Joh.10,37+41-42; siehe hierzu auch Joh.20,29)[xxxv]. Jesus ist nicht der Vertreter irgendeiner Philosophie, sondern eben der unerschütterlichen Wahrheit, die sich anhand der Geschichte (und Heilsgeschichte) nachprüfen läßt. Nicht ein Studium der Schrift ohne Vorurteile kann zur Umkehr führen (dann würde niemand gerettet, denn jeder hat irgendwelche Vorurteile, die er durch seine Kultur und Umgebung mitbekommen hat und über die er sich nicht einmal im Klaren ist), sondern ein objektiver Vergleich der Lehre Jesu mit anderen Lehrsystemen (z.B. dem Lehrsystem der Religion, der Mehrheit des Volkes Israel auf der Höhe seiner Selbstüberhebung, der Judenchristen zur Zeit der Urgemeinde, etc.).

           

            Die Juden in Beröa (Apg.17,10+11[xxxvi]) haben nicht etwa die Bibel (das Alte Testament) auf objektive Art studiert, sondern sie verglichen (durch Bibelstudium) die Lehre der Apostel (deren Auslegung des Alten Testaments im Hinblick auf Jesus Christus als Messias) mit der Lehre (Auslegung des Alten Testaments), die sie bislang kannten. Die Bibel wurde dabei nicht objektiv gelesen, sondern durch das Prisma, durch den Filter derjenigen neuen Grundannahmen, die sie nun von den Aposteln als Alternative zu ihren alten Grundannahmen vermittelt bekamen. Sie ließen ihre alten Grundannahmen für eine Weile links liegen und prüften, "ob es sich so verhielte", d.h. ob nicht vielleicht die neuen apostolischen Grundannahmen eine bessere Erklärung des Alten Testaments boten. Einige haben sich damals für das neue Prisma des Bibelverständnisses entschieden ("viele nun von ihnen glaubten"), andere verblieben in der alten jüdischen Dogmatik[xxxvii]. Was im Speziellen geglaubt wurde, war nicht nur einfach die Bibel (damals das Alte Testament) an sich, die wurde ja von den anderen auch weiterhin geglaubt. Was hier anstatt eines allgemeinen Bibelglaubens geglaubt wurde, war im Besonderen die neue Bibelauslegungsmethode der Apostel, die Jesus zum Zentrum der Offenbarung Gottes machte.

 

             Um von nicht-glaubensgemäßen dogmatischen Traditionen, die nicht zu Gott führen, frei zu werden, ist es notwendig, die Bibel mit Hilfe anderer Lehren neu zu lesen. Dies ist die Art von Objektivität, die von der Bibel propagiert wird.

           

             Niemand wird gezwungen, Jesu Lehre anzunehmen. Jesus selbst schreckt nicht davor zurück, die von Ihm verkündigte Wahrheit einem objektiven Vergleichstest zu unterwerfen, denn er muß nicht erst selbst davon überzeugt werden, daß er der Sohn Gottes IST und daß die Wahrheit theoretisch-menschlich gesehen von jedem erkannt werden kann, der sich nicht durch seinen eigenen Starrsinn vor diesem Vergleichstest abschottet. "Wenn jemand seinen (Gottes) Willen tun will, so wird er von der Lehre wissen, ob sie aus Gott ist oder ob ich aus mir selbst rede." (Joh.7,17). Jesus weiß, daß die Wahrheit nicht von Menschen abhängt, weshalb er auch nicht "die Person anzusehen" braucht, sondern die Freiheit hat, die Wahrheit, so wie sie ist, zu lehren (Mk.12,14[xxxviii]). Auch wir können die gleiche Freiheit haben, wenn wir nicht eingebunden sind in eine menschlich-religiöse Pseudodogmatik, die eigentlich kein logisch zusammenhängendes Gedankengerüst anbieten kann und deshalb auf fleischliche Verbreitungsmethoden wie unlautere Propaganda, Manipulation und Druckmittel zurückgreifen muß.

           

            Thiselton beschäftigt sich mit der Frage, ob Jesus eine "externalistische" Argumentationstaktik verwendet[xxxix]. Letzteres ist der Fall, wie wir gesehen haben. Jesus räumt den allgemeinen, menschlichen Verstehensebenen (Geschichte, Beobachtungen durch Augenzeugen, menschliche Logik) eine Rolle ein bei der Bewertung Seiner Lehre. Er begrenzt nicht die Bibel auf das, was die Bibel sagt. Dies wäre ein Absurdum, zumal ja die Bibel selbst Predigten über sich selbst enthält, in denen zeitlich davor geschriebene Bibeltexte interpretiert werden (5. Buch Mose, Psalm 136 und später im Neuen Testament die Predigten in der Apostelgeschichte).

 

            Es wäre falsch zu behaupten, daß die Bibel das einzige Buch sei, daß man bräuchte. Es ist notwendig, das in der Bibel Geschriebene mit der Außenwelt in Beziehung zu setzen und durch das nicht-inspirierte gesprochene und geschriebene Wort mit der außerbiblischen Wirklichkeit in Beziehung zu bleiben. Die Verwendung außerbiblischer Denkstrukturen und Gedankenablaufsmuster findet auf ganz natürliche Weise statt und ist auch notwendig. Der religiöse Mensch ist jedoch immer ein "Internalist". Er schafft sich eine Realität, die seine eigene Schöpfung ist, durch die er befriedigt wird und mittels derer er sich vor Gott versteckt. Alle seine Gedanken sind nur Projektionen seines selbstgereinigten Gewissens durch die er zufriedengestellt wird und aufgrund derer er sich sicher fühlt. Auch die Pharisäer waren in diesem Sinne "Internalisten" oder "Puristen".

           

           Die Funktion der Objektivität ist auch die Auffindung falscher Dogmen. Nicht-glaubensgemäße dogmatische Voreingenommenheiten versperren die Bibel und den Himmel vor denen, die Gott erretten möchte.

 

             Das Problem ist, daß uns die Bibel keine Liste von biblischen Glaubensartikeln hinterlassen hat. Deshalb müssen die christlichen Glaubensgrundsätze von sündigen Menschen formuliert werden. Letztere sind nie vollkommen, deshalb sind auch deren Glaubensdogmen Fehlerhaftigkeiten und Unvollkommenheiten unterworfen. Auch die Menschen allgemein sind immer in Gefahr und Versuchung, religiös zu werden, sich in ihrer Stellung zu gefallen und ihre Dogmen (die falsch sind oder falsch verstanden werden) als ein Werkzeug kirchlicher Macht zu mißbrauchen, durch die u.U. Gottes Verkündiger zum Schweigen gebracht werden sollen. Da die Wirklichkeit der Bibel nicht von der Wirklichkeit der Welt getrennt ist, wird es notwendig, daß die dogmatischen Grundannahmen immer wieder an die Situation, in der sich die Christenheit und die Welt befinden, angepaßt werden. Anstatt sich im eigenen geistlichen Ghetto einzuschließen, muß die Gemeinde sich immer wieder nüchtern und ohne Illusionen einer Selbstbestandsaufnahme stellen sowie die Welt um sie herum betrachten um dann ihre Lehren in der Weise neu formulieren zu können, daß ihre Botschaft auf die überzeugendste, aktuellste, radikalste und aufsehenerregendste Weise eine Antwort bietet auf das Enigma des Daseins und auf die Probleme, mit denen sich die Menschen beschäftigen.

 

            Wenn die Gemeinde nicht dazu bereit ist, dies zu tun, müssen andere es tun. Dann müssen andere die Bibel gewissermaßen dieser Gemeinde entreißen; um den Weg zur Errettung neu zu öffnen, den jene Gemeinde durch ihre Über-Subjektivisierung des Glaubens versperrt hatte.

 

            Und wie wird jenen religiös-gewordenen Christen die Bibel unter der Nase weggeschnappt? Durch kritische Exegese. Unter kritischer Exegese verstehen wir eine Exegese, bei der andersartige Dogmen als alternative Forschungsmotivationen verwendet werden. Die Bibelstellen, auf die sich alte Dogmen stützten, werden unter Berücksichtigung neu dazugewonnener linguistischer und historischer Erkenntnisse nochmals genau unter die Lupe genommen. Oftmals werden die dann neu gewonnen exegetischen Forschungsergebnisse ein altes Dogma bestätigen und weiter veranschaulichen und alte Prinzipien, die die alte Kirche kannte und die heute in Vergessenheit geraten sind, werden neu entdeckt. Aber es kommt auch vor, daß ein altes Dogma dadurch ins Wanken gerät. Häufiger werden Mißbräuche, Mißverständnisse alter Dogmen dadurch erhellt sowie religiöse Dogmen, die sich in die Christenheit eingeschmuggelt hatten, entlarvt und für biblisch unhaltbar befunden.

 

            Das Problem ist heute, daß zwar kritische Exegese betrieben wird, aber nachdem der Exeget die Bibel durch seine von falschen Dogmen unabhängige Analyse "objektivisiert" hat, läßt er gewissermaßen sein Schreibzeug fallen und die Gemeinden bleiben so, wie sie gerade sind; alles bleibt beim Alten. Was der Theologe heute nicht tut, weil es allgemein verpönt oder unmodisch ist, bzw. nicht tun darf, weil er damit u.U. seine Arbeitgeber verärgern würde; ist die Verquickung von kritisch-exegetischer Forschung mit fruchtbarer Dogmatik. Jeder puzzlelt brav an seinen Untersuchungen zu irgendeinem griechischen oder hebräischen Wort herum und trägt hier ein bißchen und dort ein bißchen bei zur exegetischen Forschung. Wenige wagen es, an bestehenden dogmatischen Fundamenten zu rütteln, das Abgleiten der Kirche ins Religiöse ohne Schöntuerei zu diagnostizieren oder die Kirche "ad fontes" zu rufen, zurück zu den alten antireligiösen dogmatischen Fundamenten der Apostel, Kirchenväter und Reformatoren, die ihre Entstehung und ihr Überleben überhaupt möglich machten.

 

            Wenn es darum geht, die Gemeinde in die Lage zu versetzen, den evangelistischen Sendungsauftrag (Mt.28,18-20) neu erfüllen zu können, bedarf es einer ständig neu erfolgenden geistlichen Läuterung, auch wenn dies im Extremfall zu unbeabsichtigten Trennungen führt.

 

            Dieser Sachverhalt läßt sich an folgendem Diagramm eines hermeneutischen Zyklusses veranschaulichen:

 

                       

                        Automatischer Gravitationsfaktor in Richtung Religion  

Ge-

Ausgangssituation: Die Kirche wird mit der Weltwirklichkeit kontrontiert und formuliert Antworten (Dogmen) a, b und c unter Verwendung der Bibel und der apostolischen Glabuensbekenntnisse.

 
gen-

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Fak-

Verbreitung der Dogmen a, b und c durch christliche Erziehung und Mission

 
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Zeit

 

 

 

 

 

 

 

 


Zu-

Der Zyklus findet hier sein Ende für die “christliche” Synagoge, sie zieht sich aus der Weltwirklichkeit in ihre Traumwelt zurück und wird ein kulturelles Museum oder eine politische Partei. xl

 

Ungewünschter Nebeneffekt: Religiöser Abfall einer Gemeinde oder eines Teiles einer Gemeinde, von der (dem) die Reformation nicht akzeptiert wird.

 

Dieser Zyklus muss immer weiter gehen (“continual reformation”)

 

Unter Verwendung der Bibel und der apostolischen Glaubensbekenntnisse sowie ausgehend vom neu korrigierten dogmatischen Fundament, formuliert die Gemeinde, die immer noch in der Welt arbeitet und mit der Wirklichkeit konfrontiert wird, ihre alten Dogmen a und b in neuer Weise und fügt ausserdem die neuen Dogmen d, e und f hinzu.

 

               Kirchenreformation

 

In diesem Beispiel werden die Dogmen „a“ und „b“ neu bestätigt, während „c” von Kirchenreformatoren verworfen wird.

 

Prozess der analytischen Reflektion (Differenzierung)

 

Die Bibel wird sozusagen komplett “durchgescannt” und möglicherweise verkehrtes Verständnis aufgrund exegetischer Fehler, die in der Vergangenheit begangen wurden, wird von mehr oder weniger „unabhängigen“ bzw. „neutralen” Exegeten aufgefunden.

 

Prozess der kritischen Reflektion

 
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[xl]
           

               Es besteht ständig eine Notwendigkeit dogmatischer Erneuerung. Anstöße dazu bieten neue Ergebnisse der exegetischen Forschung und neue Fragen zeitgenössischer Kritiker. Im Idealfall werden immer neue Varianten möglicher dogmatischer Voreingenommenheiten bei der Exegese ausprobiert, bis eine Sammlung von Dogmen (eine systematische Theologie) formuliert wird, die für eine Zeitlang so viele biblische Texte wie nur irgend möglich in einen logischen, in sich koherenten Zusammenhang bringt und die dann auch für eine Apologetik der jeweiligen Zeit die besten Argumente liefert.

 

               Diejenigen Dogmen (Grundannahmen), die die Koherenz (das In-sich-logisch-Sein) einer antireligiösen Theologie stützen, werden verallgemeinert und weiter ausprobiert, während andere, sich mit jener "gesunden Lehre" (2.Tim.1,13) im Widerstreit befindlichen Dogmen, verworfen werden. Nach der Verwerfung letztgenannter "ungesunden" Dogmen werden diejenigen Bibelstellen, die sie zu stützen schienen, neuen exegetischen Untersuchungen unterzogen. Wenn man nämlich bei diesen Stellen genau hinsieht, kann man oft schon bei ganz einfachen Vorbereitungsfragen zur Exegese (wie z.B.: "In was für einem Textzusammenhang tritt diese Stelle auf?" oder: "Ist vielleicht ein Wort nicht im richtigen Sinn verstanden worden, hat es vom Urtext her eine andere Ethymologie wie die des Wortes, das in der Übersetzung gebraucht wird?" usw.) das Problem klären. In anderen Fällen sind tiefschürfendere exegetische Überlegungen vonnöten, wie z.B. die Überprüfung, ob es sich nicht um ein Wortspiel handeln könnte, um einen polemischen Text oder ob es sich nicht möglicherweise so verhält, daß der betreffende Text eine (existierende oder fiktive) Gegnerpartei zitiert.

           

          Gewöhnlich führt eine Ablehnung eines starren Dogmatismusses (für die man sich aufgrund der Beobachtung von Mißbräuchen genötigt fühlt) zum anderen Extem: Zum Relativismus. Wir schlagen statt dessen einen Mittelweg vor: Einen dynamischen Dogmatismus, der flexibel ist, um nicht in selbstsichere "Eisheiligkeit" zu verfallen und gleichzeitig zur Erarbeitung von klaren dogmatischen Richtlinien ermutigt, die Schutz bieten vor religiösen Interpretierungen der Offenbarung Gottes.

           

            Unsere Dogmen werden in dem Moment gefährlich, wenn wir uns mit ihnen sicher fühlen, wenn wir es nicht mehr für nötig halten, kritische und selbstkritische Exegese zu üben. Luther sagte, daß die Kirche immer neu reformiert werden muß. Er selbst war sich der zeitlichen Begrenztheit seiner eigenen Reform bewußt und wollte nicht, daß jemand eine Kirche nach ihm benenne. Thiselton schreibt dazu[xli]: "Die Hermeneutik liefert uns (durch ihre objektive Differenzierungsarbeit unter den verschiedenen dogmatischen Systemen) einen Schutz gegen die Neigung des Auslegers, den Text auf eine derartige Weise zu lesen, daß er darin nur das Echo seiner eigenen Einstellungen und Vorurteile hört. Nach Luther (zitiert nach Ebeling) begegnet uns das Wort Gottes immer als "adversarius noster", als unser Gegner. Die Bibel ist nicht gleich ohne Weiteres dazu bereit, uns zu bestätigen, uns zu ermächtigen, uns zu unterstützen in dem, was wir glauben, das wir sind und in dem was wir wollen, das andere von uns denken.

 

             In Wahrheit ist der Mensch, aufgrund seiner Sündhaftigkeit, immer versucht, religiös zu werden. Das Verbleiben im Evangelium, im Missionsauftrag und in der gesunden Lehre geht nicht automatisch, sondern erfordert ein ständiges geistliches Wachsein und eine kontinuierliche, Geist-gewirkte intellektuelle Regsamkeit (im vorhergehenden Diagramm veranschaulicht durch die dem nach rechts abfallenden "Graviationsfaktor Religion" entgegensteuernden und deshalb diagonal nach unten links zeigenden Pfeile).

 

            Wir können in diesem Zusammenhang von einem "Katholisierungsprozeß" sprechen, den es abzuwenden gilt. Heute wird eine Kirche reformiert von einem Reformator "X", morgen wird sie stolz darauf (Röm.11,20[xlii]) und eingebildet (wobei sie ihre eigentliche Aufgabe aus den Augen verliert), nennt sich "X'sche Kirche" und wird unmerklich zu einer neuen "katholischen" Kirche ("katholisch" hier natürlich nur in der geschichtlichen Perspektive der Reformatoren, zu deren Zeiten die römisch-katholische Kirche das antichristliche System schlechthin war, welches sich damals anmaßte, alleinige rechtmäßige Darstellung des Christentums zu sein).

           

             Der Mißbrauch des Reformations-Mottos "Sola Scriptura"

           

             Viele werden sich immer noch schwer tun mit dem Begriff "Dogmatismus". Sie sagen: "Daß religiöse Dogmen verworfen werden müssen, sehen wir ja ein. Aber warum sollen wir statt dessen andere Dogmen einführen? Uns reicht "sola scriptura", die Schrift allein!".

           

             Diese Grundhaltung ist im evangelikalen Lager häufig anzutreffen. Ebeling schreibt dazu passend[xliii]: "Der Begriff 'Tradition' des Katholizismusses war im Grunde eine Antwort auf das hermeneutische Problem. Die römisch-katholische Kirche sagte: 'Die heilige Schrift darf nicht nach jedermanns Ideen ausgelegt werden!'." Durch diese Aussage wurde jedoch zur Reformationszeit vor allem dazu beabsichtigt, Luthers Exegese zu verdammen. Luther antwortete, ja, die Bibel darf nicht nach irgendwelchen Ideen von beliebigen Leuten ausgelegt werden; aber das gibt uns nicht das Recht, die heilige Schrift beiseite zu legen, um statt dessen nur an die von der römischen Kurie autorisierten Kommentare zu glauben; sondern bedeutet lediglich, daß die Schrift in keinem anderen Geist verstanden werden kann, als nur durch den Geist, in dem sie geschrieben wurde und der sich eben nirgendwo anders herauskristallisieren läßt, als allein aus der Schrift selbst.

           

             Jesus selbst wurde implizit von den religiösen Machthabern seiner Zeit vorgeworfen, Er würde die Schrift nach Seinen eigenen Ideen auslegen (Joh.8,13+48). Mit dieser Anschuldigung verfolgten sie nicht etwa den frommen Zweck, den in ihren Augen irregegangenen Jesus so zum Gehorsam gegenüber der Schrift zurückzuführen, daß er Seine eigenen Ideen aufgäbe und sich der Schrift unterwerfe; sondern sie hatten dabei nur eines im Sinn: Sie wollten, daß Jesus (sowie seine Zuhörer und Anhänger) sich der hermeneutischen Tradition der Schriftgelehrten und Pharisäer unterwerfe, die diese für den einzig gültigen Schlüssel zum Verständnis der biblischen Texte hielten.

           

             Nicht selten führen Evangelikale aus demselben Grund das Argument "sola scriptura" an, nämlich als billiges Mittel zum Stopfen ungeliebter Kritiker-Mäuler; wobei es auch ihnen nicht darum geht, diese Kritiker "zurück zum sicheren Grund der Schrift zu führen", sondern sie unter das Joch ihrer jeweiligen Tradition zu zwingen. Sie sagen "sola scriptura" und denken in Wirklichkeit "sola ecclesia et hermeneutica nostra".

           

            Die Absicht, die Luther mit dem von ihm geprägten Begriff "sola scriptura" verfolgte, war nicht die Schaffung eines textzusammenhangslosen und wirklichkeitsfremden Biblizismusses, einer "letteristischen" antidogmatischen Buchstabenhermeneutik, die eigentlich eine Nicht-Hermeneutik ist. Mit dem Schlachtruf "sola scriptura" erklärte Luther den römisch-katholischen Kommentaren und Dogmen den Krieg. Diese wollte Luther nun durch Dogmen und Auslegungen ersetzen, von denen er (nach intensivem Bibelstudium) der Meinung war, sie würden die Absichten, Gedanken und den Geist der Schrift selbst und ihrer Autoren wiederspiegeln.

 

            In diesem Sinne ist Luther der Meinung, daß wir strenggenommen außerhalb der Schrift selbst keine Kommentare über die Schrift bräuchten, da wir Kommentare, Erklärungen zur Schrift in einigen Abschnitten und Büchern der Bibel selbst finden können, durch die wir andere Bücher oder Abschnitte der Bibel erklären können. Die Bibel ist "sui ipsius interpres", ihre eigene Auslegerin. Der Begriff "sui ipsius interpres" ist kein zweiter Punkt, der jetzt dem Begriff "sola scriptura" aufgeschraubt wird. "Sui ipsius interpres" verdeutlicht lediglich den hermeneutischen Sinn von "sola scriptura"[xliv]. Es ist nicht so, als ob Luther erst jedwede Art von Dogma oder hermeneutischer Motivation für die Bibelauslegung über Bord wirft und jetzt anfängt, nach hermeneutischen Techniken zu suchen; sondern der Begriff "sola scriptura" ist für sich genommen das hermeneutische Prinzip Luthers. Mit diesem Prinzip sagt Luther gewissermaßen: Die Bibel ist nicht obskur, als ob wir die römisch-katholischen Auslegungstraditionen bräuchten, um sie zu verstehen, sondern die Bibel selbst enthält hermeneutische Prinzipien, durch die falsche, religiöse, menschliche und klerikale hermeneutische Prinzipien entlarvt, verdammt und verworfen werden. Ein klärendes und alle Dunkelheit vertreibendes Licht erstrahlt in der Schrift, durch das Traditionen (die nicht den der Bibel eigenen Auslegungsprinzipien entsprechen) gerichtet werden.

           

              Die Mißverständnisse nachfolgender Generationen sorgten dafür, daß die für Luther charakteristische Unterscheidung zwischen "res" (der Sache an sich, dem Prinzip, dem Konzept) und "verba" (dem Wort, so wie es dasteht) vernachlässigt wurde und in Vergessenheit geriet; wodurch Tür und Tor geöffnet wurden für jene Art von "Theologien", die an den Buchstaben gebunden sind und die eigentlich gar nicht mehr als Theologien zu bezeichnen sind, sondern vielmehr Ansammlungen von nicht miteinander logisch verknüpfbaren Weisheiten und Moralismen, nach dem Motto "hier ein wenig, dort ein wenig".

 

            Um nämlich das "verba" wirklich verstehen zu können, muß das "res" unabhängig vom "verba" gefunden werden oder, anders ausgedrückt, wenn man nur am Verständnis der "verba" x, y und z arbeitet, wird man das sie verbindende "res" vor lauter Bäumen im Wald nicht sehen können.

           

           Heute tendiert man dazu, die Wichtigkeit systematischer Theologie überhaupt zu minimalisieren. Mehr "biblische" (auf Authoren und Bücher der Bibel sich konzentrierende, abschnittsorientierte) Theologie müsse statt dessen betrieben werden. Allgemein hat man sich dadurch an eine Art Dualismus zwischen systematischer und biblischer Theologie[xlv] gewöhnt. Man gibt sich in relativistischer Manier geschlagen, und versucht sich nicht weiter an der Formulierung einer Hermeneutik, die die Informationen der biblischen (exegetischen) Theologie mit systematisierenden Bibelauslegungsprinzipien so lange verknüpft, bis eine für die betreffende Zeit apologetisch geschärfte und kongruente christliche Botschaft entsteht, die den kirchenfernen Denker aufhorchen läßt und den Gläubigen mit neuer Leidenschaft für den Glauben erfüllt.

 

            Deshalb werden auch noch kaum richtige Bibelkommentare geschrieben. Was heute als Kommentare angepriesen wird, sind zumeist nur Vorstufen zu wirklichen Kommentaren, d.h. lediglich linguistische Untersuchungen mit bestenfalls einer Beleuchtung des geschichtlichen Hintergrunds. Barth beobachtete, wie Calvin in seinen Kommentaren, nachdem er exegetische Untersuchungen getätigt und geschichtliche Zusammenhänge in Betracht gezogen hat, sich mit dem betreffenden Text auseinanderzusetzen, mit ihm in eine Art Zwiesprache (bei der er experimentell verschiedene "res" ausprobierte) zu treten beginnt, um ihn so für den Menschen des 16. Jahrhunderts relevant zu machen.

 

            Der Begriff "sola scriptura" im falsch verstandenen Sinne "nur die Bibel, sonst ja keine menschlichen Gedanken dazu", führt somit zu einer Verarmung der Theologie, zu einer verkrampften Apologetik und somit zu einer Christenheit mit einem verschwommenen Trompetenton (1.Kor.14,8[xlvi]). Auf die Qualität der akzeptierten Dogmen kommt es an, ob sie Philosophien entspringen, die den Menschen im Zentrum haben oder ob sie um die "gesunde Lehre" bemüht sind.

           

             Die Bibel ist alleingenügsam für die Ernennung von Prinzipien, die zum richtigen Verständnis ihrer selbst beitragen; denn nur in ihr selbst können ihre Konzepte ("res") aufgefunden werden. Die Bibel ist aber nicht alleingenügsam für ein Verständnis ihrer selbst, für die Schaffung umwälzender Bewegungen innerhalb der Menschheit durch sie, durch ein "neutrales" Studium ihrer Texte unabhängig von eben jenen erklärenden Dogmen, die ebenfalls in ihr selbst zu finden gewesen wären. Nicht in der Schrift an sich ist Leben von Gott zu finden, sondern in Jesus Christus (dem fleischgewordenen Wort, dem Siegel der Offenbarung Gottes). Siehe hierzu Joh.5,39-40[xlvii].

           

             Die Bibel ist wörtlich inspiriert. An dieser Aussage zu rütteln, bedeutet sich auf den schlüpfrigen Boden unnützer, zeitraubender und mühseliger Diskussionen darüber, was denn nun in der Schrift bindend sei und was nicht, zu begeben. Die Bibel ist also Wort für Wort von Gottes Geist eingegeben, aber es sind nicht die Worte an sich, sondern das fleischgewordene Wort, die Sache-an-sich, das "res", das von ihr verteidigt wird, welches zur Errettung des Sünders führt. Die Worte vermitteln das fleischgewordene Wort, deshalb sind sie von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, aber nur deswegen, weil ohne sie das Wort eben nicht für alle Fleisch werden kann, zu allen dringen kann. Vom fleischgewordenen Wort abgetrennt sind die Worte der Bibel Worte wie alle anderen auch, ja sie führen sogar zum Tod (2.Kor.3,6[xlviii]). Wir müssen im Wort bleiben, in dem Wort, durch das der Fleischgewordene sichtbar wird; in der Lehre, den Wünschen, Zielen, Absichten und Motivationen Christi und nicht in einem Spinnennetz von Bibelversen, die wir einen nach dem anderen aus dem Werkzeugkasten holen, um uns damit vor dem Angesicht Gottes zu verstecken und vor Kritikern abzuschotten.

           

                Hermeneutik und der Heilige Geist

           

                In manchen christlichen Kreisen (nicht nur der charismatischen Bewegung) wird die für Hermeneutik wichtige Stelle in 2.Kor.3,6 mißbraucht. Wenn man in diesen Kreisen Zweifel verlautbaren läßt, was den Gebrauch von "geistlicher Vollmacht", "Geistesgaben" oder "Führung des Geistes" anbetrifft und auf auftretende Diskrepanzen zwischen diesen dem Heiligen Geist zugeschriebenen Werken und allgemeiner biblischer Lehre den Finger legt, bekommt man oft zur Antwort: "Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig." Nur daß die, die so 2.Kor.3,6 verwenden, dann gewöhnlich unter "dem Buchstaben" gesunde, biblische Lehre meinen; während ihre übernatürlichen (um nicht gleich "esoterischen" zu sagen) geistlichen Erfahrungen als "Geist, der lebendig macht" angepriesen werden. Es ist dann nicht verwunderlich, wie in derartigen Kreisen das "theologische" Zentrum (insofern man hier überhaupt noch von Theologie sprechen kann) nicht Jesus Christus, sondern das menschlich-spiritualistische Erlebnis ist.

           

             Die Unterscheidung, die Paulus in 2.Kor.3,6 in Wirklichkeit vornimmt, ist eine Unterscheidung zwischen gesunder Lehre, die sich um das theologische Zentrum "Jesus - Evangelium" dreht, einerseits, und einem Nachplappern von Bibelversen ohne weiteres Nachdenken, ganz wie es der Anti-Lehre der Pharisäer und Schriftgelehrten entspricht, andererseits. Während die einen sich vor der hermeneutischen Mitverantwortungsübernahme drücken wollen, indem sie eine mißverstandene Version des "sola scriptura"-Mottos als Ausrede verwenden, haben andere (von denen einige sich in Wirklichkeit sowieso nicht für einen Gehorsam gegenüber der Schrift interessieren) ein mystisch-abergläubiges "Vertrauen" auf "das Werk des Heiligen Geistes". Sie glauben nämlich, der Heilige Geist würde alle ihre hermeneutischen und apologetischen Probleme lösen. Dann muß der Heilige Geist den menschlichen Verstand nicht nur leiten und lenken, sondern vielmehr umgehen und ersetzen. Der religiöse Mensch, der sich in solchen Kreisen herumtreibt, braucht sich nicht mehr der Wirklichkeit zu stellen, er kann auch jegliches Gefühl für Nettigkeit, Takt und menschliche Wärme über Bord werfen.

 

            Bei einigen dieser Gruppen kann man dieses Denkmuster auch beim Evangelisieren beobachten. Es ist dann z.B. bei einem Stadteinsatz unter freiem Himmel nichts ungewöhnliches, wenn einfach alle die Augen zumachen, die Hände hoch heben und jeder das tut, was er meint, vom Geist eingegeben zu bekommen. Wenn dann die Umstehenden Anstoß nehmen und sich z.B. der Besitzer eines nahegelegenen Restaurants beschwert, weil keiner mehr draußen an einem Tisch Platz nehmen will, wegen den "geistgeführten" Manifestationen, dann muß der Teufel (der "in den Kindern des Unglaubens sein Werk tut") als Schuldiger herhalten. Der Heilige Geist muß die Leute anziehen, sagen diese Christen, nicht wir mit unseren Strategien, mit unseren soziologischen Analysen.

 

            Freilich sind unsere Strategien und Analysen alle für die Katz, wenn wir nicht vom Heiligen Geist getrieben werden; denn dann werden wir nämlich entweder gar nichts tun oder aber uns nur auf soziale Arbeit beschränken. Missionsarbeit und Evangelisationen erfordern die Anregung, Ermutigung und auch das Durchtragen Gottes durch Seinen Geist. Aber Gott möchte sehr wohl, daß wir auch unsere (ebenfalls Gottgegebenen, von Gott als Talente anvertrauten) natürlichen Begabungen und intellektuellen Kapazitäten einsetzen und nicht aus Denkfaulheit alles auf den Heiligen Geist abschieben.

           

             Eine umfassende dogmatische Abhandlung über die Person des Heiligen Geistes würde hier zu weit führen. Wir wollen uns nur darauf beschränken, festzuhalten, daß der Heilige Geist nicht nur eine Person der Dreieinigkeit sowie eine erleuchtende Macht ist, die den menschlichen Geist übertrifft und die niemals von Menschen begriffen oder beschrieben werden kann, sondern auch gleichzeitig ein hermeneutisches Prinzip für sich darstellt. Er ermächtigt nicht nur Einzelne für besondere Dienste im Reich Gottes, sondern überzeugt (überführt) auch die Menschen durch eine für alle verständliche Botschaft.

           

            Die Texte der Bibel sind nicht dazu geschrieben worden, um irgendwelche Informationen über die Geschichte irgendwelcher Menschen oder Völker festzuhalten, sondern um den Lesern allgemeine Informationen über die Sünde, so wie Gott sie sieht, über die Gerechtigkeit, so wie Gott sie sieht sowie über das Gericht, das von Gott und nicht von Menschen ausgeht, vor Augen zu führen.

 

             Die Anhänger einer "Theologie" deren Hauptaussage sich auf die Phrase "Gott ist mit uns" zusammenfassen läßt, werden ebenfalls den Heiligen Geist zu ihren Gunsten umfunktionieren und zwar zu einem Segnungs-Automaten. Der Heilige Geist hat dann gefälligst die betreffenden Gemeinden und ihre Beschlüsse brav abzusegnen und auch ganz bestimmt immer "mit uns" zu sein. Wenn wir dann Angst haben, es könnte kritisches Denken aufkommen, verdrehen wir die Augen und murmeln: "Spürst du die Gegenwart des Heiligen Geistes...?", bis jede Spur von Zweifel und von Nachdenklichkeit aus unseren heiligen Hallen vertrieben wurde.

           

            Rosenius schreibt unter Bezugnahme auf [xlix] 2.Petrus 3,16 daß auch die falschen Geister sich selbst trösten, wobei sie alle Worte Gottes zu ihrer eigenen Verdammnis gebrauchen, "... und doch müssen ALLE Worte Gottes betrachtet werden."

 

           Hier weist Rosenius auf "falsche Geister" als mögliches hermeneutisches Prinzip hin und wir können somit wohl auch in seinem Sinne im Gegenzug als positive Alternative vom Heiligen Geist als hermeneutischem Prinzip reden, ohne dabei zu vergessen, daß der Heilige Geist natürlich auch gleichzeitig eine Person innerhalb der Dreieinigkeit Gottes ist und somit noch weitere Aufgaben hat.

           

            Thiselton schreibt zusammenfassend[l]: "Argumente aus dem Bereich der Theologie (nämlich einer falschen Theologie) annulieren nicht die Notwendigkeit der Hermeneutik, können die Dringlichkeit ihrer verantwortungsvollen Aufgabe nicht in Frage stellen. So können z.B. Verweise auf den Heiligen Geist die Pflicht zur Hermeneutik nicht umgehen. Denn der Geist arbeitet durch das menschliche Verständnis und nicht unabhängig vom menschlichen Verständnis."

 

            Und bezüglich der pietistischen "hermeneutica sacra" schreibt Stuhlmacher[li]: "Die geistlichen Aktivitäten Gottes entziehen sich der menschlichen Kontrolle und können daher nicht als methodische Bedingungen für die Kunst der Auslegung verwendet werden. Der Pietismus hat es nicht geschafft, einen meßbaren Unterschied zwischen erleuchtetem Bibelverständnis und nicht-erleuchteter Exegese präzise zu formulieren."

 

           Das Prinzip der Kanonisierung                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   

 

           Die Bibel ist uns nicht vom Himmel gefallen, sondern wurde anhand gewisser Kriterien von den Theologen der alten Kirche zusammengestellt. Nach jenen Kriterien wählten sie aus, welches Buch inspiriert sei und welches nicht. Diese Auswahlkriterien waren dogmatischer Natur. Um wirkliche "Fundamentalisten" sein zu können, müssen wir herausfinden, welches die dogmatischen Voreingenommenheiten waren, nach denen der Kanon zusammengestellt wurde. Nur wenn wir die Bibel nach den Kriterien auslegen, nach denen die alte Kirche entschied, die ausgewählten Bücher als "inspiriert" zu bezeichnen, wird das, was diese Bücher auch objektiv gesehen inspiriert macht und daher in ihnen auch heute noch enthalten ist, in annähernd unverzerrter Weise ans Licht kommen können.

 

            Was führte die ersten christlichen Denker, die Apostel und Kirchenväter dazu, zu sagen, daß in diesem oder jenem Buch Gottes Geist durchscheint? Was für ein rein menschlicher, religiöser oder gar dämonischer Geist findet sich ihrer Meinung nach in den nicht in den Kanon aufgenommenen Büchern? Wenn wir die Bibel nur aufgrund unserer fundamentalistischen Tradition verteidigen, behalten wir uns immer noch das Recht vor, die Bibel unter Anwendung von scheinbar geistlichen Kriterien zu interpretieren, die für die Nachfolger und Schüler der Apostel nach Schwefel rochen. Genau dann werden nämlich auch wir im Grunde zu liberalen Theologen, wenn wir uns die Freiheit (Liberalität) herausnehmen, die Bibel nach anderen "Geistern" auszulegen und nicht nach den apostolischen und patristischen Prinzipien der kanonischen Inspiration.


            Was kritisiert werden sollte

           

            Was kritisiert, auf skeptischste Weise analysiert und u.U. angegriffen werden sollte, ist nicht die Bibel, sondern die Kirche. Die Liberalen kritisierten die Bibel, waren aber einer Kirche gegenüber loyal, die z.B. 1914, zusammen mit 93 deutschen Intellektuellen, eine Erklärung unterschrieb, in der unter anderem die Besatzung Belgiens durch die deutsche Armee gutgeheißen wurde. Diese Tatsache rüttelte derzeit auch Karl Barth wach. Barth wurde sich damals darüber im Klaren, daß etwas grundlegend schief lag mit der Kirche und mit der von ihr gepflegten Hermeneutik[lii]. Das Wort Gottes wurde angegriffen, die Kirche wurde beschützt. Der Glaube an die Menschheit, an menschlichen Fortschritt und nicht an Gott war wieder einmal Mode geworden.

 

            Die Bibel stellt jedoch nicht Gott, sondern den Menschen in Frage (Röm.9,20[liii]). Deshalb müssen die Gesellschaftsordnungen, die Kirchen, Tabernakel und Synagogen, auf die die Menschen sich verlassen (und die ihnen zuweilen das Gefühl falscher Sicherheit geben, sie seien außerhalb der Gerichtsbarkeit und des Zornes Gottes), kritisiert werden, und nicht die Bibel.

           

           Die Bibel wird sowieso Recht behalten, auch wenn es keiner glaubt. Sie ist von Gott eingegeben und Gott hat immer das letzte Wort. Die Gemeinden dagegen sind menschliche Institutionen (wenn auch bestenfalls von Menschen ins Leben gerufen, die vom Geist getrieben wurden). Vergebens versuchen religiös gewordene Kirchen Kritiker mit der Drohung, sie könnten den Heiligen Geist betrüben, einzuschüchtern, denn Jesus wird doch früher oder später mit ihnen weiterstreiten, wenn nicht durch diese Kritiker, dann eben durch andere, mit dem Schwert des Wortes (Offb.2,16[liv]) und wenn nicht in dieser Welt, dann in der zukünftigen.

           

          Eine Kirche, die nicht die Miterfüllung des großen Sendungsauftrags verfolgen will, sondern nur ihre große "Erweckung", die unter ihr geschehen sein soll, feiert, oder die (wie in Deutschland 1914) sich mit ihrer Anerkennung durch Staat und Volk brüstet, ist eine Anti-Kirche geworden. Die Art und Weise wie sie sich mit der Bibel abzusichern versucht, wie sie die Bibel für sich in Anspruch nimmt, muß zerstört werden, nicht aber der Glaube an die Bibel im Allgemeinen. Der wahre Glaube muß befreit werden von der Besetzung durch die Religion, von der Besetzung durch falsche "Glaubens"-systeme, durch die der Zugang zur Offenbarung Gottes der Öffentlichkeit unzugänglich gemacht wird.

 

            Eigentlich haben alle Reformationen dadurch begonnen, daß ein Theologe die Hermeneutik der Pharisäer, Sadduzäer, Zeloten und Gnostiker entlarvt und ersetzt hat. Der Angriff ging immer gegen die Gemeinden und Kirchen, die die betreffenden Sauerteige ausbrüteten und hüteten und nicht gegen Gott oder Sein Wort.

Unsere Loyalität muß Gott gehören und nicht jenen "Heiligen", die sich ihre eigene Heiligkeit selbst zusammenbasteln, eine Heiligkeit ohne, neben, über oder gegen Gott. Wenn wir für eine Gruppe von Menschen streiten, tun wir nichts anderes, als einen weiteren Turm zu Babel oder ein "Bethel" zu bauen, zu dem wir dann gehen, um dort nur "noch mehr sündigen" zu können (Amos 4,4-5[lv]).

           

            Nachdem wir der Bibelkritik (die sich mit der müßigen Frage, welche Texte inspiriert seien und welche nicht, eigenhändig den Ast absägt, auf dem sie sitzt) ein klares "Nein" ausgesprochen haben, fordern wir nichts desto trotz, daß Bibeltexte auf "kritische" Art und Weise gelesen werden müssen; und zwar "kritisch" in dem Sinne, daß wir für hermeneutische Fragestellungen wach bleiben.

 

            So müssen wir z.B. beachten, WER in einem bestimmten Bibeltext gerade "spricht". Es kann nämlich sein, daß gerade eine gegnerische Position zitiert wird. Wenn wir dann in "leichtgläubiger" Weise den Text aus dem Zusammenhang reißen, werden wir zu voreiligen Schlüssen gelangen.

Kritik kann in diesem Sinne sehr konstruktiv für das Verstehen des Textes sein. Die Kritik ist dann nämlich gegen einen Mißbrauch des Textes gerichtet, nicht gegen den Text selbst.

 

            Der Text kann schon durch den Prozeß der Überlieferung verzerrt worden sein, weshalb man in jeder guten Urtextausgabe Abweichungen in anderen antiken Bibeltextsammlungen als Fußnote zum Vergleich zur Verfügung hat. Durch solche Unterschiede in der Überlieferung ergeben sich aber nur in relativ wenigen Fällen gewichtige Sinnunterschiede und ziemlich selten echte Verständnisprobleme. Jemand hat einmal gesagt, es sei viel schwieriger, einigermaßen identische Originale von Shakespeares Theaterstücken aus dem 16. Jahrhundert aufzutreiben. Die Bibeltextsammlungen aus der Antike weisen eine erstaunliche Gleichheit untereinander auf, die Abweichungen voneinander sind verhältnismäßig gering bei den großen Zeitabständen, innerhalb derer die betreffenden Abschriften angefertigt wurden.

 

            Schlimme Verzerrungen des Textes ergeben sich aber aus traditionellen Vorurteilen, aus unangebrachten Lösungsversuchen eines Verständnisproblems oder dadurch, daß das im betreffenden Text behandelte Thema ("res") in unpassender Weise angegangen wird, was z.B. durch Nichtbeachten der Zweideutigkeit eines griechischen Wortes, welches im Deutschen nur einen Sinn hat oder durch ähnliche linguistische Tücken des Textes zustande kommen kann.

 

            Ziel und Zweck der Kritik ist für Ebeling das In-Frage-Stellen der eigenen Person und Position, das Gefaßt-Sein auf alle Möglichkeiten, sich selbst zu betrügen im Hinblick auf die Aussageabsicht (das Ziel) eines Textes[lvi].

Auch Rosenius bewegt sich auf der gleichen gedanklichen Linie[lvii], wenn er den Bibelleser ermahnt, sich nicht selbstsicher zu fühlen. Die Bibel muß mit Mißtrauen gelesen werden, mit einen Unglauben an sich selbst. Die Gefahr des Selbstbetruges ist groß. Die Warnungen der Bibel im Hinblick auf falsche Lehren sind an reife und erleuchtete Christen gerichtet. Gleichermaßen ermahnt uns Rosenius, jeden Text in seinem logischen Zusammenhang zu lesen und das darin zum Ausdruck kommende Denkkonzept, die Sache, um die es in erster Li­nie geht, in seinem Zusammenhang im großen Mosaik mit den anderen Denkkonzepten der Bibel zu verste­hen zu suchen.

 

            Wenn sich jedoch die Kritik gegen die Bibel selbst richtet, wenn die Glaubwürdigkeit und Unbeirrbarkeit der Schrift in Frage gestellt wird, braucht die Religion nicht mehr kritisiert zu werden; denn nun ist ja die einzig wirksame Basis für die Religionskritik für unglaubwürdig erklärt worden, die Religion kommt unge­schoren davon und der betreffende "Theologe" hat sich von seiner christlichen Verantwortung, den Pharisä­ern und Sadduzäern Kontra zu bieten, fortgeschlichen.

 

            In solchen Fällen wird dann gewöhnlich Johannes 17,21 im ökumenischen Geist angeführt: "Die Welt wird erkennen bzw. glauben, wenn alle eins sind". Was aber in Wirklichkeit passiert, ist, daß die Welt ein paar vereinte religiöse Christen zu Gesicht be­kommt und ge­nau deshalb eben nicht glaubt, weil nämlich der Kontrast zwischen der "heilen Christenwelt" und der Welt­wirklichkeit zu eklatant ist, als daß der Sprung ins christliche Ghetto für einen verantwortlichen Menschen verlockend wäre. Der mit den Sauerteigen vermischte Teig hat seine Kraft verloren.  Nicht eine Kritik der Bibel, sondern eine Kritik der Religion macht die Kirche wieder zu dem, was sie sein soll: Zu einer wahr­haft apostolischen Kampfeinheit mittels derer die Bollwerke der Lüge geplündert werden.


            Das Prinzip der Motivation und des Willens

 

            Wir haben die These aufgestellt, daß die Bibel nicht "objektiv" sondern nur mit "Voreingenommenheiten" gelesen werden kann. Alles hängt nun von der Qualität dieser "Voreingenommenheiten" ab, ob sie wirklich mit biblischer Lehre übereinstimmen oder religiös sind.

 

            Unsere These (die ihrerseits schon eine hermeneutische Voreingenommenheit ist), nach der die Vorein­genommenheiten nach den Unterschei­dungskriterien "religiös - oder nicht" bewertet werden müssen, kommt aufgrund einer am Anfang stehenden Willensentscheidung zustande. Mehrere Faktoren standen Pate bei der Geburt dieser Entscheidung: Subjektive Faktoren (der Betreffende beginnt, eine emotionale Abneigung gegen das Re­ligiöse zu verspüren), intellektuelle Faktoren (als Folge des Nachdenkens über das Problem) und objektive Faktoren (Beobachtungen der Realität, dessen, was sich tatsächlich abspielt).

 

            Wenn sich jemand dazu entschließt, gegen Religion und für das Evangelium zu kämpfen, wird er unweigerlich zu gewissen Voreingenommenheiten für das Bibelstudium und die Bibelauslegung kommen. Er wird von der Entscheidung und ihren Motiven lei­denschaftlich ergriffen sein. In diesem Falle könnte man sogar von ei­nem "affektiven" Bibelverständnis sprechen. Nicht subjektiv, sondern affektiv, denn subjektiv bedeutet mit (optimistischem) In-sich-hineinschauen, wobei nur nach Gefühlen geurteilt wird; während affektiv bedeutet, daß man aufgrund einer Entscheidung denkt und handelt und sich dieser Entscheidung gegenüber ver­pflichtet fühlt, auch wenn die Ergebnisse dieser so zu­stande kommenden affektiven Bibelauslegung gele­gentlich den eigenen Gefühlen entgegenlaufen. Die Leidenschaft und Begeisterung für die ge­machte Ent­scheidung wird größer sein als die Gefühle. Die Gefühle "sterben" gewissermaßen "ab" und die so freigelegte emotionale Energie kann in den Kampf gegen die Religion eingebracht werden (Röm.6,19); in eben jenen Kampf, der das Grundthema der gemachten Entscheidung darstellt.

 

            Auch der Entschluß, nicht länger subjektive Gefühle auf das Bibelverständnis Einfluß haben zu lassen, ist eine affektive Entscheidung. Dieser Entschluß, diese Entscheidung basiert auf der Erkenntnis, daß sub­jektive Bibelauslegung zu falschen Schlüssen führt. Der Bibelausleger steht somit dem Bibeltext immer loyaler gegenüber, während er seine eigene Person mehr und mehr in den Hintergrund drängt. Dann ist er weder objektiv (wo er überhaupt niemandem und nichts gegenüber verpflichtet wäre, weder dem Text, noch sich selbst, noch anderen gegenüber), noch subjektiv, son­dern affektiv.

 

            Affektive hermeneutische Entscheidungen und Entschlüsse müssen sich natürlich auf biblische Prinzi­pien und Grundwahrheiten gründen. Ei­nes dieser Prinzipien ist die Tatsache, daß Gott sich nicht gerne von einer besonderen Gruppe "gebrauchen" läßt, die sich jetzt als Sachwalter der Gnade Gottes sieht und meint, "Gott" nach Belieben in kleinen und großen Dosen weiterzuverteilen. Jemand kann jetzt die Bibel durch­kämmen nach Prinzipien, die die falsche Theologie dieser "Gott-Habenden" ins Wanken geraten läßt; wäh­rend ein anderer die Bibel mit dem umgekehrten Ziel studiert, nämlich um biblische Rechtfertigungen an­führen zu können für eben diese "Gott-Habenden". Der Erste ist affektiv, der Zweite subjek­tiv; oder, wenn wir nicht mit dieser Kategorisierung einverstanden sind, können wir auch sagen: Beide sind subjektiv; und dann bleibt uns noch, zu entscheiden, wessen Subjektivität "gut" ist, wer von den beiden biblische und wer religiöse, nur scheinbar biblische Beweggründe hat. Der "Subjektivismus" (die affektive Leidenschaft) des ersten Exegeten, der die biblische Tarnung der Gott Monopolisierenden und mit Gott Unfug Trei­benden herunterreißt, wird das Christentum und die Bibel befreien von einer Erscheinungsform der Religion, denn Religion ist gleichbedeutend mit eben jenem "Mit-Gott-nach-Belieben-Verwalten". Dann kann die Bibel wieder frei umherlaufen "wie ein brüllender Löwe" (Luther) und große Explosionen bewir­ken. Dann werden auch Menschen zu Christus kommen, die nicht auf der Suche nach einem Götzen und einer psychologischen Krücke waren.

 

            Neben jenen Beweggründen, die durch das Fassen von Entschlüssen zustande kommen, kennt die Bibel noch existentielle Voreingenommenhei­ten. Wenn jemand böse ist, wird er die Schrift nicht verstehen kön­nen (Joh.8,37; Jes.29,9-12)[lviii] und auch nichts Gutes sagen können (Mt.12,34+35; Jak.1,26)[lix]. Was das Alte Te­stament betrifft, es kann nur von jenen verstanden werden, die zu Jesus übergelaufen sind (2.Kor.3,14-16[lx]), denn das Hauptanliegen des Alten Testamentes war und ist das Evangelium, bzw. die Bahnbereitung für das Evangelium und nicht die Religion; sei sie jü­disch oder "christlich".


            Die Beziehung zur Welt als Motivationsfaktor

 

            Viele Christen gehen heute unbewußt davon aus, daß die "Welt" das Evangelium nicht ausstehen kann. Diese Sicht (die natürlich nicht offen artikuliert wird, unterschwellig aber als unabänderbare traurige Wahrheit akzeptiert wird) findet in den Evangelien nicht die Be­stätigung, die man dort zu finden meint. Statt dessen begegnen wir einem Jesus, dessen Leh­ren oftmals nicht nur breite Zustimmung fanden, sondern auch noch "mit Lust" (Mk.12,37b[lxi]) gehört wurden, ja als erleichternde Belustigung begeistert aufgenommen wurden von den Menschenmassen gewöhnlicher Juden. Ganz offensichtlich ließen sich die Menschen, die Teil der "Welt" waren, die von Jesus gezeichneten Karikaturen der religiösen Führer von damals auf der Zunge zergehen. Die Wut der so Entblößten und lächerlich Gemachten ließ nicht lange auf sich warten (Mt.21,15; Lk.22,2+6[lxii]).

 

            Gerne hätten die Pharisäer Jesus allein für ihre Gruppe beansprucht, Jesus aber befand sich auf der Seite des gemeinen Volkes (Mk.2,16-24; 11,18)[lxiii]. Die religiöse Elite haßte das Volk und verachtete es wegen seiner vermeintlichen Un­fähigkeit, das Gesetz (und überhaupt die Dinge, die mit Gott zu tun haben) verstehen zu können (Joh.7,49[lxiv]). In den Augen Gottes jedoch hat die Welt durchaus die "Fähigkeit", die Wahrheiten über Gott zu hören und dadurch schließlich auch zum Glauben an diese Wahr­heit zu kommen; weshalb die Verkündigung Jesu sich in allererster Linie an die Welt und nicht an die Elite richtet (Joh.8,26[lxv]). Jesus ist populär und wird von der Welt geliebt (Joh.12,19[lxvi]).

 

            Der Teufel macht sich selbst durch seine Gesandten lächerlich. Jesus zieht diese systematisch "durch den Kakao" (Mk.12,38[lxvii]), um dadurch den einfachen Leuten die Augen zu öffnen für den Unterschied zwischen Seinen Worten und den Leh­ren dieser religiösen Führer, mit denen sie aufgewachsen waren.

 

            Der Begriff "Welt" muß differenziert werden in

 

            a) die Welt, die leidet

 

            b) die Welt jener, die Macht haben, und die diese Macht unter Mißachtung des Gesetzes Gottes ausüben. (Wir werden darauf noch im Kapitel "Prinzip der Autorität" zurückkommen.)

 

            Die Pharisäer lebten isoliert von der Welt, die leidet und waren gleichzeitig Freunde der Welt des Herodes und anderer weltlicher Führer (Mt.2,4; Mk.3,6[lxviii]; Lk.7,36-39; 13,31; 16,14; Joh.10,13; 19,12+14+19-21). Was in den Augen der Menschen erhöht ist, ist vor Gott ein Greuel. Gott haßt diejenigen, die sich auf Seinen Namen berufen, um dadurch besser der Ungerechtig­keit dienen zu können. Andererseits ist Gott gnädig und barmherzig mit der Welt, die durch die Sünde erniedrigt wurde und wird und sen­det eben dieser Welt nichts weniger als Seinen Sohn (Joh.3,16; Gal.2,10).

 

            Wenn es in Jakobus 1,27b[lxix] um eine Absonderung von der Welt geht und das Ablegen eines mit dieser Welt verbundenen fleischlichen Denkens und Lebenstils gefordert wird, dann geht es hier insbesondere um die Welt und Fleischlichkeit der Hochgestellten und ihre Stellung Mißbrauchenden; nicht einfach um die Welt aller "Nichtchristen"; sonst hätte Jakobus 2,2-9 keinen Sinn, ja selbst 1,27 nicht, wo ja auch von Waisen und Witwen die Rede ist, die es "in ihrer Trübsal zu besuchen" gilt, unabhängig davon, ob sie Teil der Gemeinde sind oder nicht. Die Schriftgelehrten machten sich von Herodes und den Pharisäern abhängig (Mt.8,19-20[lxx] - diese Verse sind nicht als Aufruf zu einem Landstreicherleben zu verstehen, siehe Mt.27,57[lxxi]).

 

            Um anderen die Wahrheit lehren zu können, muß man frei von Menschen­furcht sein (Mt.22,16[lxxii]; Mk.12,14). In gleicher Weise ist es unmöglich, zu glauben, wenn men­schliche Ehre angestrebt wird (Joh.5,44[lxxiii]). Vor diesem Hintergrund wird auch aus soziologi­scher Sicht klar, warum die Lehre Jesu so mächtig war, während die Lehren der Schriftge­lehrten kraftlos waren (Mt.7,29; Mk.1,22[lxxiv]; Joh.7,15).


            Das Prinzip der Realität

 

            Die religiösen Menschen, die sich in fleischlicher, eigensinniger Weise absondern (so, wie es ihnen paßt und nicht nach biblischen Prin­zipien), verlieren jegliches Gefühl für die Reali­tät. Sie können nicht mehr die Zeichen der Zeit deuten (Mt.16,3; Lk.19,44[lxxv]). Wer nach dem Buchstaben und nicht nach dem Geist (nach den geistlichen Prinzipien) lebt, verliert den Blick für die richtigen Proportionen und für die Wirklichkeit. Was zurückbleibt, ist ein dun­kles Ahnen, daß irgendetwas doch nicht in Ordnung ist. Diese Vorahnung wird aber ver­drängt und der innere Konflikt entlädt sich dann durch Haß, Wut und Spott Jesus gegen­über, sowie durch fanatischen Nationalismus und Angst, sogar vor den eigenen Gesetzen. Natürlich unterlassen es diese Leute nicht, selbst Angst zu verbreiten (Joh.7,13; 9,22; 19,38; 20,19)[lxxvi].

 

            Die Pharisäer suchten ihre Zuflucht nicht in Gott, sondern in Israel. So waren sie z.B. sehr damit beschäftigt, wie man griechische und römische Einflüsse in Israel abblocken könnte (Joh.7,35; 8,48; 11,48)[lxxvii]. Sie sahen nicht, daß Gott dabei war, die Lehre über Ihn über die Grenzen des irdischen Israels hinaus zu  verbreiten. Wie auch die Könige und Gelehrten zu Zeiten Jeremias nicht die ge­fährliche Situation erkannten, in der sich Israel damals befand (Jer.36,10-32; 37,15+20), so wollten auch die Schriftgelehrten zu Zeiten Jesu nicht wahrhaben, daß das Gesetz abgelöst werden würde (in seiner Verkündigungsfunktion, nicht was seine objektive Gültigkeit und seinen ethischen Anspruch anbetrifft) vom Evange­lium (Lk.16,16+17[lxxviii]), jener frohen Botschaft, die froh für die Unterdrückten und schrecklich für die Unterdrücker ist (Jes.29,18-21[lxxix]; bzgl. der Natur des Evangeliums siehe auch Röm.3,21+22+28+31; Gal.3,13+14; Hebr.10,8-17).

 

            Nur wer den Mut hat, sich der Wahrheit zu stellen, sie so zu sehen, wie sie ist, kann auch seine eigenen Sünden erkennen und ist dann nicht mehr weit entfernt vom Reiche Gottes, welches sich unter anderem durch seine TRANSPARENZ (seine Übereinstimmung mit der Wirklichkeit) auszeichnet (Lk.12,1-3; 14,14; Mt.6,16-18)[lxxx].

 

            J.M.Robinson schreibt, daß das Wort die Wirklichkeit jedes einzelnen antastet, weil das Wort, aufgrund seiner Natur, alles das verklärt, was im Dunkeln liegt. Das Wort betrachtet den Menschen in absoluter Weise, weil es die Wirklichkeit eines jeden genau beschreibt. Jede Auslegung des Wortes bringt einen Aspekt, einen Teil der Wirklichkeit ans Licht.[lxxxi]

 

            Die Bibel ist also nicht das Märchenbuch, mit dem sich einige vor der Wirklichkeit verstec­ken und in eine bessere Welt fliehen wollen, sondern eine Beschreibung, Bewertung und Ver­urteilung der Welt so wie sie ist, für eben diese Welt. Die Bibel kann dies auch nur deshalb sein, weil sie von Menschen geschrieben wurde, die in der irdischen Weltwirklichkeit gelebt haben. Gleichzeitig richtet die Bibel als das vom Geist inspirierte Buch des nicht von dieser Welt seienden Reiches Gottes (Joh.18,36[lxxxii]), alles, aber auch alles, von ihrer erhabenen Stel­lung aus.


            Das Prinzip des Richtens

 

            Wir hatten gesehen, daß Jesus sich über die religiöse Elite lustig macht und daß dies zu Seiner Popularität beiträgt. Hier könnten wir uns fragen, inwieweit uns der Gebrauch einer derartigen Taktik zusteht.

 

            Während Jesus als Gottes Sohn niemals in seinen Beurteilungen (in seinem Richten) irrt, können wir als Menschen sehr wohl irren. Deshalb ermahnt uns die Schrift, genau zu wissen, von was wir reden (Judas 10[lxxxiii]). Die Bibel verbietet andererseits aber auch nicht grund­sätzlich jedes Beurteilen ("Richten").

 

            Zum Ersten differenziert sie bezüglich der Qualität des Richtens. Die Beurteilung (oder Verurteilung) soll frei von bösartigen Gedanken (Jak.2,4), gerecht (Joh.5,3), ohne Verleum­dungen (Jak.4,11) und Afterreden, unvoreingenommen (also nicht parteiisch-subjektiv) (2.Chr.19,7c), den Tatsachen (der Realität) entsprechend (1.Petrus 1,17; Mt.7,16), nicht vor­eilig (1.Kor.4,5; Joh.7,5), sondern vorsichtig (2.Chr.19,6), der Lehre entsprechend (Ps.2,10), nicht "nach dem Schein" (Joh.7,24), wahrheitsgemäß (Joh.8,16) und nicht aufgrund von zweifelshaften Meinungen (Röm.14,1; 1.Sam.20,26[lxxxiv]) sein. Diejenigen, die sich nicht an diesen biblischen Normen für das Richten halten, werden zu Untieren (Zeph.3,3[lxxxv]), die zwar vorgeben, das Gesetz Gottes zu schützen, aber in Wirklichkeit dieses so pervertieren und schlecht­machen, daß anderen das "Gesetz" und die "Gerechtigkeit Gottes" als etwas höchst Wider­wärtiges und Verachtungswürdiges erscheinen muß (Amos 5,7; 6,12)[lxxxvi].

 

            Zweitens differenziert die Bibel zwischen fähigen (kompetenten) und unfähigen (unberechtigten) "Richtern". Als fähig zum Richten, Be- und Verurteilen wird bezeichnet: Gott (Joh.8,50; Jak.4,12)[lxxxvii], das Wort Gottes (Joh.12,48[lxxxviii]), diejenigen, die dazu von Gott eingesetzt werden (Jes.1,26[lxxxix]) sowie der "geistliche" Mensch (1.Kor.2,15[xc]). Um Kompetenz für das Richten zu erlangen, müssen wir geistlich richten (d.h. wir müssen das zu richtende Objekt unter Anwendung von geistlichen, biblischen hermeneutischen Prinzipien beurteilen) (1.Kor.2,14[xci]). Gerich­teten Personen soll die Möglichkeit gegeben werden, sich zuerst zur Sache äußern zu können (Joh.7,51[xcii]). Zum Richten unfähig ist der Fleischliche (hier u.a.: Der nach eigenem Gutdünken sub­jektiv Seiende) (1.Kor.2,14).

 

            Wir sollen achthaben darauf, wen wir richten und was unser ei­gentliches Motiv ist. Jesus verurteilte zwar die Lügenpropheten (Mt.7,15[xciii]) und die religiösen Leiter der Juden, bei denen er vieles zu richten hatte (Joh.8,26), tat dies jedoch nicht zu sei­nem persönlichen Vergnügen. Wenn andere ihn verspotteten, "spottete" er nicht "zurück" (1.Petrus 2,23[xciv]), denn er suchte nicht seine eigene Ehre (Joh.8,50). Er läßt das Wort diejeni­gen richten, die ihn geringschätzen (Joh.12,48). Jesus und der wahrhaft geistliche Mensch können von niemandem gerichtet werden, denn, selbst wenn dies sich einige zu tun erdrei­sten, so bewirkt ihr Richten doch in Wirklichkeit nichts, da es nicht mit der Meinung (der Beurteilung) Gottes (und damit der Wirklichkeit) über­einstimmt (1.Kor.2,15b; 4,3-4[xcv]).

 

            Drittens macht die Bibel eine Differenzierung beim Objekt des Richtens. Sie unterscheidet nämlich zwischen "denen, die draußen sind" und "denen, die drinnen sind". Was "die drau­ßen" anbetrifft, so ist eigentlich nur Gott kompetent, sie zu richten. Wir hingegen sind nicht nur kompetent, in der Lage, sondern sogar verpflichtet, diejenigen zu richten, "die drinnen sind" (einschließlich jeder sich selbst) und das für böse Befundene auszufegen (1.Kor.5,12+13[xcvi]). Die Juden scheiterten bei dieser Differenzierung, sie taten es nämlich genau umgekehrt. Oben­drein hatten sie falsche Beweggründe: Sie wollten durch das Richten Gottes Freunde werden. In Römer 2 beschreibt Paulus das Unbe­kehrtsein der Juden, die die Völker ("draußen") richteten und dabei deren Sünden munter mitmachten. Es wird aber niemand ein Freund, Genosse oder Arbeitskollege Gottes aus eigener Entscheidung, schon gar nicht durch eigenmächtige "Mitarbeit" beim Richten. Wenn ein Schüler einen Mitschüler beim Lehrer ver­petzt, bekommt er deswegen keine bessere Note. Wenigstens bei Gott funktioniert so etwas nicht. Die Juden bildeten sich allerdings ein, sie stünden bei Gott in besonderer Gunst, weil sie ihm die Sünden der Völker vorhielten (Röm.2,1-5[xcvii]).

 

            Vor diesem Hintergrund verstehen wir das biblische Konzept "Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!" (Mt.7,1-2; Lk.6,37) in einem neuen Licht, nämlich durch das Prisma einer antireligiösen Hermeneutik und zuc­ken nicht mehr brav zusammen, wenn uns dieser Slogan von den religiösen Frommen vorge­halten wird, die dadurch unsere Religionskritik zum Verstummen bringen wollen. Wenn wir die biblischen Prinzipien bezüglich des Richtens nicht durcheinanderbringen (Qualität des Richtens, Kompetenz des Richtenden, richtiges Objekt, richtige Motivation), brauchen wir uns nicht länger hinter der Fahne des Relativismusses mit seiner scheinbaren Objektivität zu ver­stecken. Wir können statt dessen richten, auswerten, differenziert beurteilen, entschie­den verurteilen und Position beziehen, wenn wir wirklich geist­lich gesinnt und von Jesu Ge­danken ergriffen sind. Pure Standpunktslosigkeit dagegen ist ein Charakteristikum des Va­ters der Lüge.


            Das Prinzip der Autorität

 

            Da einige nun einen Aufruf zur Unterminierung jeglicher Art von Autorität wittern, scheint an dieser Stelle eine biblische Abhandlung zum Thema Autorität angebracht. Im Kapitel "Unsere Beziehung zur Welt als Motivationsfaktor" machten wir bereits eine Unterscheidung zwischen der Welt, die leidet und der Welt derer, die hochgestellt sind und ihre Stellung ent­gegen dem Gesetz Gottes gebrauchen. Diese Un­terscheidung sollte uns nach einer Systemati­sierung der biblischen Lehren über Autorität im Allgemeinen neugierig machen.

 

            Es scheint, daß Paulus in Röm.13,1[xcviii] eine Unterwerfung unter jedwede Art von Autorität fordert. Andererseits kennt die Bibel auch eine Art heiligen Ungehorsams gegenüber be­stimmten Autoritätsansprüchen (Gal.2,4-5; Offb. 14,9-10a)[xcix]. Wie können diese scheinbar ge­gensätzlichen Denkkonzepte unter einen Hut gebracht werden?

 

            Was unsere bereits dargelegte Differenzierung des Begriffes "Welt" angeht, wollen wir zuerst klarstellen, daß Personen in leitenden Stel­lungen, die für andere Verantwortung tragen und ihre Stellung nicht im eigenen Interesse ausüben, zu der Welt derer gehören, die leidet; denn auch sie leiden gewissermaßen für die Welt. Was aber ist mit korrupten und widergöttlich in­spirierten Obrigkeiten? Kann uns hier die sogenannte "Befreiungstheologie" aus Lateiname­rika weiterhelfen?

 

            Obwohl die Bibel vielerorts Gerichtssprüche gegen Regierende ausspricht, sieht sie das Hauptproblem der Menschheit nicht in korrupten Obrigkeiten, sondern in der Sünde des Menschen und in den Religionen (Götzendienereien, Irrlehren, Lügenprophetien, etc.), die die Men­schen auf falsche Wege bringen. Bibelstellen, in denen Könige und andere Herrscher und geistliche Leiter angeklagt werden (Dan.5,22-23; Jer.22,24+30; 36,29-30; Hes.34,2+11+23[c] u.a.), sind keine Aufrufe zu Revolutionen, sondern es geht in ihnen zuallererst einmal um die ge­störte Beziehung dieser Herrscher zu Gott. Anstatt die Unterdrückten zu Aufständen auf­zurufen, spricht Gott in diesen Bibelstellen zu den korrupten Regierenden, hochgestellten "Geistlichen" oder zu Unterdrückern im Allgemeinen (Jes.58,6[ci]), wobei er deren Bestraft- und Er­setztwerden ankündigt. Gott löst die durch Unterdrücker erzeugten Probleme, nicht die Menschen.

 

            Deshalb läßt sich auch Paulus nicht dazu herab, in Röm.13,1 zwischen "guten" und "schlechten" Obrigkeiten zu unterscheiden. Er möchte verhindern, daß das Evangelium auf die Stufe einer politischen Bewegung herabsinkt. Christen sind zu etwas Höherem als zu politischen Veränderungen berufen, nämlich zur antireligiösen Revolution des Evangeliums. Diese Revolution wird auch im sozialen und politischen Bereich gewaltige Veränderungen bewir­ken, denn die soziopolitischen Probleme sind den geistlichen Problemen untergeordnet. Deshalb können wir die soziopolitischen Probleme nicht auf deren Ebene lösen, sondern nur mit dem längeren Hebel des geistlichen Kampfes für das Evangelium (wobei es sich bei die­sem Kampf natürlich nicht um die Dämonenbalgerei der Exorzismus-Internalisten han­delt).

 

            Jesus ruft nicht zu einem Ungehorsam gegen die Gebote der Pharisäer auf (Mt.23,3[cii]), dafür unterminiert er die LEHREN der Pharisäer, wodurch eine große antipharisäische Be­wegung in Gang kommt. Jesus rüttelt nicht an den zivilen Obrigkeits-Funktionen der religiösen Leiterschaft. Aber jeder, der Jesus nachfolgen will, muß sich vom Wesen, von den Taten, von der Le­bensweise und den Lehren der Pharisäer und Schriftgelehrten distanzieren. Im geistlichen Bereich verlangt Jesus einen heiligen Ungehorsam gegenüber den mit den Pharisäern geistlich Verwandten.

 

            Trennt nun Jesus das Geistliche vom Weltlichen in dualistischer Weise? Ja, aber nur scheinbar. Denn nach Jesu Wandel auf Erden ist Palestina nicht mehr so wie es war. Kein Land bleibt unver­ändert, in dem die Religion unterminiert wurde. Freiheit, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und wahre Gottesfurcht werden zunehmen, während Aberglaube, Heuchelei, doppelte Moral, Lüge und nur äußerlich durch Gleichschaltung, kulturelle Verpflichtung und Dressur aufgezwun­gene Gottesfurcht abnehmen. Die wahre Kirche ist keine religiöse Gemeinschaft, kein Ort der Idylle, in dem sich jemand vor allem isolieren kann, was außerhalb der Gemeinschaft ist. Das wahre religionslose Christentum kann je­des Land von dessen falschen DOGMEN und Götzen befreien. Um die Tyrannen und Unterdrücker kümmert sich Gott selbst.

 

            Weil wir mit Geistern und geistlichen Richtungen zu kämpfen haben und nicht mit "Fleisch und Blut" (Eph.6,12), müssen wir mit falschen Denkkonzepten, mit "Höhen der Erkenntnis" kämpfen, die sich gegen Gott auflehnen (2.Kor.10,5). Eine zu vorwiegend politischer Aktivität aufrufende Befreiungstheologie kann uns da nicht weiterhelfen, denn sie greift das Problem mit einem viel zu kurzen Hebel an.                          Die wahre Gemeinde ist keine Synagoge, in der Menschen in Furcht, Unkenntnis, Aber­glauben und intellektueller Unmündigkeit gehal­ten und unterdrückt werden und aus der die Apostel des Herrn hochkant herausfliegen. Es soll sich nur keine Ortsgemeinde oder Deno­mination oder Kirche ihrer vermeintlichen Autorität als "Säule und Grundfeste der WAHR­HEIT" (1.Tim.3,13) rühmen, solange sie dieser WAHRHEIT nicht treu zu sein versucht. Die Synagoge hat keinerlei Autorität von Gott. Auch die religiösen Machthaber zu Jesu Zeiten hatten keinerlei Autorität von Gott. Sie kamen anderswo herein, nicht durch "die Tür". Sie waren Diebe und Mörder (Joh.10,8-10).


            Gebote bezüglich der Sauerteige als hermeneutischer Motivationsfaktor

 

            Das Problem der Sauerteige ist kein persönliches Problem; kein Problem, das man je nach persönlichem Ge­schmack und Belieben links liegen läßt oder mit dem man sich in spielerischer Weise als einer Art theologischer Sonderzugabe beschäftigt. Die Bibel gibt uns ganz klare Anweisungen bezüglich der Sauerteige (1.Kor.5,6-8; 15,33; Mt.8,15; 16,6+12; Lk.11,44; 12,1; 2.Joh.10; 2.Tim.2,20-21; 3,5; Gal.5,9; siehe auch 2.M.12,15+19; 3.M.2,11; 6,17; 10,12). Es liegt nicht an uns, zu bestimmen, was oder wen wir gerne "herausgefegt" hätten.

 

            Eine Distanzierung vom Sauerteig der Religion und ein "Hinausfegen" desselbigen ist zwin­gend notwendig, um in Wahrheit Gottes Ge­meinde sein zu können. Die meisten Situationen geistlichen Kampfes, in denen sich die Kirche jemals befand, ähnelten den Situationen, in denen die biblischen Texte verfaßt wurden. Bei der Kanonisierung, d.h. bei der Auswahl, wel­che Bücher als inspiriert und Teil der Bibel gel­ten sollten und welche nicht, wurden Kriterien verwendet, die den von der Bibel gebotenen Unterscheidungskriterien zwischen Sauerteig und antireligiöser Lehre ähnelten bzw. mit diesen identisch waren.

 

            Die gleichen Sauerteige, nur in neuen Gewändern, schwächen auch heute die Gemeinde weltweit. Beim Lesen von Missionsberichten fällt immer wieder ins Auge, wie sehr das Wachstum der Gemeinde verlangsamt wird durch die Sauerteige der Sadduzäer (Nationalismus, Befreiungstheologie und andere Polit-Evangelien, humanistischer Moralismus) und Pharisäer (Internalismus, aus bigottischer Eigengesetzlichkeit geborener Moralismus, etc.). Diese Sauerteige sind bereits in alttestamentlicher Zeit und zur Zeit Jesu auszumachen. Der missionarische Sendungsauftrag aus Mt.28,18-20 und Mk.16,15 kann nicht unabhängig von der Pflicht des Hinausfegens dieser Sauerteige ausgeführt werden. Auch die Pharisäer waren aktiv auf dem Missionsfeld (Mt.23,15[ciii]). Die Juden­christen folgten Paulus auf Schritt und Tritt. Wir haben gerade auch heute von Sadduzäern und Pharisäern Widerstand zu erwarten und sollen uns darum bemühen, dem zerstörerischen Werk dieses von außerhalb oder innerhalb (als einer Art fünften Kolonne) wirksamen Sau­erteiges zu wehren, anstatt uns lediglich vor den "fleischlichen Weltmenschen" (nach gnostischem Verständnis) zu verschanzen.

 

            Die Pflicht des Hinausfegens der Sauerteige ist eine dogmatisch-hermeneutische Grund­motivation, sie befindet sich in der Tradition der Alten Kirche und des israelitischen Über­restes und ist somit nicht erst von Luther, Bonhoeffer oder Ebeling ausgedacht worden. Sie befindet sich im Widerstreit mit anderen hermeneutischen Voreingenommenheiten, von denen einige ebenso alt sind und die anderen Traditionen angehörten, etwa des Mehrheits-Is­raels, der Gnostiker, der Pharisäer, der Gegenreformation. Die hermeneutische Voreinge­nommenheit, nach der biblische Texte und Denkkonzepte nach dem Differenzierungskrite­rium "schadhafter Sauerteig oder Geist des Evangeliums" unter­sucht und systematisiert wer­den, gehört zu einer guten und bewährten Tradition und führt immer wieder neu zu ei­ner Theologie und zu einer Kirche, die auf ihre Botschaft achtgibt und sich so weit wie mög­lich der sogenannten "Mitte der Bibel" (dem Zentrum und Hauptan­liegen der Bibel) nähert.


2)  Religion und Evangelium: Zwei entgegengesetzte hermeneutische Systeme

 

            Die Monopolisierung Gottes

 

            Der Kampf mit der Religion ist eines der großen Hauptthemen in der Bibel. Für die folgen­den Systematisierungen haben wir vor allem Bibelstellen untersucht, in denen Pharisäer und Schriftgelehrte zu Jesu Zeit eine Rolle spielen, denn wir denken, daß diese Stellen repräsen­tativ sind für das Phänomen Religion schlechthin.

 

            Um dieses Phänomen am klarsten studie­ren zu können, schauen wir in die Zeit zurück, in der das größte antireligiöse Licht auf der Erde wandelte und den Widerstand der Finsternis provozierte. Die Tatsache, daß Gottes Heils­plan durch das Verstocktsein bestimmter Juden erst recht verwirklicht wurde und daß dieses Verstocktsein also "zwangsläufig" nötig war und daß im Jahre 70 n.Chr. der Tempel und große Teile Jerusalems zerstört wurden, kann unserer Meinung nach niemandem das Recht geben, zu behaupten, damit sei die Sache mit den Pharisäern erledigt und somit seien die sich mit ihnen beschäftigenden Bibelstellen für uns unwichtig bzw. es würde durch sie kein sich ständig wiederholendes Grundverhalten der Religiösen illustriert, sondern nur eine einma­lige historische Kuriosität geschildert. Diesen Bibelstellen kann nichts von ihrem Ge­wicht abgesprochen werden und es kann auch nicht die Möglichkeit in Frage gestellt werden, diese Texte für das Herauskristallisieren von auch heute anwendbaren Thesen und Formeln für Her­meneutik (und Apologetik) verwenden zu können. Die Pharisäer von damals sind ge­storben, die im gefallenen menschlichen Wesen latent vorhandene Gravitationsneigung in Richtung Religion ist jedoch immer noch wirksam.

 

            Der erste für die Religion typische Wesenszug, den wir ausfindig machen können, ist der Wunsch, Gott zu monopolisieren. Die Religiösen glauben, die Herrlichkeit und Ehre Gottes hinge von ihnen ab (Joh.9,24[civ]), und das, obwohl sie selbst keine Liebe zu Gott haben (Joh.5,42[cv]). Gottes Herrlichkeit ist frei beweglich, sie kann sich z.B. auf die andere Seite des Jordans begeben (Joh.10,40[cvi]), ohne daß jemand sie aufhal­ten könnte. Gott ist nicht vom Menschen abhängig, er ist souverän (Mt.3,9; 21,40+43; Mk.12,9)[cvii]. Anstatt brav auf die zu hö­ren, die sich "sein Volk" nennen und es nicht sind und für sie Wunder zu spielen, schweigt er (Mk.8,11-15). Religiöse Machtmenschen bemühen sich mit aller Kraft um die Kontrolle über Gott, um das Monopol "Gott"; um über andere Menschen Macht ausüben zu können. Gott möchte mit uns in Gemeinschaft leben. Machtmenschen und Demagogen wollen sich nun in diese Gemeinschaft einmischen, verlangen Gehorsam ihnen ge­genüber, wodurch ein Teil un­serer Energie an diese Menschen abgezweigt wird. Es wird also nicht die volle Energie, die uns Gott zur Verfü­gung gestellt hat, für das Reich Gottes verwendet, für das, was Gott wirk­lich von uns will (Gal.6,12; 2.Kor.11,3+20; siehe auch Röm.6,19)[cviii]. Sie stehlen damit von Gott ein Vorrecht, das eigentlich nur ihm zusteht. Die Werkzeuge der Religion sind Kon­trolle, Angsteinflößung, Bedrängnis (Terrorisierung) und Maskenspiel. Die religiöse Elite wird darauf achten, absolute Kontrolle zu behalten auf religiösem Gebiet (Lk.19,39; Joh.1,19+24; Apg.6,12+13a, 15,5)[cix].

 

            Diese Menschen bewirken, daß anderen vor der Botschaft Gottes und den Lehren von ihm ekelt. Sie verschließen den Himmel, indem sie die Botschaften Gottes bis zur Unverständlich­keit pervertieren (Lk.11,52; Mt.23,13; s.a. 1.Kor.14,23)[cx]. Um der Welt das Evangelium bringen zu können, muß deshalb ein Weg gefunden werden, der noch nicht von Pharisäern besetzt ist. Wir müssen die Pharisäer irgendwie umge­hen, um mit dem Evangelium bis zur Welt durchdringen zu können. Die Pharisäer und deren geistliche Verwandte aller Zeiten und Völ­ker stellen sich zwischen Gott und Menschen in der Absicht, Mittlerfunktionen auszuüben, wobei sie in Wirklichkeit ein Hindernis sind. Gleich­zeitig sind sie hundertprozentig davon überzeugt, daß sie Gott in der Tasche haben und daß das Gesetz Gottes auf ihrer Seite ist (Jer.8,8[cxi]). Daher ihre narzißtische Selbstliebe sowie ihre krankhafte Einbildung, alles perfekt machen zu können (Lk.18,10-11; 1.Joh.1,8-9)[cxii]. Daher die Anmaßung, zu glauben, jeder und alles könne gemessen und beurteilt werden nach den selbstzusammengeflickten und für überlegen ge­achteten Bewertungskriterien (Joh.7,45-48[cxiii]) oder nach dem Schein[cxiv] (Joh.7,51-52; 8,15+48+52).

 

            Wie einst Luzifer wollen auch die Religiösen Gottes Platz erobern: Seinen Richterstuhl (Jak.4,19), sowie seine Stellung als Mittler und Beschützer[cxv] der Menschheit (statt, wie Gott, zu beschützen, würde Satan gern totale Kontrolle ausüben).


            Die Schaffung selbstgeschaffener Bünde

 

            Statt auf Gottes Barmherzigkeit zu trauen, versteigt sich der religiöse Mensch mit seiner unter frommer Maske versteckten Arroganz dazu, Gott mit einer pompös angelegten Show von oftmals völlig unrealistischen Versprechungen und Treueschwüren (Mt.23,16-22[cxvi]) beeindrucken und befriedigen zu wollen.

 

            Jeder Religiöse glaubt, er könne eine Art Privat-Bund, der nur für ihn gilt, abschließen. Es ist ihm zu einfältig, sich auf die Verheißungen und Bedingungen des bereits von Gott bereiteten Bundes einzulassen (Spr.4,2; Pred.5,1-6; Neh.1,7; Jes.28,12; Hes.34,25; Micha 6,8; Gal.1,6-8; Röm.8,4)[cxvii], er möchte eine "Extrawurst", ein "Gott, und...", für die er aber nichts desto trotz alle die bereits oben erwähnten Verheißungen für sich mitbeansprucht (Mt.23,2; Joh.8,39; 9,28-29;  Offb.3,9)[cxviii].

 

            Der einzig gültige Bund zwischen Gott und Menschen wurde bereits von Gott selbst berei­tet. Es ist die Aufgabe der Gemeinde (und ihrer Leiter), die Menschen zu diesem Gott zu füh­ren und damit in die wahre Gemeinschaft mit Gott und ein Leben aus Gnade. In re­ligiösen Gruppierungen wird aber statt dessen auf die Mitglieder Druck ausgeübt, mit dem Ziel, sie zum öffentlichen Aussprechen völlig tö­richter Versprechen Gott gegenüber zu bewe­gen. Alles in sehr intensivem frommen Rahmen, damit jeder den Eindruck hat, er sprach aus freiem Willen vom heiligen Geist getrieben.

 

            Die so Bedrängten treten nun gewissermaßen vor Gott hin und sprechen: "Du kannst dich auf mich verlassen. Diesmal enttäusche ich dich nicht, sondern werde die erwünschte religiöse Leistung erbringen...!". Als ob sich Gott auf Men­schen verlassen würde oder könnte! Gott verläßt sich nicht auf mich, sondern auf das, was Christus für mich tat. Gott findet seine vollste Genugtuung in Christus, nichts anderes kann ihm überhaupt eine Genugtuung verschaffen als nur Christus.

 

            Durch Christus sind wir eine Freude für Gott. Es gefällt Gott, voller Liebe durch Christus auf uns herabzublicken, so­gar, wenn wir gerade depressiv und entmutigt sind und wieder einmal an unserer Sündhaf­tigkeit verzweifeln (Hebr.10,14-23+29[cxix]; siehe auch 8,10-13; 13,20+21).


            Religiöse Ersatzprodukte und äußeres Theater

 

            Um den Menschen effektiver von der Wirklichkeit isolieren zu können, bietet die Religion diverse Unterhaltungsspielchen zum freien Konsum an. Statt nach einer wahren Gemein­schaft mit Gott zu suchen, waren die Juden dauernd mit ihren religiösen Festen beschäftigt (Joh.5,1; 6,4; 7,11; 19,31; Amos 5,21[cxx]). Die Synagogen und der Tempel waren oft nicht mehr Ort der Begegnung mit, sondern eher Ort der Flucht vor Gott. Bald sollten sie durch den Leib Christi ersetzt werden (Joh.2,19-21).

 

            Statt etwas zu sein durch Christus in Gottes Kraft, spielt der religiöse Mensch Theater. Die Wahrheit wird durch Sauberkeit ersetzt. Deshalb ist der religiöse Mensch sehr mit Sauberkeit be­schäftigt (Mk.7,2-5; Lk.11,37-44; Joh.2,6; 3,25). Weil er sich nicht Gott in Wahrheit hingibt, wird der Religiöse Opfer einer falschen Frömmig­keit, die gottlos und auf der Lüge basierend ist (Amos 4,4; Mt.23,14+25-28[cxxi]; Kol.2,19-23; 1.Tim.1,5; 4,2; 2.Tim.1,5; 3,5). Was als "Gottesfurcht" angepriesen wird, ist in Wahrheit oft nichts anderes als Menschenfurcht (Jes.29,13[cxxii]). Ein wirkliches Eindringen in die Schrift bleibt den Menschen verwehrt, die in derartigen Formalismen festhängen (Jes.28,9-13; 29,14).


            Das Prinzip der Verfolgung durch Kain - Allegorisierung, Ja oder Nein?

 

            Viel wurde geschrieben[cxxiii] über Pauli Verwendung des Konfliktes zwischen Hagar und Sa­rah, Ishmael und Isaak aus 1.Mose 16,17 und 21 im 4. Kapitel seines Briefes an die Galater. Paulus allegorisiert in Gal.4 die Geschehnisse um die obengenannten Personen und zieht daraus Parallelen zu dem Konflikt zwischen den Judenchristen und den wahren Aposteln.

 

            Die Allegorisierung war eine gängige Interpretierungsart für das alte Testament von Philo aus Alexandrien (20 v.Chr.-45 n.Chr.) an bis zu Luther (der ihre Anwendung durch die Römi­sche Kirche als ein Affenspiel bezeichnete[cxxiv]). Sie wurde zur Zeit der Reformation verworfen aus dem Grunde, daß sie dazu verwendet werden kann, alles mögliche und unmögliche aus ei­nem Text herauszudeuten. So verwendeten z.B. die Gnostiker diese Interpretierungsmethode, um das Alte Testament als Ganzes überhaupt abzulehnen sowie die Lehren des Paulus zu ver­werfen[cxxv].

 

            Die Allegorisierung wurde in Griechenland entwickelt zur Dechiffrierung von ge­heimen Botschaften in antiken Gedichten, besonders denen Homers[cxxvi]. Das hellenische Ju­dentum (und Paulus) übernahmen die Allegorisierung als Art und Weise, Texte im Allgemei­nen auszule­gen.

 

            Für Origenes war die Allegorisierung die christliche Auslegungsweise für das Alte Testa­ment schlechthin, war es ihm und anderen doch durch sie möglich, verblüffende Sinnzu­sammenhänge zwischen dem Alten Testament und den apostolischen Lehren aufzufinden. Origenes wollte die Allegorisierung für das Christentum monopolisieren[cxxvii] und bekämpfte die ebenfalls allegorisierenden Auslegungen des Gnostikers Hera­kleon, die sich in dessen Kommentar zum Johannesevangelium niederschlugen[cxxviii]. Origenes und Herakleon hatten die gleiche exegetische Methode: Die Allegorisierung. Origenes hat sich jedoch bei seinen Auslegungen den apostoli­schen Lehren und Meinungen zur Inspiration der Schrift, die damals von der Kirche akzep­tiert wurden, verpflichtet gefühlt (was bei ihm leider nicht immer der Fall war). Der Unterschied zwischen Origenes und Herakleon lag nicht in der Art und Weise, Exegese zu treiben, sondern in den hermeneutischen Voreinge­nommenheiten (Voraussetzungen, Ausgangspunkten, Motivie­rungen; in dem, was als Auto­rität berücksichtigt wurde oder nicht). Origenes Kommentar zum Johannesevangelium war dann nichts an­deres, als eine Widerlegung und Für-Außer-Kraft-Gesetzt-Erklärung des Kommentars zum Johannesevangelium von Herakleon. Die dazu notwendige hermeneutische Differenzierungsarbeit wurde von Origenes ebenfalls mit Hilfe von Allegorisierungen im Ge­schmack der Zeit vor­genommen. Origenes griff nicht die exegetische Methode, sondern die Theologie von Herakleon an.

 

            Obwohl eine Akzeptanz unsererseits heute der von Origenes verwendeten Auslegungstech­niken einem unverantwortlichen Links-Liegen-Lassen sämtlicher uns heute zur Verfügung stehenden exegetischen Forschungsergebnisse gleichbedeutend wäre, sollten wir Origenes nicht zu sehr dafür von oben herab belächeln, daß er diese Techniken damals verwendete; war doch sein Sieg gegen Herakleon um so mehr gerade deswegen erfolgreich, weil Origenes es verstand, Herakleon auf dem gleichen Niveau theologischer Artikulation zu begegnen und ihn so ge­wissermaßen mit den eigenen Waffen zu schlagen.

 

            Vielleicht verwendete auch Paulus die Allegorisierung, um den Judenchristen auf dem glei­chen Niveau entgegenzutreten, um ihnen mit gleicher Münze heimzuzahlen. Wir wissen nicht, inwiefern er mit der Allegorisierung als exegetischer Methode noch einverstanden gewesen wäre, hätten ihm auch die heute angebotenen exegetischen Möglichkeiten mit zur Auswahl gestanden. So unwohl uns auch heute bei der Allegorisierung ist, müssen wir doch eines festhalten: Es ist Paulus gelungen, ewig gültige Prinzipien aus dem Alten Testament heraus­zukristallisieren. Und das ist etwas, was uns auch heute zu exegetischer Arbeit antreiben sollte, wenngleich wir dabei andere exegetische Wege einschlagen als die Allegorisierungstechni­ken des 2. und 3. Jahrhunderts n.Chr.. In Gal.4,29 schreibt Paulus: "Doch gleichwie damals der nach dem Fleisch Geborene den nach dem Geist Geborenen verfolgte, so auch jetzt." Das heißt, auch bei uns, die wir so weit gediehen sind. Unsere Frage zum Thema Allegorisierung sollte nicht lauten: "Gibt uns Paulus das Recht, die Allegorisierung für die Auslegung des Al­ten Testamentes anzuwenden?", sondern: "Wie können wir aus dem Alten Testament auch heute noch gültige, ewige Prinzipien ans Licht bringen, ohne dabei den jeweiligen Texten un­nötig Gewalt anzutun?".

 

            Paulus stellte das ewige Prinzip heraus, das unter der Oberfläche der reinen Handlungen von Sarah, Hagar, Ishmael und Isaak liegt. Da­bei brachte Paulus hermeneutische Prinzipien Hillels zur Anwendung. Hillel war Gamaliels Lehrer[cxxix] und Paulus wurde von Gamaliel unter­richtet (Apg.22,3). Hillel führte sieben Interpretierungsmethoden an, die man zusammenfas­sen könnte wie folgt:

 

            1) Generalisierung (Verallgemeinerung), bei der man eine Folgerung "a minori ad maius" zu machen versucht (von etwas kleinerem, un­wichtigerem, schließt man auf ein übergeordnetes, allgemeineres Prinzip).

 

            2) Auffindung einer analogen Schlußfolgerung und

 

            3) Entwicklung eines auf zwei oder mehr Bibelversen zurückgeführten Grundprinzips.[cxxx]

 

            Gal.4 läßt sich beleuchten durch andere Stellen, an denen von Verfolgung die Rede ist (1.Mose 4,10; Hebr.11,4; Mt.16,21; 23,29-31; Mk.8,31; Lk.13,31-33; Joh.5,18; 7,1; Judas 11; 2.Tim.3,12). Im Lichte dieser Stellen könnten wir nun von einem "Prinzip der Verfolgung durch Kain" sprechen. Kain steht für den religiösen Menschen, der Gott mit den Früchten genau des Erdbodens befriedigen möchte, welcher in 1.Mose 3,17 von Gott verflucht wurde. Zwischen seiner Verachtung für (und seinem Neid auf) Abel sowie der Einstellung der religiö­sen Juden gegenüber Jesus finden wir viele Parallelen (Mt.27,41; Lk.16,14; Joh.6,41; 8,22; siehe auch Jes.28,14+22+29). Das Prinzip der Verfolgung durch Kain ist keine aus einer "veralteten" Theologie abgeleitete Hypothese, sondern beruht auf objektiven Tatsachen, die in der Bibel be­schrieben sind. Kain hat nun einmal den Abel umgebracht und so wird es auch in Zukunft sein.

 

            Viele haben dieses Prinzip mißbraucht, indem sie es dazu verwendeten, mit großer Leich­tigkeit und ohne biblische Differenzierung Ver­dammungsurteile auszusprechen. Nun wurden aber die so Verdammten nicht wegen Parallelen mit Kain`s Wesen verurteilt, sondern weil sie innerhalb des Clubs der Verdammenden aus der Reihe tanzten und die Verdammenden ge­mäß der Devise "Wer nicht mit UNS ist, kann nicht von Gott sein!"[cxxxi] handelten. Überhaupt ist das Prinzip der Verfolgung durch Kain kein Werkzeug zum Verdammen anderer. Das Schei­den der Böcke von den Schafen wird einmal eine allein dem Herrn vorbehaltene Arbeit sein (Mt.13,28-30; 38-41). Bis dahin sind ja auch alle unsere Aktivitäten auf dem Gebiet der Gemeindezucht immer mit dem Wunsch verbunden, die Ausgeschlossenen möchten doch zu Buße und Umkehr finden. Vielmehr ist das Prinzip der Verfolgung durch Kain ein Werkzeug zur konstruktiven Ermah­nung[cxxxii] für die, die in Gefahr sind, "den Geist der Gnade zu verachten" (Hebr. 10,29) durch ihre Gesetzlichkeit; sowie ein Werkzeug zum Trösten und Auferbauen derjenigen, die von Verächtern des Geistes der Gnade unterdrückt werden. Ein Mißbrauch dieses Prinzips durch einige macht seine Anwendung im biblischen Rahmen nicht illegitim.


3) "Die Schrift recht teilen" nach der Schrift

 

            Die Übergeordnetheit der Worte Jesu und der Gesetze Gottes über den Worten der Religion und den Gesetzen der Religion.

 

            Paulus ermahnt uns in 2.Tim.2,15 "das Wort der Wahrheit recht zu teilen". Bevor wir aber zum eigentlichen "recht Teilen" des "Wortes der Wahrheit" kommen, müssen wir zuerst ein­mal unterscheiden zwischen "Wort der Wahrheit" und nur scheinbar wahrem Wort.

 

            Wenn wir Hermeneutik nicht nur als exegetisches Werkzeug, sondern auch als zwischen Evangelium und Religion richtende Instanz an­wenden, dann ist das wichtigste hermeneuti­sche Prinzip die Differenzierung zwischen Gesetz Gottes und menschlichem Gesetz, zwischen den Worten Jesu und frommen Worten. Diese Unterscheidung zwischen Gesetz Gottes und religiösen Gesetzen ist der erste Schritt. Nur nachdem dieser Schritt getätigt wurde, können wir uns an die Frage heranwagen, wie das Gesetz Gottes anzuwenden ist.

 

            Eines der zentralen Themen der Pastoralbriefe ist die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen "unnützem und unheiligem Ge­schwätz" (1.Tim.1,6-7; 6,3+20-21), "Heuchelei" und "Altweiberfabeln" (1.Tim.4,1-2+6-7), "eitlem Geschwätz, das den Leuten den Kopf ver­wirrt" und "ungehörigen Lehren" sowie "jüdischen Legenden und Geboten von Menschen" (Titus 1,9-14) auf der einen Seite und gesunder Lehre auf der anderen Seite (s.a. 2.Tim.1,13; 2,14-16; 4,3-5; Titus 3,8-11 und darüberhinaus auch Hebr.13,9). Was sich sehr gottergeben, fromm und andächtig anhört, ist oft nur dämonischer Ballast, vermittels dessen der Widersa­cher Gottes die Diskreditierung der christlichen Botschaft erreichen möchte (Titus 1,16[cxxxiii]).

 

            In der ganzen Bibel finden wir immer wieder Konflikte zwischen Worten Gottes (oder des Herrn Jesus) und Worten der Religion. Das Buch Hiob z.B. besteht zum Hauptteil daraus. Je­sus ruft uns dazu auf, in Seinem Wort zu bleiben, was ein Verlassen der Worte der Religion nötig macht (Joh.8,31[cxxxiv]). Das Joch Jesu ist leicht und das Gesetz Gottes ist kein verworrenes Gesetz, das von weit her gekommen wäre, bei dem man nie wüßte, ob es eingehalten wurde oder nicht; sondern ein uns naheseiendes, klares und unzweideutiges Gesetz (5.Mose 30,10-14; Röm.10,2-8; Mt.11,29-30)[cxxxv]; während die menschlichen Gesetze, die unter dem Decknamen "Gesetz Gottes" gehandelt werden, nicht eingehal­ten werden können (Mt.23,4; Gal.6,13)[cxxxvi]. Deshalb sind sie nicht nach Gottes Willen, sondern sogar seinem Gesetz entgegengerichtet. Wie es ein falsches "Evangelium" gibt, so gibt es auch ein falsches "Gesetz Gottes". Vermittels diesem als Gesetz Gottes ausgegebenen, menschli­chen Gesetzes wird nun bei Außenstehen­den der Eindruck erweckt, daß das wahre Gesetz Gottes genau so widerwärtig sei wie die reli­giösen Menschen, die vorgeben, für dieses einzustehen; ja, daß letztendlich auch Gott ein höchst widerwärtiges Wesen sei (Röm.2,23-24[cxxxvii]).

 

            Der in der Bibel völlig Unbewanderte kann nicht darauf kommen, daß das Gesetz des Reli­giösen nur eine häßliche Karikatur ist vom wahren Gesetz Gottes, welches heilig, gerecht und gut ist (Röm.7,12-14). Neben der Tatsache, daß die Pharisäer bei der Anwendung des offen­barten Gesetzes pfuschen, fügen sie auch noch selbsterfundene menschliche Traditionen hinzu (Mt.15,1-3; Mk.7,9-13). Dadurch wird das Gesetz außer Kraft gesetzt, entweiht, enthei­ligt (genauso wie das Evangelium, die Botschaft vom allgenügsamen Opfer Christi, annuliert wird, wenn jemand noch die Notwendigkeit des Erfüllens von moralischen Werken dazusetzt). Wann immer der Mensch in Gottes Werk, sei es Gesetz oder Evangelium, hineinpfuscht, wird die Botschaft Gottes außer Kraft gesetzt, denn durch das sich-mit-hinein-Mischen des Men­schen sagt der Mensch zu Gott zwischen den Zeilen: "Deine Methode ist noch nicht perfekt, Gott, WIR müssen sie vervollständigen!"

 

            Dieses Problem kann man bis in die Zeit des Baumes der Erkenntnis des Guten und Bösen im Garten Eden zurückverfolgen (1.M.2,17). Damals wollte Gott der einzige sein und bleiben, der definiert, was gut ist und was böse ist. Nach dem Fall hat der Mensch die Möglichkeit, dem Gesetz Gottes (das durch die Worte Jesu im Neuen Bund vervollständigt wird) zu folgen. Tut er das nicht, wird er, als einer von der Schlange zu ewiger Besserwisserei gegenüber Gott Getriebener, unweigerlich auf das Befolgen von menschlichen Gesetzen kommen. Je nach Geschmack und kulturellem Zugehörigkeitsgefühl können diese Gesetze dann (als diaboli­sche Spitze der Rebellion und Entfremdung von Gott) als GOTTES GESETZ ausgegeben wer­den, oder auch nicht.


            Rolle, Hauptziel und Gebrauch des Gesetzes und hierarchische Rangordnungen der Ge­setze untereinander

 

            Wo es die Religion nicht schafft, den Menschen mit ihren als "Gottes Gesetz" ausgegebenen eigenen Gesetzen zu betrügen, gebraucht sie das Gesetz Gottes, allerdings auf falsche Art und Weise. Hier hat nun die Hermeneutik ihre "klassische" Aufgabe als sich um korrekte Text­auslegung bemühende Wissenschaft. Unter anderem wird die gewünschte korrekte Auslegung durch eine Differenzierung zwischen richti­gem und falschem Gebrauch des Wortes und Gesetzes Gottes sichergestellt.

 

            Das Gesetz Gottes kann den Gedanken Gottes gemäß angewandt werden, unter Berück­sichtigung der Grundsubstanz des Gesetzes oder nach eigenem Gutdünken (Joh.18,31; 19,7; 1.Tim.1,5-10)[cxxxviii]. Man kann also mit biblischen, aus dem Text- und Sinn-Zusammenhang geris­senen Gottesgesetzen herumjonglieren und so z.B. jegliche Art von doppelter Moral scheinbar "biblisch" begründen; was dann für die einen gilt, gilt für die anderen nicht (Mt.23,4).

 

            Um die Bibel richtig verstehen zu können, brauchen wir dogmatische Normen mittels derer die verschiedenen Konzepte biblischer Lehre in ihren korrekten Platz innerhalb der hierarchi­schen Ordnung zueinander eingeordnet werden, denn sonst erscheint uns die Bibel wie in Jesaja 28,9-13 beschrieben ("hier ein bißchen, dort ein bißchen"). Jesus selbst unterschied zwischen "dem Wichtigeren im Gesetz" (Mt.23,23-24) und danach hinzugekommenen Geboten Gottes (Mk.10,5-6; s.a. Mt.22,36-40; Mk.12,28-34).

 

            Wir können außerdem von einem Ziel des Gesetzes sprechen. Wenn die Gebote Gottes nicht diesem Ziel untergeordnet, sondern einzeln herausgegriffen werden, werden sie nur Sünde fördern oder abdecken, anstatt wie ein Deich gegen die Fluten der Ungerechtigkeit zu wirken (Hos.6,6[cxxxix]; Mt.12,7+11; Joh.5,10; 1.Sam.15,22; Gal.5,14; Hebr.10,8-9; Jak.2,8+12). Jedes Gebot Gottes muß von dem für es angemessenen Winkel aus betrachtet werden, aus der angebrachten Perspektive, innerhalb seiner Rolle als Einzelelement in einem mosaikarti­gen Zusam­menspiel, aus dem es nicht ausbrechen kann ohne Gefahr zu laufen, der Religion als Handlanger in die Fänge zu gehen.

 

            Jesus führt jede Diskussion zur Sinnmitte, zum Ziel Gottes (mit seiner Schöpfung) (Mk.10,2-9; Mt.19,4+8[cxl]; 22,17-21). Als man ihn be­züglich der Steuer für Caesar fragt (Mk.12,14-17), läßt er sich nicht zu einer Haarspalterei herab, sondern transferiert das Gespräch auf ein höheres Ni­veau. Auf diesem höheren Niveau ist das Gesprächsthema der Kontrast zwischen dem Wichtigen, Essentiellen (Gott alles zu ge­ben) und dem Unwichtigen (Steuer zu zahlen oder nicht). In Wahrheit geht Jesus nicht wirk­lich auf die Frage ein, ob Steuer an Caesar gezahlt werden soll oder nicht. Die Pharisäer und Schriftgelehrten denken auf dem niedrigeren Gesprächsniveau, dem des Nicht-Ausschlagge­benden und sind interessiert an der Frage: "Wieviel Meter Sünde können wir uns noch gön­nen, um aber gleichzeitig und eben gerade mal noch als fromme Juden gelten zu können?". Sie sind an Regeln für das Leben, nicht an Motivationen für das Leben interessiert. Der Geist macht lebendig, der Buchstabe tötet.


            Gesetz und Gnade

 

            Nach Röm.2,6-13 werden die, die das Gesetz erfüllen, gerechtfertigt. Röm.2,6-13 sagt aber nicht aus, wie das Gesetz erfüllt werden soll. Röm.8,3 zeigt auf, daß das Gesetz machtlos ist, weil die irdische Natur des Menschen es unwirksam macht. Wie können wir nun gerechtge­sprochen werden, wenn wir wegen unserer sündhaften Natur das Gesetz nicht erfüllen kön­nen? Der darauffolgende Vers gibt eine Antwort: Das Gebot des Gesetzes wird in uns erfüllt, wenn wir nach den Ermahnungen des Geistes leben (8,4). Der Geist ist in uns, wenn Chri­stus in uns ist (8,9-11).

 

            Die Gnade besteht also nicht darin, daß Gott das Gesetz nun irgendwie umgehen würde oder wollte, daß er es ungültig machen oder nennen würde. Die Gnade besteht darin, daß nicht wir das Gesetz erfüllen mußten oder noch müssen, weil nämlich Christus es schon für uns an unserer Statt erfüllt hat (Mt.5,17). Jeder, der Christus in sich hat, wird von Gott als jemand angesehen, der alles getan hat, was sein Gesetz fordert.

 

            Ja mehr noch, die Sachlage liegt sogar so, daß nun jeder, der versucht, das Gesetz aus eigener Kraft zu erfüllen, vom Ge­setz verdammt wird. Diejenigen, die versuchen, das Gesetz zu erfüllen, zeigen damit, daß sie überhaupt keine Sündenerkenntnis haben. Wenn sie von der Tiefe und Tragweite ihrer eige­nen Sünde überzeugt wären, würden sie sich nicht dazu erdreisten, zu versuchen, Gott durch reli­giöse, nach eigenem Gutdünken ausgesuchte Werke zufriedenzustellen. Außerdem befin­den sie sich außerhalb des Gesetzes, weil sie nicht denjenigen annehmen, den Gott als einzi­gen Erfüller des Gesetzes anerkannt und bestimmt hat (Apg.4,12[cxli]). Sie akzeptieren die Bedin­gungen des Neuen Bundes nicht. Zu diesen Bedingungen gehört die Annahme der Gnade, die Gott in Jesus anbietet. Deshalb werden sie durch das Gesetz verdammt.

 

            Ein führerscheinloser Autobesitzer wird einen Freund mit Führerschein ans Steuer bitten, wenn er einen Ausflug mit seinem Auto ma­chen will. Bei einer Polizeikontrolle ist dann nichts zu befürchten: Der führerscheinlose Autobesitzer befindet sich in vollster Konformität mit den zivilen Gesetzen, solange er selbst nicht am Steuer sitzt. Jesus Christus ist unser "Freund", der den Führerschein hat, um im Reich Gottes "verkehren" zu können. Dadurch wird das Ge­setz nicht beiseite getan (Mt.5,17). Wenn Gott es uns erlauben würde, in seinem Reich das Vehikel unseres Lebens durch unsere eigene Kraft zu betreiben, dann müßte er allerdings zuerst einmal sein eigenes Gesetz beiseite tun, außer Kraft setzen; wenn uns nicht dauernd vor einer "Polizeikontrolle" bange sein sollte.

 

            In diesem Sinne sind Gesetz und Gnade keine gegensätzlichen, gegnerischen Kräfte. In seinem Buch "Unterscheidungen" schreibt William MacDonald im Kapitel "Gesetz und Gnade"[cxlii]: "Gesetz und Gnade sind zwei entgegengesetze Wege, durch die Gott mit den Men­schen handelt... Gnade und Gesetz schließen sich gegenseitig aus, können sich nicht vermi­schen.". Wir fragen uns, wie sich W.MacDonald die Er­rettung im Alten Testament vorstellt!

 

            Benny Fãrãgãu schreibt[cxliii] dagegen: "In der Pas­sahnacht wurden nur diejenigen für gerecht erachtet (wobei sie vor der Strafe des Zornes Gottes bewahrt wurden), die durch den Glauben unter dem Vorhange des Passahlamm-Blu­tes Schutz suchten... Die Errettung (Erlösung[cxliv]) geschah, geschieht und wird immer geschehen allein durch die Gnade, d.h. aufgrund des Preises, den Gott bezahlt hat, nicht durch den Preis, den der Mensch zahlt. Gott konnte über jeden Israeliten sagen: "Durch Gnade seid ihr errettet, vermittels des Glaubens. Und dies kommt nicht aus euch, sondern ist das Geschenk Gottes. Nicht aus Werken, damit sich niemand rühme!" (Eph.2,8-9)."

 

            Das Zitat von W.MacDonald macht die Problematik einer dispensationalistisch geprägten Heilslehre deutlich. Das Zitat von B.Fãrãgãu ist die bundestheologische Alternative dazu.

 

            Wir wiederholen also: Das Gesetz und die Gnade sind keine entgegengesetzten Kräfte. Was mit aller Kraft gegen die Gnade streitet, ist nicht das Gesetz, sondern die Religion. Statt unter den Schutz zu fliehen, den die Gnade anbietet, rühmt sie sich des Gesetzes, welches sie doch nicht halten kann und welches sie darüberhinaus auch überhaupt nicht respektiert (Röm.2,17+23). Es ist interessant zu sehen, wie in den "gesetzlichen" Gemeinden die neutestamentlichen "Gesetze" (Gebote) bezüglich der Gemeindedisziplin kaum beachtet, geschweige denn in biblisch korrekter Weise angewandt werden. Alle tragen brav ihre Krawatten und lan­gen Röcke, aber niemand wird zur Rede gestellt wegen Lügen, Betrügereien, Afterreden, usw. (Unter "gesetzlichen" Gemeinden verstehen wir solche Gemeinden, in denen trotz Fehlens offi­ziell be­kannter Häresien sektiererische Bemühungen wie Unterwerfung, Ausbeutung, Gleich­schaltung usw. gedeihen können).

 

            In einer Gemeinde, in der die biblische Lehre vom Leben aus Gnade richtig gelehrt wird, werden christliche Freiheit und neutestamentliche Disziplin koexistieren. Denn nur die Gnade macht uns zu disziplinierten Menschen (Titus 2,11-12[cxlv]), nicht das Gesetz. Der aus Gnade Lebende erfüllt das Gesetz durch Christus, obwohl er nie zur Vollkommenheit gelangt im irdischen Leben (1.Joh.1,8-10; Phil.3,12). Der Religiöse dage­gen möchte an­dere mit der Vollkommenheit des Gesetzes einschüchtern und haßt doch dabei das Gesetz Gottes und Gott selbst in seinem tiefsten Inneren. Er kann nie wirklich mit dem Psalmisten sprechen "...dein Gesetz habe ich lieb" oder "...ich werde mich an deinen Satzun­gen stets ergöt­zen..." (Ps.119,113b+117b), obwohl solche Worte in seiner Wohnung herum­hängen und es ihm u.U. eitel Freude bereitet, sie mit schaurig brum­mendem Tonfall anderen vor­zulesen. Der Religiöse zeigt mit dem Finger auf die Unvollkommenheiten des geistlichen Men­schen und kann sich mit der Hilfe von Dämonen zu einer erstaunlich "weißen Weste" äußerli­cher Moralität erziehen. Es ist nicht zu glauben, wie perfekt ein Pharisäer die Außenseite des Bechers versteht, blankzupolieren (Lk.11,39), wobei er innen völlig dämonisiert ist.

 

            Genau gesehen hält der Religiöse das Gesetz nicht. Er hält nur diejenigen Teile des Gesetzes, die IHM gefallen, die ihm dazu verhelfen, ein noch besser ge­tarnter Sohn der Gehenna zu werden (Mt.23,15). Dieser willkürlich begrenzte Gehorsam ge­genüber dem Gesetz ist gegen das Gesetz. Denn das Gesetz verlangt in allererster Linie, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament, völli­gen Gehorsam gegenüber GOTT.

 

            Das Evangelium ist eine "gute Nachricht". Durch das Evangelium wird verkündet: "Nun wird das Gesetz Gottes in korrekter Art und Weise zur Anwendung gebracht, nämlich gegen die Religiösen und nicht gegen die, die zwar in schweren Sündenkämpfen stehen, aber doch durch Christus gerechtfertigt sind." Durch das Evangelium wird das Gesetz gestärkt und be­stätigt (Röm.3,31[cxlvi]). Das Evangelium ist nicht nur ge­kommen, um die durch es Erretteten mit Glücksgefühlen zu beschenken, sondern auch um die versteckten Motive der Men­schen aufzudecken und zu richten (Röm.2,16[cxlvii]). Durch nichts so sehr wie durch das Evange­lium wird dem Gesetz Recht gegeben.

 

            Rosenius schreibt[cxlviii]: "Bedenke, welch ein merkwürdiges Verhältnis (und das bleibt sich zu allen Zeiten gleich), daß gerade diejenigen, die vor dem Gesetz falsch waren, am meisten um das Gesetz eiferten; diejenigen, die auf die wichtigsten Forderungen nicht achtgaben, am strengsten in bezug auf einige äußere Beobachtungen waren, sobald es anderen galt! - Sie sprachen beständig von dem Gesetz und sahen so genau auf die Werke anderer, daß sie sogar Christus bestraften, z.B. daß er den Sabbat brach, Wein trank, Sünder annahm usw. Christus hingegen, der nach Ihrer Meinung allzu mild gegen Sünder war, war es ja gerade, welcher das Gesetz so tief und streng in bezug auf den inwendigen Menschen trieb, daß kein Mensch vor ihm bestehen konnte. Ja, wir verstehen es wohl; Christus und die Pharisäer hatten ganz verschiedene, ja entgegengesetzte ABSICHTEN mit dem Gesetz. Die Pharisäer wollten die Menschen durch das Gesetz HEILIG, und Christus wollte sie durch das Gesetz ZU SÜNDERN machen. Das war der Unterschied! So mag denn dieses genug sein von dem ersten und schrecklichsten Übel, das daraus fließt, daß man das Gesetz nicht recht versteht und beachtet."

 

            Wenn Paulus in Röm.10,4 schreibt, daß Christus das Ende des Gesetzes ist ("Ende" nicht im Sinne von "Beendigung" und außerdem so­wieso nur "...zur Gerechtigkeit für einen jeden, der da glaubt"), dann bedeutet dies nicht, daß Christus das Gesetz verwirft, sondern daß der Fluch des Gesetzes nicht mehr auf dem ruht, der sich schon zu Lebzeiten selbst "verdammte" bzw. als verdammt erkannte und daß derje­nige, der in Christus ist, dem Fluch des Gesetzes gegenüber abgestorben ist. Das Gesetz richtet jeden Menschen einmal im Leben: Entweder am Tag des Herrn, oder jetzt im Leben, wenn der Mensch sich selbst richtet (1.Kor.11,31[cxlix])[cl].

 

            Bei den Pharisäern können wir eine Art "Glauben" feststellen, demzufolge Sünde stärker ist als Gnade oder Begnadigung. Dies stellt im Grunde einen Unglauben an Gott dar. Gott ver­urteilt die Sünde und stellt sich aufs Entschiedenste gegen die Sünde. Aber das Endziel mit dem Menschen ist nicht die Verurteilung und Verdammung des Menschen, sondern die Wie­derherstellung der Gemeinschaft des Menschen mit Gott, wo immer dies von Gottes Seite aus möglich ist.

 

            Um das Evangelium verstehen zu können, muß man die Priorität, den Vorrang, die Vorherrschaft des Prinzips der Gnade vor dem Prinzip der Sünde im Auge behalten. Die Pharisäer und Schriftgelehrten brüsteten sich mit ihrer selbstgewählten Stellung als Vertreter und Verteidiger ihres "Gottes" des Gerichts. Sie verstanden sich als Sachwalter einer sehr schwachen Art von "Gnade", die in sehr kleinen Dosen verabreicht wurde (an die, die be­stimmte moralische Anforderungen erfüllten). Vor diesem Hintergrund können wir nachemp­finden, weshalb sie Jesus für einen Gotteslästerer halten mußten, als dieser schlicht und einfach Sünden vergibt, ohne vorher zu erfüllende Bedingungen (Mt.9,3). "So kann es doch nicht gehen", denken sie, "wir wissen, daß Gott die Sün­der nicht hört" (Joh.9,31, hier aus dem Munde des geheilten Blinden), "dieser Sünder müßte doch erst einmal zu uns!", usw.

 

            In Joh. 8,3-11 wollen sie Jesus dazu zwingen, endlich auch anzuerkennen, daß (so wie sie mei­nen) die Sünde schwerer wiegt als die Gnade. Im Falle der beim Ehebruch Ertappten sind sich die Pharisäer sicher, daß Jesus ihnen Recht geben muß, was ihre Art der Anwendung des Gesetzes an­betrifft, und dies nun durch Beipflichtung zur Steinigung demonstrieren wird. Aber jener Fall von Ehebruch war noch nicht einmal nach bi­blischen Kriterien unter­sucht worden; so ist z.B. nirgends die Rede von dem Mann, der bei diesem angeblichen Ehe­bruch die Rolle des ille­gitimen Partners übernommen haben soll. In 3.Mose 20,10[cli] und 5.Mose 22,22[clii], den Stellen, die die Grundlage waren zur Steinigung von Ehebrechern, steht ganz klar, daß beide, sowohl der Mann als auch die Frau, die Teil hatten am jeweiligen Akt des Ehebruches, umgebracht werden sollen. Die Pharisäer gebrauchten das Gesetz ganz im Sinne ihrer doppelten Moral: Männer dürfen sich schon mal einen Ausrut­scher in den Ehe­bruch leisten, Frauen dagegen stellen eine Anfechtung und potentielle Gefahr für Männer dar und sind "mehr" Schuld, wenn Ehebruch geschieht. Wer weiß, vielleicht "arrangierten" sie auch einige Dinge, um die betreffende Begebenheit zur Aufführung bringen zu kön­nen. Zweitens war die Motivation, der Beweggrund der Pharisäer nicht etwa die Verteidigung des Gesetzes Gottes oder eine Ehrerweisung des Namens Gottes, sondern alles war nur Teil einer Verschwörung gegen Jesus. Sie wollten Jesus dazu zwingen, seine Mutter Maria anzu­klagen. Nachdem Jesus der Steinigung jener Ehebrecherin beige­willigt hätte, hätte er auch genauso konsequent sein müssen, was Maria anging; so dachten sie, denn sie gingen davon aus, daß Jesus durch vorehelichen Verkehr mit Joseph entstanden sei (siehe Joh.8,6+41 und Dt.22,23-24) und wußten nichts von Seinem Gezeugtsein durch den Heiligen Geist (was sie ja auch nie geglaubt hätten). Letzten Endes wurde durch die Konfrontation mit der Ehebrecherin versucht, Jesus dazu zu bringen, sich selbst zu diskreditieren.


            Dogmatisch-literalistische Exegese - "Literalismus" kontra "Letterismus"[cliii]

 

            Wir hatten aufgezeigt, daß eine Exegese ohne Voreingenommenheiten (ohne vorherige Mo­tivation) unmöglich ist, da ja die Entscheidung, "nicht voreingenommen" zu sein, auch schon eine Voraussetzung oder Voreingenommenheit darstellt. Diese Entscheidung nun, "nicht vor­eingenommen" zu sein, ist aber nichts anderes, als eine faule Ausrede, mit der man sich vor der Verantwortung drücken will, klare Positio­nen zu beziehen und gegen das Böse im Allge­meinen zu kämpfen. Das Resultat ist eine unfruchtbare theologische Arbeit. Die Exegeten de­generieren dann zu einer separaten Kaste, welche aus sicherer Entfernung den verzweifelten Kämpfen der Gemeinden gegen Pharisäismus und Sadduzäismus zusieht, ohne unterstüt­zend einzugreifen. Der Exeget tendiert heute dazu, nicht zu sehr seine Stimme zu erheben zu wollen gegen die Sauerteige, da er fürchtet, seine "wissenschaftliche Neutralität" verlieren oder gar in allegoristisch-spiritualistische Fahr­wasser geraten zu können[cliv].

 

            Gleicherweise müssen wir aber zuerst Formen des Mißbrauchs von sich dogmatisch ge­bunden fühlender Exegese behandeln, bevor wir versuchen, eine Alternative skizzenhaft zu entwerfen.

 

            Grob gesagt können wir dann von einem Mißbrauch dogmatischer Exegese sprechen, wenn statt "Exegese" (etwas aus einem Text her­aus, "ex-", zu lesen) "eisogesis" (in den Text hinein, "eis-", zu lesen) betrieben wird[clv]. Die dogmatische Exegese ist nur dann für die Arbeit der Kir­che von Nutzen, wenn die verwendeten Dogmen auf literalistischer oder philologischer Ex­egese beruhen[clvi]. Das Dogma darf keine unabhän­gige Rolle einnehmen, es darf keine Kompo­nente an sich werden. Das Dogma darf lediglich vor der Exegese ein Denkkatalysator sowie nach der Exegese ein Kontrollwerkzeug[clvii] sein, nichts weiter. Nur so lassen sich Mißbräuche von Texten vermeiden (z.B. solche Mißbräuche, die von Pharisäern begangen werden, welche nämlich ihrerseits ebenfalls Formen von dogmatischer Exegese praktizieren, Formen, bei denen das Dogma überhand nimmt und dem Text gewaltsam aufgedrückt wird). Im Mittelal­ter hat die Römische Kirche ihre (häretischen) Dogmen di­versen Bibelstellen aufgezwungen, wobei sie eine anti-literalistische Form der Allegorisierung (eine Allegorisierung, die die rein sprachliche, literarische Analyse als unnotwendig oder minderwertig ansah) verwendete.

 

            Der Fehler be­stand nicht in der Verwendung der Allegorisierung an sich (sogar Luther, der die Allegorisie­rung römischer Exegeten scharf kritisierte, verwendete Allegorisierungen), sondern in der Tatsa­che, daß die Allegorisierung als erster exegetischer Schritt angewandt wurde. Der erste Schritt muß aber die Analyse des Textes aus literarischer Sicht sein. Der Literalismus be­zweifelt nicht, daß hier und dort eine Bibelstelle einen sekundären Sinn in sich tragen kann. Der Literalismus be­sagt aber, daß diese zusätzlichen, unterschwelligen Aussagen eines Tex­tes nicht gefunden werden können, wenn nicht zuvor der literari­sche, wörtliche Sinn einer Bibelstelle richtig analysiert wurde.

 

            Wenn jemandes Theologie nur auf angeblichen Sekun­däraussagen von Bibel­stellen basiert, muß vermutet werden, daß diese Theologie nur auf der blühenden Phantasie jenes Theologen beruht. Und diese Phantasie oder Vorstellungskraft hat leider meistens unbiblische Grundannahmen als Motivationsantrieb[clviii].

 

            Damit wären wir wieder bei unserer Devise, daß alles von der Qualität der verwendeten (als Katalysatoren und Schiedrichter zugelasse­nen) Dogmen abhängt. Wenn die Dogmen gut sind, wird es auch die Exegese sein, denn sie wird nun in richtiger Weise kontrolliert und fin­det außerdem weniger Widersprüche, da ja "gute" Dogmen (nach unserer "Definition") auch be­reits weitmöglichst abgesicherte biblische Auslegungsergebnisse zur Grundlage hatten. Ausgehend von unserem Glauben an die Unfehlbarkeit der Schrift sind wir davon überzeugt, daß nur diejenigen Dog­men oder Lehren objektiv gut sein können, die sich auf den wörtlichen Sinn von möglichst vielen (im nie eintretenden Idealfall: allen) Schriftstellen stützen. Die Schrift legt sich am be­sten selbst aus.

 

            Die dogmatisch-literarische Exegese bekämpft nicht die Allegorisierung an sich oder die Suche nach metaphorischen Zweitaussagen, welche nicht gleich an der Oberfläche sichtbar werden. Was allerdings bekämpft wird durch die dogmatisch-literarische Exegese ist der Ver­such, sich aus Sekundäraussagen, die unabhängig von einer Analyse der normalen, wörtlich-grammatischen Aussage aus Texten heraus-(bzw. hinein-) gelesen werden, Stützpfeiler für ein theologisches System zu errichten.

 

            Die frühe Kirche kannte zwei hermeneutische Schulen: Die Alexandrinische und die Antio­chianische. Beide Schulen erkannten, daß das Alte Testament mit den neutestamentlichen Schriften untrennbar verbunden ist. Unterschiede bestanden in der Beweisführung für die Ein­heit von Altem und Neuem Testament: Während man in Alexandria mit typologischer Symbolik (Allegorie) hantierte, betonte man in Antio­chia die Geschichtlichkeit des Alten Te­staments.

 

            Ramm schreibt dazu, daß die Antiochier den Alexandrinern vorwarfen, die Historizität der altte­stamentlichen Geschichten implizit zu leugnen, indem sie diese mit den Schatten von geheimnisvollen, mystischen Doppeldeutungen (Typen) so überkleisterten, daß diese Ge­schichten als nicht wirklich real geschehene Vorkommnisse erscheinen mußten[clix]. Für uns heute ist interes­sant zu sehen, daß gerade durch die Betonung der Wirklichkeit alttestamentlicher Geschichte nicht 30 verschiedene "Theologien" entstanden, wie es in der Neuzeit in Mode kam (Jahwist, Elohist, Deutero- und Trito-Jesaja, Paulinische, Petrinische und Johannitische Theologie[clx], usw.), son­dern daß dadurch die Christus-Bezogenheit der Bibel als Ganzes (und damit auch die Einheitlichkeit der Bibel) noch glaubwürdiger gemacht wurde. Das messianische Element war für die Antiochier nicht etwas über dem Historischen Stehendes, sondern etwas, das eng mit der hi­storischen Realität verknüpft und in ihr enthalten war.

 

            Ramm folgert nun daraus, daß die Antiochier eine dogmatische Exegese vermieden[clxi]. Dies ist aber nur dann richtig, wenn man unter "dogmatischer Exegese" jene Art von anti-literarischer allegorischer Exegese ver­steht, aus der sich später die absolute Autorität beanspruchende Exegese der Kirche Roms entwickeln sollte. Das Bestehen der Antiochier auf der Wirklichkeitsbezogenheit der bibli­schen Geschichten sowie ihr Glaube an die Einheit der Schrift zeigen jedoch klar, daß auch die Exegese der Antiochier sehr wohl eine dogmatische Exegese war, mit dem erfreulichen Unterschied, daß in ihrem Fall die zugrundeliegenden Dogmen biblische waren: Das Dogma der Wirklichkeitsbezogenheit (entgegen gnostisch-dualistischer Wirklichkeitsflucht), das Dogma der Einheit der Schrift und das Dogma "Gott spricht unsere Sprache" (einem anti-manichäischen Literalismus, ebenfalls konträr zum Gnostizismus mit seiner krankhaften Verses­senheit auf im Text ver­steckte Geheimnisse).

 

            Zusammenfassend läßt sich postulieren, daß die dogmatisch-literali­stische Exegese gnostisch-abergläubische und wunderwitzige, wirklichkeitsleugnende Vorein­genommenheiten bekämpft, auch wenn diese in der Vergangenheit zur Beweisführung für die Einheitlichkeit der Schrift dienstbar gemacht wurden (in Alexandria).

 

            Wer heute an die Einheitlichkeit der Bibel glaubt, muß also nicht gleichzeitig an einen Gott glauben, der in nicht-menschlicher, engelshafter, nur von "Eingeweihten", "Geweihten" und "Gesalbten" de­chiffrierbaren Bot­schaften spricht. Der Gott, der Mensch wurde, ist der Gott, welcher Grund, Schöpfer und Zu­sammenhalter aller Wirklich­keit ist und der im Alten Testament wie heute die Geschichte lenkt, anstatt in einem seltsamen "Logos"-Licht abseits von ihr herumzugei­stern.

 

            Das Dritte, was mit der dogmatisch-literalistischen Exegese bekämpft werden soll, ist das, was Ramm als "Letterismus" bezeichnet (Er macht eine Unterscheidung zwischen "literalism" und "letterism"[clxii]). Der Letterismus ist die unbiblische extreme Form des Literalismusses. Man könnte ihn auch als "Hyperliteralismus" oder "Versklavtsein unter den Buchstaben" bezeich­nen. Während die anti-literalistischen Alle­goristen sofort damit anfangen, um jeden Preis ein­gebildete Sekundäraussagen aus dem Text herauszuquetschen, ignorieren die Letteristen voll und ganz Nuancen, Wortspiele, versteckte Metaphern und Anspielungen, Verschiedenheiten der Sprech- und Ausdrucksweise, ja oft so­gar auf der rein ethymologischen Ebene alternative Bedeutungen von Wörtern[clxiii].

 

            Interessant ist die Tatsache, daß die kabbalistische Form des Letterismusses im Laufe der Hermeneutikgeschichte gewöhnlich mit der anti-literalistischen Allegoristik vereint war und nicht mit dem "normalen" Literalismus[clxiv]. Warum war es möglich, daß diese zwei Extreme auf der hermeneutischen Skala oft gut zusammenarbeiten konnten?

 

            Beide Exegesearten, sowohl die anti-literarisch allegoristische als auch die Letteristische hatten als dogmatische Basis den Aberglauben (die Verdrängung der Realität):

 

            1.: Das abergläubische Wesen der anti-literari­schen Allegorisierung bestand in der Anschauung, eine geheime Aussage müsse irgendwie ir­gendwo versteckt sein und diese könne nicht durch wissenschaftliche (wirklichkeitsbezogene bzw. sich der Wirklichkeit stellenden) Untersuchungen gefunden werden. Die Erleuchtung durch den Heiligen Geist wurde in abergläubischer Weise interpretiert, als eine gnostische Illuminierung, die vom Leben innerhalb eines Clubs ganz spezieller Heiliger mit abhinge.

 

            2.: Der Aberglauben der Letteristen bestand in deren Überzeugung, nach der jeder Buchstabe eine spe­zielle Bedeutung hat, die über seine ethymologisch-grammatische Funktion hinausgeht. So kamen die kabbalistischen Letteristen auf die Idee, jedem Buchstaben eine Zahl zuzuord­nen und alle möglichen und unmöglichen, sinnlosen und unnützen exegetischen Gymnastik­übungen wurden veranstaltet[clxv].

 

            Beide Exegesearten, sowohl die anti-literarisch allegorische als auch die letteristische, assoziierten frei nach "Eingebung", Lust und Laune alle erdenkli­chen abergläubischen Sonderlehren mit allen möglichen Bibelversen. Keine dieser Exegese­arten konnte zur Stabilisierung von Dogmen gegen Irrlehren beitragen. Die allegorischen Auslegungen von Origenes konnten den Gnostizismus Herakleons nur deshalb bekämpfen, weil Origenes bereits gesunde Kirchenlehre (leider nur zum Großteil) akzeptiert hatte und weil er außer­dem auch mit dem Text selbst arbeitete, also kein anti-literalistischer Allegorist war.

 

            Der Kabbalismus war nicht die einzige rabbinische letteristische Schule. Die Neigung zum Letterismus war schon immer eine Schwäche des rabbinischen Literalismusses[clxvi]. Die rabbini­sche Exegese konzentrierte sich so sehr auf nebensächliche Details, daß das Wesentliche des Textes aus den Augen verloren wurde. Wir hatten gesehen, wie auch schon die Pharisäer zu Jesu Zeiten sich mehr mit dem Unwesentlichen als mit dem Wesentlichen beschäftigten. Durch das Hochhalten der "Buchstaben" der Schrift ging der wahre Sinn der Schrift verloren. Ne­bensächlichkeiten und Trivialitäten verdunkelten das Wesentliche.[clxvii]

 

            Wir können zusammenfassend sagen, daß die biblischen Texte häufig Sekundäraussagen enthalten, deren richtiges Verständnis von großem Nutzen, ja oft von absoluter Wichtigkeit für die Kirche ist, daß aber diese Sekundäraussagen nicht gefunden werden können, wenn nicht zuerst der Text selbst und seine Primäraussage untersucht wird.

 

            Bei den heutigen Letteristen können wir beobachtend feststellen, daß für sie die Bibel wichtiger ist als die Botschaft der Bibel. Ein lette­ristisches Textverständnis ohne Berücksich­tigung z.B. der spezifischen Situation des Schreibers o.ä. führt zu einer völlig falschen An­wendung des Textes und deformiert die Theologie, die sonst in sich logischer (koherenter) hätte werden können.

 

            Die dogmenbewußte philologisch-litera­rische Exegese dagegen erlaubt es uns z.B. die polemischen Texte des Paulus als das zu erkennen und zu beschreiben was sie sind, nämlich polemische Texte mit dogmatischen Zielen, die genau entgegengesetzt sind zu dem, was wortwörtlich tatsächlich dasteht. So bedeutet für den Letteristen 1.Kor.11 u.a. eine Auf­forderung für die Frauen, sich das Haupt in der Gemeinde zu bedecken. Der dogmenbe­wußte Litera­list dagegen sieht in 1.Kor.11 einen Paulus, der das Herabsinken der Gemeinde auf das Niveau einer jüdischen Sekte vermeiden will; und, um den negativen Effekt auf Außenstehende, den eine Kopfbedeckung der Männer nach jüdischem Muster und gemäß dem Wunsche der Judenchristen in einer heidnischen Kultur haben würde, zu verdeutlichen und bewußt zu machen, völlig hypothetische und lächerli­che Gebote gibt, denen er im Text selbst bewußt widerspricht. Die Tatsache, daß Paulus in 1.Kor.11 polemisch schreibt, wird nicht als ein vor­ausgehendes Dogma aufgestellt, ist keine Voreingenommenheit unlauterer, "liberaler" Art, hinter der sich der plumpe Wunsch verbirgt, we­niger für Gott "tun" zu müs­sen, "lasch" sein und die Frauen in Ruhe lassen zu können, sondern ergibt sich aus einer (literarischen) Unter­suchung des Textes selbst: 1.Kor.11,2+6+15; 2.Kor.3,1; 11,5+16+19-21; 12,11; 1.Kor.14,23b. Was zum Dogma erhoben wird, ist das Resul­tat der Textanalyse, näm­lich die Tatsache, daß Paulus eine intelligente Kontextualisierung des Evangeliums fordert und nicht die Unter­werfung unter irgendeinen engelshaften Judenchristen.

 

            Die Letteristen jonglieren mit aus dem Zusammenhang gerissenen Bibelversen, wobei sie die richtige Hierarchie biblischer Denkkonzepte untereinander sowie den logischen Zusam­menhalt der Bibel als Ganzes ignorieren und verdunkeln. Sie nehmen die Bibel "so, wie`s da­steht[clxviii]". Jede andere Auslegungsart als die primitiv-letteristische empfinden sie als spekulativ, selbst wenn sie auf tiefschürfenden sprachlichen und geschichtlichen Forschungen beruht.

 

            Es gibt zwei falsche Reaktionen auf den Letterismus. Eine davon ist die liberale Theologie, welche alle Literalisten angreift und als Argu­ment dafür auf die Exzesse der Letteristen ver­weist. Alle die, die die Bibel für unfehlbar halten, werden von den Liberalen mit den Letteris­ten zusammen in einen Topf geworfen[clxix]. Als einzige Alternative zum Letterismus läßt der Libe­rale die Verwerfung jedweder Form von Literalismus gelten und zum Literalismus gehört für ihn auch das Dogma der wörtlichen Inspiration (Verbalinspiration). Aber der Glaube an Ver­balinspiration führt nicht automatisch zum Letterismus. Für Ramm z.B. ist das Dogma der Ver­balinspiration kein Dogma, das unmittelbare Auswirkungen auf die Hermeneutik hat, son­dern lediglich eine Lehrmeinung bezüglich des Ursprunges der Schrift[clxx]. Wenn jemand an Ver­balinspiration festhält, verpflichtet ihn dies z.B. nicht dazu, das Buch der Offenbarung auf naive letteristische Weise auszulegen und damit z.B. sämtliche Erkenntnisse über apokalyp­tische Literatur, den Bezug der Offenbarung auf das Alte Testament usw. über Bord zu werfen.

 

            Die andere falsche Reaktion auf den Letterismus ist der existentialistische Mystizismus, eine neuzeitliche Form der antiken und mittelal­terlichen anti-literalistischen Allegorisierung. Der Mystizist zieht die "Prophetie" der biblischen Offenbarung vor. Die "Freiheit", von der in 2.Kor.3,17[clxxi] die Rede ist, wird für ihn zur Freiheit, jedwede Art von Prophezeiungen auszuspre­chen bzw. zu glauben, auch wenn diese mit der biblischen Offenbarung im Widerspruch ste­hen. Aufrufe von außerhalb, zum biblischen Fundament zurückzukehren, werden dann als "letteristisch" verteufelt.

 

            Diese beiden Reaktionen sind falsch, weil in beiden Fällen die betreffenden Verantwortli­chen vor ihrer Verantwortung fliehen wollen. Die Verantwortung eines jeden Christen näm­lich ist, das Wort Gottes gegen die Sauerteige des Letterismusses, der Religion und des Aber­glaubens zur Anwendung zu bringen (Eph.6,17b). Der Liberale findet sein Refugium im Rela­tivismus, in der Gleichgültigkeit und der Fata Morgana der sogenannten "wissenschaftlichen Neutralität"; der Mystiker in der okkulten Welt seiner übersinnlichen Erfahrungen.

 

            Somit läßt man den Pharisäern und Sadduzäern alle Freiheit, das Christentum marode zu machen bzw. gehört selbst zu einem der beiden Sauerteige.


            Zusammenfassung: Die antireligiöse Hermeneutik aus missiologischer Sicht

 

            Eine Hermeneutik, die sich an dem Konflikt zwischen Jesus und den Pharisäern als Leit­paradigma orientiert, hat den Vorteil, schnell in Form einer aus Bibelstellen bestehenden und für Laien verständlichen Anleitung verbreitet werden zu können. Bei den wenigsten Völkern und Volksgruppen wird man leicht jemanden finden können, der bereit und in der Lage ist, voluminöse Werke zum Thema Hermeneutik durchzustudieren.

 

            Ein einfacher Leitfaden hin­gegen, aus kurzen Wortbetrachtungen mit vielen Querverweisen auf andere Bibelstellen auf­gebaut, könnte eine weite Verbreitung finden. Viele der in dieser Abhandlung erwähnten Bi­belstellen könnten als erster Versuch zu so einem Leitfaden weiterverwendet werden. Der Leitfaden würde keine allzu umfassenden Übersetzungsarbeiten erforderlich machen, die Bi­belstellen liest jeder in seiner für ihn am ehesten verständlichen Bibelübersetzung. Es muß auch keine allzu große Anstrengung gemacht werden, die Leser vom dargelegten hermeneuti­schen Programm zu überzeugen, denn in den meisten Ländern lassen sich die einheimischen Christen von nichts so sehr überzeugen wie von biblischen Argumenten.

 

            Überall sind an den Sauerteigen der Pharisäer und Sadduzäer erkrankte Gemeinden und jede Volksgruppe hat einen dringenden Bedarf der Entwicklung einer Theologie, die von Einheimischen erar­beitet wird und auf die jeweiligen spezifischen Probleme wirksam eingeht. Zu diesen einhei­mischen Theologien könnte jener hermeneutische Leitfaden in vielen Fällen ein erster oder weiterführender Denkanstoß sein.

 

            Zweitens wird eine Hermeneutik, die auf dem Konflikt zwischen Jesus und den Pharisäern als Leitparadigma beruht, zu neuem Denken im Bereich der Apologetik anregen. Diejenigen, die diese Hermeneutik anwenden, werden auf einmal feststellen, daß sie einen "Draht" zu vielen weltlichen Denkern haben. Und viele nicht-christliche Intellektuelle werden sich für das antireligiöse Christentum interessieren.

 

            Ein Beispiel für einen (meines Wissens) kirchenfernen Schriftsteller, der, ohne direkt mit einem anti-pharisäischen Christentum bekannt gewe­sen zu sein scheint, schon in entsprechenden Paradigmen denkt, ist Ion Asandi. Er schrieb einen Roman über die Schäden, die die Ceaucescu-Diktatur in der rumänischen Ge­sellschaft angerichtet hat und gab ihm den Titel "Die Pharisäer". In seiner Einleitung[clxxii] schreibt er: "Warum wählte ich den Buchtitel `Die Pharisäer'? Weil auf eben diese Weise (er schreibt nicht, was er damit meint) von meinem Füllfederhalter diese 'Sage' anfing herauszulaufen, die quälend auf meinem Gewissen lastete, weil ich so zu meiner Gestik gezwungen wurde, mir mein Ton dik­tiert wurde, meine Haltung, meine Wortwahl." Was Asandis Wortwahl anbe­trifft; so verwendet er Begriffe, die in einer von theologischer Seite verfassten "Pharisäologie" auch auftauchen würden: "Diabolisch", "antipopulär", "allgegenwärtig", "gegen jegliche Ver­nunft und Wissen­schaft", "ein Zeugnis der Wahrheit über die Wahrheit"[clxxiii], usw. Wir sehen also, daß eine antipharisäische, antireligiöse Hermeneutik als Ver­ständigungsbrücke zwischen Christen und Nichtchristen dienen könnte.

 

            Heutzutage haben viele Menschen Fragen philosophischer Natur, die vom antireligiösen Christentum beantwortet werden könnten. Diese Menschen sind sich meist nicht bewußt, daß ihre Fragen philosophischer Natur sind; oftmals sind sie auch noch nicht klar ausgedrückt. Die Möglichkeiten der Zukunft (Biochip-"Gehirne", totale Kontrolle durch mikrorobotorisierte Chirurgie, Vereinigung neofaschistischer Strö­mungen in Europa, Organhandel, etc.) lassen einige nachdenklich werden z.B. über die Würde und Freiheit des Menschen. Dieses Nach­denklich-Werden ist eine potentielle Brücke des Verständnisses, die von antireligiösen Apolo­geten/Evangelisten genutzt werden sollte.

 

            Diese Menschen suchen keine Religion. Wenn sie aber dazu gebracht werden, zu erkennen, daß kein geringerer als Jesus selbst der Gegen­pol zu den Pharisäern ist, welche ebenfalls totale Kontrolle über andere ausüben wollten, und daß Jesus der Weg ist, nicht zur Unterdrüc­kung, Gleichschaltung und Lobotomisierung des Menschen, sondern zur Wiederherstellung[clxxiv] des wahrhaft Gottgewollt-Menschlichen im Menschen, dann werden sich viele unter ihnen ernsthaft für Jesus interessieren. Allen Menschen sollte die Möglichkeit gegeben werden, zu erfahren, daß das wahre Christentum das Gegenteil von Religion ist und wir sind schuldig, wenn wir es ihnen nicht sagen oder wenn wir uns gar selbst im Lager der Pharisäer befinden.


 

Bibliographie

 

Anmerkung: Direkte Zitate aus deutschsprachigen Büchern sind nicht wortwörtlich übernommen worden. Dies ist auf die Tatsache zurückzuführen, daß mir beim Übersetzen dieser Arbeit die entsprechenden Bücher z.T. nicht mehr vorlagen. Ich habe daher diverse Zitate aus dem Rumänischen zurück ins Deutsche übersetzt. Da ich diese erste Ausgabe allein finanziere und die Veröffentlichung nicht noch länger hinausschieben wollte, erlaube ich mir, diese wissenschaftliche Unkorrektheit dem anfänglich wohl recht kleinen Leserkreis zuzumuten. Ich denke nicht, daß durch meine Rückübersetzungen die Aussagen der betreffenden Autoren inhaltlich verfälscht wurden. Für Übersendungen von Originalzitaten, die ich dann bei einer eventuellen zweiten Ausgabe einfließen lassen würde, wäre ich sehr dankbar. Sollte diese Arbeit auf größere Resonanz stoßen, würde ich u.U. auch die englischsprachigen Zitate mit parallelen deutschen Übersetzungen versehen. Das Buch von B. Ramm ist übrigens mittlerweile in deutscher Sprache erschienen, was mir erst seit 1998 bekannt ist.

 

Asandi, Ion                               "Farisei"

                                    Editura Romcart, Bukarest, 1992

 

Ebeling, Gerhard                        "Word of God and Hermeneutic"

                                    in: "New Frontiers in Theology - Discussions among Continental and

                                    American Theologians - Vol. II: The New Hermeneutic"

                                    herausgegeben von James M. Robinson und John B. Cobb, Jr.

                                    Harper & Row, Publishers, New York, Evanston, and London, 1964

 

Fãrãgãu, Benjamin                     Exod 15:22 - 31:18 - Legãmîntul

                                    Editura Logos, Cluj, 1993

 

Friedländer, Moriz                     "Die religiösen Bewegungen innerhalb des Judentums im Zeitalter Jesu"

                                    Magnus Verlag, Wien, zuerst 1905 erschienen

 

Hesselgrave, D. J.

und Rommen, E.                        "Contextualization - Meanings, Methods and Models"

                                    Baker Book House, Grand Rapids, Michigan, 1989

 

Huntemann, Georg                    "Der andere Bonhoeffer - Die Herausforderung des Modernismus"

                                    R. Brockhaus Verlag, Wuppertal und Zürich, 1989

 

MacDonald, William                  "Deosebirea" (rumänischsprachige Ausgabe, Übersetzung des

                                    rumänischen Titels: "Unterscheidungen", Originaltitel unbekannt)

                                    Christliche Literatur-Verbreitung, Bielefeld, 1991 ins Rumänische

                                    übersetzt, englischsprachiges Original 1975

 

Ramm, Bernard             "Protestant Biblical Interpretation"

                                    Baker Book House, Grand Rapids, Michigan, 1970

 

Robinson, James M.                  "Hermeneutic since Barth"

                                    in: "New Frontiers in Theology - Discussions among Continental and

                                    American Theologians - Vol. II: The New Hermeneutic"

                                    herausgegeben von James M. Robinson und John B. Cobb, Jr.

 

Rosenius, Carl Olof                   "Geheimnisse im Gesetz und Evangelium", Vol. I, Vol. III

                                    Lutherischer Missionsverein in Schleswig-Holstein, Elmshorn, 1980

 

Stuhlmacher, Peter                    "Vom Verstehen des Neuen Testaments - Eine Hermeneutik

                                    Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1979

 

Thiselton, Anthony C.                "The Two Horizons - New Testament Hermeneutical and Philosophical

                                    Description"

                                    W. B. Eerdmans Publishing Company, Grand Rapids, Michigan, 1980


 

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[1] Fussnote, hinzugefügt im Juni 2006: Persönlich bin ich mittlerweile zu der Ansicht gelangt, dass Jesu Bezugnehmen auf das Buch Jona in Mt. 12:40-41 auch mit der Auferstehungskraft als der Kraft, die Busse bewirkt, zu tun hat. Die Auferstehung Jesu war das Hauptüberzeugungsmittel für die Bekehrung vieler in der Frühzeit der Gemeinde. Fasst man nun das Buch Jona lediglich als eine Parabel auf, so ist man dadurch wiederum in Gefahr, denen unter den liberalen Theologen Vorschub zu leisten, die auch die Auferstehung lediglich als Parabel auffassen (d.h. im Endeffekt Zweifel an der Auferstehung säen). Das „Zeichen des Propheten Jona“, welches das einzige sein sollte, welches die unbussfertigen Juden, die Jesu Zeitgenossen waren, bekommen würden, ist nicht nur die prophetische Ankündigung, dass Heiden Busse tun werden und gewisse Juden darüber mit Gott in Streit geraten werden. Dieses „Zeichen“ ist vielleicht auch eine in Zukunft historisch belegbare Tatsache, dass es einen wirklichen Jona, Sohn Amitais (der aber nicht notwendigerweise der Autor des Buches Jona war) gab, dessen Exitus aus einem Fisch- oder Walbauch gesehen wurde, der durch von Magensäure entstellte Haut auffiel (wie in einem Chick Traktat angedeutet) und dessen Gerichtsbotschaft dadurch eine besondere Autorität erhielt, wie auch Jahrhunderte später die Botschaft der frühen Gemeinde durch die historisch belegbare Tatsache (Augenzeugen, rechtswissenschaftliche Analyse der Behauptungen, Geschichtsschreibung, usw.) der Auferstehung Jesu ihre Überzeugungskraft erhalten würde. Das Ninive existiert hat, bestreitet heute noch kaum jemand und warum sollte es nicht eine noch zu Jesu Zeiten bekannte historische Tatsache sein, dass ein zuerst widerstrebender, dann aber dem Herrn gehorsamer, halbverdauter jüdischer Prophet wie eine vom Tode auferstandene Leiche in Ninive auftaucht und dort die Bewohner in Angst und Schrecken vor dem Lebendigen Gott und somit zu wahrer Busse und Umkehr führte? Dass dieser Bericht dann von jemand anderem geschrieben wurde (der somit auch das berichten konnte, was an der Wasseroberfläche in Jonas Schiff vor sich ging, nachdem dieser in der Tiefe verschwunden war), täte ja dem Wahrheitsgehalt dieser vom Heiligen Geist wortwörtlich inspirierten Geschichtsüberlieferung keinen Abbruch. Gemäss dieser Sicht bekäme das Buch Jona, statt einer Gute-Nacht-Geschichte mit zoologischer Kuriosität als Hauptattraktion, dann auch widerum ein geistlich einzuordnendes Buch der Bibel mit unverzichtbarer theologischer Schlagkraft , nämlich als eine der zahlreichen wertvollen biblischen Illustrationen des Prinzips „tot zusammen mit Christus – auferstanden zusammen mit Christus – zusammen mit Christus regieren“ in alttestamentlicher Zeit.



[i]Mt.12,40-41: "Denn gleichwie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauche des Riesenfisches war, also wird des Menschen Sohn drei Tage und drei Nächte im Schoße der Erde sein. Leute von Ninive werden auftreten im Gericht gegen dieses Geschlecht und werden es verurteilen; denn sie taten Buße auf die Predigt des Jona hin. Und siehe, hier ist mehr als Jona!" Diese Stelle wird von Vertretern der historischen Auslegung des Buches Jona angeführt, mit dem Verweis, daß Zweifel am "Wahrheitsgehalt" des Buches Jona einem Zweifeln am historischen Wahrheitsgehalt der Passion Jesu sowie der Bekehrung der Heiden gleichkomme. In Wirklichkeit ist diese Logik nicht so zwingend, wie gewöhnlich behauptet wird: Genausogut könnte nämlich ein Vertreter der parabolischen Auslegung des Buches Jona argumentieren, daß Jesus lediglich zwei geistliche Lektionen des Buches Jona betont: 1. Die Macht Gottes über den Tod (wobei Jona ja nicht wirklich starb im Fisch, während Jesus wirklich tot war, allein dies zeigt schon, daß die Gleichsetzung Fischbauch=Grabkammer keine mathematische Gleichung ist, durch die die historische Auslegung gewissermaßen eherne Füße bekäme. Jesus bezieht sich auf die Geschichte von der Bewahrung Jonas vor dem Tod, um Tod und Auferstehung Seiner Selbst prophetisch anzukündigen, nicht um die Art Seines Sterbens genau darzulegen). 2. Die Unbußfertigkeit der Juden im Vergleich zu der der Heiden. Auch diese geistliche Lektion aus dem Buche Jona ist eine prophetische Anspielung auf die in naher Zukunft Wirklichkeit werdende Heidenmission sowie den Ärger der Juden darüber.

[ii]Das von J.D.Douglas herausgegebene "New Bible Dictionary" (Inter-Varsity) schreibt zur Interpretierung des Buches Jona: "Die Mehrzahl der heutigen Ausleger hält das Buch prinzipiell für eine Parabel... vergleichbar mit der Geschichte, die Nathan dem David in 2.Sam.12,1 ff. erzählt oder der Parabel vom barmherzigen Samariter... (Lk.10,30 ff.). Diese Sichtweise... ist nicht nur eine einfache Lösung, mit der man um die Notwendigkeit des Glaubens des Überlebens Jonas im Fischbauch herumkommen will... Ähnliche Parabeln finden sich häufig in der Bibel. Hauptargumente gegen diese These: Die ungewöhnliche Länge der Erzählung..., die Tatsache, daß Jona als Sohn Amitais (und nicht als anomyme Gestalt) in Erscheinung tritt und die Bezugnahme Jesu auf das Buch Jona in Mt.12 und Lk.11, wobei letztere eine historische Auslegung nicht zwingend macht... Es gibt kein Argument gegen die historische Auslegung, das nicht unüberwindbar wäre. Das gleiche gilt auch für die parabolische Auslegung... "

[iii]Zum Zweck des Buches Jona schreibt das "New Bible Dictionary": "... das Buch ist didaktisch, es endet mit einer provozierenden Frage (s.a. Lk. 10,36). Es läßt sich darüber streiten, ob es seine Absicht war, gegen einen engstirnigen und exklusivistischen Judaismus zu protestieren, ob es ein Aufruf zur Mission ... war... Das Buch unterstreicht die universell wirksame Macht Gottes über Individuen und Völker... über Leben und Tod und betont die ... Geduld und Liebe Gottes, nicht nur gegenüber ungehorsamen Juden sondern auch über grausamen Nicht-Juden."

[iv]ebd. S. 97. Dort schreibt G. Huntemann: "Religionsloses Christentum beginnt mit der Kritik an der religiösen Verfremdung der Wirklichkeit. Die Götter der Illusion müssen zerbrochen, ihre Altäre verbrannt werden. Religionsloses Christentum setzt die radikale Kritik der Religion voraus, so wie sie Karl Barth bereits begonnen hatte und wie sie im Blick auf emporschießende emotional stimulierte Neureligiosität um der christlichen Wahrheit willen fortgesetzt werden muß." 

[v] ebd. S. 93-100. Der "mündige" Mensch (diese Formulierung stammt von Bonhoeffer) nähert sich den mit der Wirklichkeit zusammenhängenden existentiellen Fragen ohne den Umweg über Mystizismus oder Aberglauben. Ob dies qualitativ besser ist, sei zunächst einmal dahingestellt. Andererseits muß aber diese Art von "Mündig-Sein" nicht bekehrt werden, d.h. es ist nicht notwendig, daß der Mensch seine auf dem modernen Wissenschaftsdenken beruhende Suche nach Wirklichkeitsverständnis insofern aufgibt, daß er wieder naiv und abergläubisch wird; zumal es doch gerade das Christentum ist, welches das Enigma der Wirklichkeit am besten erklärt (anstatt die Wirklichkeit zu vernebeln oder in dualistischer Weise verdrängen zu wollen). Die negative Seite dieses modernen "Mündig-Seins" ist die heutige Tendenz, überhaupt nichts mehr ernst nehmen zu wollen. Mit dieser Lage muß sich das Christentum heute auseinandersetzen.

[vi] In seinem Buch "Die beiden Horizonte" (The two Horizons) zitiert Anthony C. Thiselton W. Wink: "The scholar, having finished his work, lays down his pen, oblivious to the way in which he has falsified the text in accordance with unconcious tendencies; so much so that he has maimed its original intent until it has actually turned into its opposite....Any modern reader at all familiar with the text (Lc.18:10-17) knows that (1) Pharisees are hypocrites, and (2) Jesus praises the publican. The unreflective tendency of every reader is to identify with the publican. By that inversion of identification, the paradox of the justification of the ungodly is lost... The story  is then deformed into teaching cheap grace for rapacious toll collectors.... All this because the exegete hid behind his descriptive task without examining the recoil  of the parable upon contemporary self-understanding. I know of no more powerful way to underline the inadequacy of a simply descriptive or phenomenological approach with fails to enter into a phenomenology of the exegete." (aus dem Buch von W.Wink "The Bible in Human Transformation. Towards a New Paradigm for Biblical Study", Fortress Press, Philadelphia, 1973, S. 42+43)

[vii] Gerhard Ebeling wird auf S. 93 im von J.M.Robinson und J.B.Cobb,Jr. herausgegebenen Buch "New Frontiers in Theology - The New Hermeneutic" aus seinem Buch "Word of God and Hermeneutic" wie folgt zitiert: "The customary view that hermeneutic is the theory of the exposition of texts... has undergone correction in that phenomena can also be objects of exposition. ... phenomena... have to do with the linguisticality of existence, and are thus "texts" in the wider sense."

[viii] ibid S. 92: "... the development from Schleiermacher via Dilthey to Heidegger shows that the idea of a theory of understanding is on the move toward laying the foundation of the humanities, indeed even becomes the essence of philosophy, that hermeneutic now takes the place of the classical epistemological theory, and indeed that fundamental ontology appears as hermeneutic."

[ix] ibid. S. 93: "... hermeneutic today is breaking through the old, narrow bounds of philosophical or historiographical hermeneutic, or is plumbing their depths. For theology the hermeneutical problem is therefore today becoming the place of meeting with philosophy."

[x] ibid S. 93: "The superficial view of understanding turns matters upside down and must therefore be completely reversed."

[xi] James M.Robinson schreibt in seinem Aufsatz "Hermeneutic since Barth" in dem von ihm und J.B.Cobb herausgegebenen Buch "New Frontiers in Theology - The New Hermeneutic" auf S.67: "Ebeling opens up (the) translational task of hermeneutic out into the total theological enterprise. ... he revives Dietrich Bonhoeffer's call for a "non-religious interpretation of Biblical concepts" suitable for a "world come of age" (a postmythical world). Thus in Germany Ebeling has become ... the theologian who has carried out the legacy of Bonhoeffer. ... Ebeling has achieved a hermeneutic that has embraced the doctrine of the word of God and become the focus to a total theological postion. The new hermeneutic is a new theology... Indeed it is Ebeling's conviction that theology itself IS hermeneutic, for it consists in translating what the Bible has to say into the world for today."

[xii]"Die natürliche Gemeindeentwicklung" C&P Verlag, D-25924 Emmelsbüll; auf Seiten 88-91

[xiii] Wohl auch in diesem Sinne betitelt Ebeling seine bekannteste Arbeit über Hermeneutik "Evangelische Evangelienauslegung".

[xiv] Bernard Ramm verwendet die Begriffe "spezielle" und "generelle" Hermeneutik für eine andere Differenzierung: "Generelle (allgemeine) Hermeneutik" bezieht er auf Regeln für die Bibelauslegung als Ganzes, während "spezielle" Hermeneutik sich um die Auslegung spezieller Literaturarten in der Bibel kümmert, wie z.B. Parabeln, Prophetie, apokalyptische Texte, Poesie, usw. (S.11 in "Protestant Biblical Interpretation" von B.Ramm). Wir aber verwenden diese Begriffe hier im Sinne von P. Stuhlmachers Unterscheidung zwischen hermeneutica "sacra" und "profana" (Peter Stuhlmacher in "Vom Verstehen des Neuen Testaments - Eine Hermeneutik" S.126-132).

[xv] ibid. S. 128

[xvi] Ebeling schreibt hierzu: "It is a cardinal error in theology when God is spoken of as a part of reality and when for that reason God is thought of as something additional to the rest of reality... (Then) we should ... have to speak of God and the world ... as two separate entities side by side ... But the fact is that God cannot be spoken of in theology without the world thereby coming to expression as event, and the world cannot be spoken of in theology without God thereby likewise coming to expression as event (eine radikal anti-dualistische Einstellung). This cardinal error by which theology is constantly threatened is also the ground of the fundamental misunderstanding according to which God's word is, so to speak, a separate class of word alongside the word spoken between men, which is otherwise the only thing we usually call word." Zitiert nach J.M.Robinson und J.B.Cobb in obenerwähntem Buch auf S. 101.

[xvii]Für Bonhoeffer war die Art und Weise, persönliche Erlebnisse mit Gott in der Öffentlichkeit auszubreiten gleichbedeutend mit Schamlosigkeit. So werden die Perlen vor die Säue geworfen. Als erzkonservativer reformierter Theologe (wenn man den Ausführungen Huntemanns folgt) glaubt Bonhoeffer an die Bedeutung des Arcanums und ist ein Feind des "veröffentlichten" Christentums. Religiöse Christen publizieren sich selbst anstatt die Bibel auf den Leuchter zu stellen. Dabei wird aber gerade das Gegenteil von dem erreicht, was man zu erreichen vorgibt. Man gerät in ein christliches Ghetto, bei dem die Außenstehenden nichts weiter zu sehen bekommen als eben diese Form von publiziertem Christentum und die Bibel wird für die Öffentlichkeit verschlossen. (Siehe hierzu auch Georg Huntemann in "Der andere Bonhoeffer"ab  S. 100)

[xviii] Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht; sondern von dem heiligen Geist getrieben haben Menschen im Namen Gottes geredet.

[xix] Ebeling wird zitiert auf S. 100 in obenerwähntem Buch von Robinson und Cobb: "... word of God ... does not mean any special, supernatural word (and incidentally, God does not mean any separate, special Reality), but true, proper, finally valid word."

[xx] Denn viele Verführer sind in die Welt hinausgegangen, die nicht bekennen, daß Jesus Christus im Fleisch gekommen ist. Das ist der Verführer und der Widerchrist.

[xxi]  ibid. auf S. 104: "Man fails toward man, and so for that very reasoin also toward God, in the right use of words. This fact lends urgency to the search for that word which is a true, necessary, salutary, remedial, and therefore unequivocal and crystal clear word, for the word which, because it accords with man's destiny, corresponds to God, that is, the search for the word by means of which one man can speak God to another so that God comes to man and man to God. That salvation is to be expected solely from words and is therefore at one and the same time a wholly divine and a wholly human thing - these are no paradoxes and whimseys."

[xxii] Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen: denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen.

[xxiii] P. Stuhlmacher schreibt auf S.128 in obengenanntem Buch: "Wenn der Pietismus die Wiedergeburt zu einer Bedingung für das richtige Verständnis der Bibel erhebt, versucht er im Grunde, ... die persönlichen Erfahrungen des Einzelnen zu methodisieren und stößt damit an die Grenzen seiner Möglichkeiten für theologische und hermeneutische Reflektion."

[xxiv] Ebeling auf S.101 in obenerwähntem Buch von Robinson und Cobb: "God's word is here (es ging um die dualistische Wahrheitsaufspaltung) said to be not really word at all in the sense of the normal, natural, historic word that takes place between men. It is said that if it would reach man, then it must be transformed into a human word, translated as it were from God's language into man's language - process in which, as in every process of translation, we have naturally to reckon with certain shortcomings and distortions. These shortcomings are then exculpated by means of the idea of accomodation..."

[xxv] ebd. S. 104: "If the word is the thing which shows what the speaker is, then we should have to say: the precise purpose which the word is meant to serve is that man shows himself as man. For that is his destiny. For his destiny is to exist as response. He is asked what he has to say. He is not destined to have nothing to say and to have to remain dumb. His existence is, rightly understood, a word event which has its origin in the word of God and, in response to that word, makes openings by a right and salutary use of words. Therein man is the image of God."

[xxvi] Ebeling auf S. 101: "...theological hermeneutic can find itself over wide areas in agreement with nontheological hermeneutic, but where the hermeneutical problem reaches the ultimate ground of understanding, it must enter into conflict with all nontheological hermeneutic - not in order to defend its own special right to independent existence, but in order to maintain responsibly to all comers in the field of hermeneutic the fact that God's word is the ultimate ground of understanding. For the claim to truth which is made here means truth absolutely. And for that reason it always combines two things: agreement with all truth and opposition to what everyone is expected to reject as untruth."

[xxvii] Wir zerstören damit Anschläge und alles Hohe, das sich erhebt wider die Erkenntnis Gottes und nehmen gefangen alle Gedanken unter den Gehorsam Christi. (Die Tatsache, daß die Waffen, von denen hier die Rede ist, nicht fleischlich, sondern geistlich sind, sollte uns eben nicht zu geistlicher Passivität, nach dem Motto "wir können ja nichts mit unserem Fleisch, sprich, Verstand, tun" verleiten, sondern uns Mut machen, unsere sündigen Glieder, einschließlich des von der Sünde korrumpierten Verstandes, in den Dienst der Gerechtigkeit zu stellen gemäß Römer 6,19, um damit Kraft der Verheißungen Gottes und durch das Wunder des Heiligen Geistes das vom Geist im Wort gesagte zu tun, mit des Herrn Hilfe.)

[xxviii] Ebeling auf S. 92: "...the difference as to what one is after in the interrogatioon... has differentiating character in the hermeneutical sphere... and... stands in the need of further development. This provides, without relapsing into an alleged "hermeneutica sacra", the possibility of speaking of a hermeneutic related to thelogy as a whole, which... works out structures and criteria of theologicial understanding that apply in theology not only to the exegetical but also to the dogmatic unterstanding. It is absolutely neccesary that this should then be done in demonstrable connection with a general theory of understanding."

[xxix] P. Stuhlmacher beschreibt auf S. 127 die pietistische Lehre von den Affekten, und zitiert dabei den pietistischen Theologen Francke: "Die Lehre von den Affekten hat zur Aufgabe, das geistliche Leben zu bereichern und zu erwecken durch ein gründliches Studium der Beweggründe und geistlichen Gefühle der biblischen Autoren, der Adressaten und der Hauptfiguren."

[xxx] Wer aber weissagt, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Wer in Zungen redet, der erbaut die Gemeinde. Ich wollte, daß ihr alle in Zungen reden könntet; aber noch viel mehr, daß ihr weissagtet. Denn der da weissagt, ist größer, als der in Zungen redet; es sei denn, daß er's auch auslege, auf daß die Gemeinde dadurch erbaut werde. V.19: Aber ich will in der Gemeinde lieber fünf Worte reden mit verständlichem Sinn, auf daß ich auch andere unterweise, als zehntausend Worte in Zungen.

[xxxi] Lasset euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade, nicht durch Speisegebote, davon keinen Nutzen haben, die damit umgehen.

[xxxii] siehe hierzu auch C.O.Rosenius auf S. 528 im III.Band seines Werkes "Geheimnisse in Gesetz und Evangelium"

[xxxiii] P.Stuhlmacher auf S.129 unten

[xxxiv] ... Meine Lehre ist nicht mein, sondern des, der mich gesandt hat. Wenn jemand will des Willen tun, der wird innewerden, ob diese Lehre von Gott sei, oder ob ich von mir selbst rede. Wer von sich selbst redet, der sucht seine eigne Ehre; wer aber sucht die Ehre des, der ihn gesandt hat, der ist wahrhaftig, und ist keine Ungerechtigkeit an ihm.

[xxxv] Tue ich nicht die Werke meines Vaters, so glaubet mir nicht; .... V.41+42: Und viele kamen zu ihm und sprachen: Johannes tat kein Zeichen; aber alles, was Johannes von diesem gesagt hat, das ist wahr. Und glaubten allda viele an ihn. 20,29: Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, Thomas, so glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

[xxxvi] Die Brüder aber ließen alsbald bei der Nacht Paulus und Silas nach Beröa ziehen. Da sie dahin kamen, gingen sie in die Synagoge der Juden. Diese aber waren besser als die zu Thessalonich; die nahmen das Wort auf ganz willig und forschten täglich in der Schrift, ob sich's so verhielte.

[xxxvii] Apg. 17,12+13: So glaubten nun viele von ihnen, auch nicht wenige von den angesehenen Frauen und Männern unter den Griechen. Als aber die Juden von Thessalonich erfuhren, daß auch zu Beröa das Wort Gottes von Paulus verkündigt würde, kamen sie und erregten und verwirrten auch allda das Volk.

[xxxviii] Und sie kamen und sprachen zu ihm: Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und fragst nach niemand, denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen, sondern du lehrest den Weg Gottes recht....

[xxxix] Thiselton im bereits erwähnten Buch "Horizons..." auf S. 8 und 9

[xl] Die Dogmatik hat als Aufgabe, die kirchlichen Lehren in den Dialog mit zeitgenössischem Denken zu führen, wo diese Lehren dann einer kritischen Überprüfung unterworfen und gerade dadurch, als Ergebnis dieses Läuterungsprozesses, erst recht und viel überzeugender in der ihnen innewohnenden Koherenz dargelegt werden können. (Siehe hierzu auch Ebeling auf S. 66 zitiert v. Robinson und Cobb im bereits erwähnten Buch.) Hierbei handelt es sich nicht um eine Unterwerfung unter den Zeitgeist, sondern wohlgemerkt um einen Dialog, der das biblische Argument nur noch schärfer machen kann. Glaube, der am Verständnis seiner selbst interessiert ist, braucht sich vor Gegenargumenten nicht zu fürchten, sondern kann unbekümmert jeder ernstgemeinten In-Frage-Stellung der eigenen Position entgegensehen, durch die unter Umständen die etwaigen Federn unbegründeter Anmaßung ausgerupft werden, bis schließlich nur noch das über allen Philosophien stehende reine Evangelium übrigbleibt.

[xli] Im bereits erwähnten Buch, in der Einleitung, S. XX

[xlii] ... Sie sind ausgebrochen um ihres Unglaubens willen; du aber stehst durch den Glauben. Sei nicht stolz, sondern fürchte dich!

[xliii] ibid S. 78 und 79

[xliv] ibid S. 80

[xlv] ibid S. 84

[xlvi] Und wenn die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zum Streit rüsten?

[xlvii] Ihr sucht in der Schrift; denn ihr meinet, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist es, die von mir zeuget; aber doch wollt ihr nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben hättet.

[xlviii] ...denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.

[xlix] Im bereits erwähnten Werk, Vol.I, S. 409

[l] Im bereits erwähnten Buch auf S. 440

[li] Im bereits erwähnten Buch auf S. 128

[lii] So Peter Stuhlmacher im bereits erwähnten Buch auf S. 162, Mitte

[liii] Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, das du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so?

[liv] Tue Buße; wo aber nicht, so werde ich bald über dich kommen und mit ihnen streiten durch das Schwert meines Mundes.

[lv] Ja, kommt her nach Bethel (= "Haus Gottes") und treibt Sünde, und nach Gilgal, um noch viel mehr zu sündigen! Bringt eure Schlachtopfer am Morgen und eure Zehnten am dritten Tage, räuchert Sauerteig zum Dankopfer und ruft freiwilllige Opfer aus und verkündet sie; denn so habt ihr's gern, ihr Kinder Israel, spricht Gott der HERR!

[lvi] "Criticism is an element of integration in the effort to understand the text. For the sake of what the Biblical text seeks to bring to understanding, criticism is directed against everything that obstructs this hermeneutical function of the text. It is levelled in principle against distortion of the text - whether distortions in the form of the text resulting from the process of transmission, or distortions in the understanding of the text resulting from traditonal prejudices, inappropriate systems of interpretation and unsuitable approaches to the problem, or distortions of the matter itself with which the text as a Biblical text has to do, resulting from confusion in the linguistic medium of the text. The purpose of the critical historical method therefore lies ultimately in the interpreter's self-criticism in view of all the conceivable possibilities of deceiving himself as to the aim of the Biblical text." (Zitiert im bereits erwähnten Buch von Robinson und Cobb auf S. 67; im Original S. 428 in "Wort und Glaube")

[lvii] Im bereits erwähnten Werk, Vol.III, S.518/519

[lviii] Joh.8,37: Ich weiß wohl, daß ihr Abrahams Kinder seid; aber ihr sucht mich zu töten, denn mein Wort findet bei euch keinen Raum. Jes.29,9-12: Starret hin und werdet bestürzt, seid verblendet und werdet blind! Seid trunken, doch nicht vom Wein, taumelt, doch nicht von starkem Getränk! Denn der HERR hat über euch einen Geist des tiefen Schlafs ausgegossen und eure Augen - die Propheten - zugetan, und eure Häupter - die Seher - hat er verhüllt. Darum sind euch alle Offenbarungen wie die Worte eines versiegelten Buches, das man einem gibt, der lesen kann, und spricht: Lies doch das! und er spricht: "Ich kann nicht, denn es ist versiegelt"; oder das man einem gibt, der nicht lesen kann, und spricht: Lies doch das! und er spricht: "Ich kann nicht lesen."

[lix] Mt.12,34+35: Ihr Otterngezüchte, wie könnt ihr Gutes reden, die ihr böse seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz. Jak.1,26: Wenn sich jemand läßt dünken, er diene Gott, und hält seine Zunge nicht im Zaum, sondern betrügt sein Herz, dessen Gottesdienst gilt nichts.

[lx] Aber ihre Sinne wurden verstockt. Denn bis auf den heutigen Tag bleibt diese Decke unaufgedeckt über dem alten Testament, wenn sie es lesen, weil sie nur in Christus abgetan wird. Doch bis auf den heutigen Tag, wenn Mose gelesen wird, hängt die Decke vor ihrem Herzen. Wenn Israel (andere Übers: "einer", "jemand") aber sich bekehrt zu dem Herrn, so wird die Decke abgetan.

[lxi] Und alles Volk hörte ihn gerne.

[lxii] Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten trachteten danach, wie sie ihn töteten; denn sie fürchteten sich vor dem Volk. V.6: Und er sagte es zu und suchte Gelegenheit, daß er ihn überantwortete ohne Lärm (andere Übers.: "ohne Wissen des Volkes").

[lxiii] Mk 2,16: Und die Schriftgelehrten unter den Pharisäern, da sie sahen, daß er mit den Zöllnern und Sündern aß, sprachen sie zu seinen Jüngern: Isset er mit den Zöllnern und Sündern? 11,18: Und es kam vor die Hohenpriester und Schriftgelehrten, und sie trachteten, wie sie ihn umbrächten. Denn sie fürchteten sich vor ihm; denn alles Volk war erschrocken über seine Lehre.

[lxiv] Joh.7,48-49: Glaubt auch irgendein Oberster oder Pharisäer an ihn? Nur das Volk tut's, das nichts vom Gesetz weiß: verflucht ist es!

[lxv] Ich habe viel über euch zu reden und zu richten. Aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.

[lxvi] Die Pharisäer aber sprachen untereinander: Ihr sehet, daß ihr nichts ausrichtet; siehe, alle Welt läuft ihm nach!

[lxvii] Und er lehrte sie und sprach zu ihnen: Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die gerne in langen Kleidern gehen und sich auf dem Markte grüßen lassen.

[lxviii] Und die Pharisäer gingen hinaus und hielten alsbald einen Rat mit des Herodes Leuten über ihn, wie sie ihn umbrächten.

[lxix] Ein reiner und unbefleckter Gottesdienst vor Gott, dem Vater, ist der: die Waisen und Witwen in ihrer Trübsal besuchen und sich selbst von der Welt unbefleckt halten.

[lxx] Und es trat zu ihm ein Schriftgelehrter, der sprach zu ihm: Meister, ich will dir folgen, wo du hingehst. Jesus sagt zu ihm: Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlege.

[lxxi] Am Abend aber kam ein reicher Mann von Arimathia, der hieß Joseph, welcher auch ein Jünger Jesu war.

[lxxii] und sandten zu ihm ihre Jünger samt des Herodes Leuten. Die sprachen: Meiter, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemand; denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen.

[lxxiii] Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander nehmet? Aber die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, suchet ihr nicht.

[lxxiv] Und sie entsetzen sich über seine Lehre; denn er lehrte mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten.

[lxxv] und werden dich schleifen und keinen Stein auf dem andern lassen, darum daß du nicht erkannt hast die Zeit, darin du heimgesucht bist.

[lxxvi] Joh.7,13: Niemand aber redete frei heraus von ihm aus Furcht vor den Juden. 9,22: Solches sagten seine Eltern, denn sie fürchteten sich vor den Juden. Denn die Juden hatten sich schon geeinigt: wenn jemand ihn als den Christus bekennte, der sollte in den Bann getan werden. 19,38: Danach bat den Pilatus Joseph von Arimathia, der ein Jünger Jesu war, doch heimlich aus Furcht vor den Juden, daß er den Leichnam Jesu dürfte abnehmen... 20,19: Am Abend aber desselben ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten ein und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!

[lxxvii] Da sprachen die Juden untereinander: Wo will dieser hingehen, daß wir ihn nicht finden werden? Will er zu denen gehen, die in der Zerstreuung unter den Griechen wohnen, und die Griechen lehren? 8,48: Da antworteten die Juden und sprachen zu ihm: Sagen wir nicht recht, daß du ein Samariter bist und hast einen bösen Geist? 11,48: Lassen wir ihn so, dann werden sie alle an ihn glauben, und es werden die Römer kommen und nehmen uns Land und Leute.

[lxxviii] Das Gesetz und die Propheten reichen bis auf Johannes. Von da an wird das Evangelium vom Reich Gottes gepredigt, und jedermann drängt sich mit Gewalt hinein. Es ist aber leichter, daß Himmel und Erde vergehen, als daß ein Tüpfelchen vom Gesetz falle.

[lxxix] Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und  die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels. Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten, welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

[lxxx] Indes lief das Volk herzu und kamen etliche Tausend zusammen, so daß sie sich untereinander traten. Da fing er an und sagte zuerst zu seinen Jüngern: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, welches ist die Heuchelei. Es ist aber nichts verborgen, was nicht offenbar werde, noch heimlich, was man nicht wissen werde. Darum, was ihr in der Finsternis saget, das wird man im Licht hören; was ihr redet ins Ohr in den Kammern, das wird man auf den Dächern ausrufen. 14,14: so bist du selig, denn sie haben's nicht, dir zu vergelten; es wird dir aber vergolten werden in der Auferstehung der Gerechten. Mt.6,16-18: Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer sehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Angesicht, auf daß sie vor den Leuten etwas scheinen mit ihrem Fasten. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber fastest, so salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, auf daß du nicht scheinest vor den Leuten mit deinem Fasten, sondern vor deinem Vater, welcher im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

[lxxxi] ibid S. 68/69

[lxxxii] Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, daß ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von dieser Welt.

[lxxxiii] Diese aber lästern alles, wovon sie nichts wissen; was sie aber von Natur kennen wie die unvernünftigen Tiere, daran verderben sie.

[lxxxiv] ... Davids Platz aber war leer. Und Saul sagte an diesem Tage nichts; denn er dachte: Es ist ihm etwas widerfahren, so daß er nicht rein ist.

[lxxxv] Ihre Oberen sind brüllende Löwen und ihre Richter Wölfe am Abend, die nichts bis zum Morgen übriglassen.

[lxxxvi] die ihr das Recht in Wermut verkehrt und die Gerechtigkeit zu Boden stoßt. 6,12: ... Denn ihr wandelt das Recht in Gift und die Frucht der Gerechtigkeit in Wermut, ...

[lxxxvii] Ich suche nicht meine Ehre; es ist aber einer, der sie sucht und richtet. Jak.4,12: Einer ist Gesetzgeber und Richter, der retten und verdammen kann. Wer aber bist du, der du den andern richtest?

[lxxxviii] Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht auf, der hat schon seinen Richter: Das Wort, welches ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage.

[lxxxix] Und ich will dir wieder Richter geben, wie sie vormals waren, und Ratsherren wie im Anfang. Alsdann wirst du eine Stadt der Gerechtigkeit und eine treue Stadt heißen.

[xc] Der geistliche Mensch aber ergründet (andere Übers.: "richtet") alles und wird doch selber von niemand ergründet.

[xci] Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muß geistlich verstanden sein.

[xcii] Richtet unser Gesetz auch einen Menschen, ehe man ihn verhört hat und erkannt, was er tut?

[xciii] Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe.

[xciv] welcher nicht widerschalt, da er gescholten ward, nicht drohte, da er litt, er stellte es aber dem anheim, der da recht richtet...

[xcv] Mir aber ist's ein Geringes, daß ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Tage; auch richte ich mich selbst nicht. Ich bin mir nichts bewußt, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist's aber, der mich richtet.

[xcvi] Denn was gehen mich die draußen an, daß ich sie sollte richten? Habt ihr nicht, die drinnen sind, zu richten? Gott aber wird, die draußen sind, richten. Tut ihr selbst von euch hinaus, wer da böse ist!

[xcvii] Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du auch bist, der da richtet. Denn worin du den andern richtest, verdammst du dich selbst, weil du ebendasselbe tust, was du richtest. Wir aber wissen, daß Gottes Urteil ist recht über die, so solches tun. Denkst du aber, o Mensch, der du richtest die, so solches tun, und tust auch dasselbe, daß du dem Urteil Gottes entrinnen werdest? Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmütigkeit? Weißt du nicht, daß dich Gottes Güte zur Buße leitet? Du aber nach deinem verstockten und unbußfertigen Herzen häufest dir selbst den Zorn auf den Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes

[xcviii] Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet.

[xcix] Denn da etliche falsche Brüder sich mit eingedrängt hatten und neben eingeschlichen waren, auszukundschaften unsre Freiheit, die wir haben in Christus Jesus, damit sie uns knechteten, wichen wir denselben auch nicht eine Stunde und waren ihnen nicht untertan, damit die Wahrheit des Evangeliums bei euch bestehen bliebe. Offb.14,9-10a: ... So jemand das Tier anbetet und sein Bild und nimmt das Malzeichen an seine Stirn oder an seine Hand, der soll von dem Wein des Zornes Gottes trinken

[c] Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? V.11: Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. V.23: Und ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David. Der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein.

[ci] ... Laß los, die du mit Unrecht gebunden hast, laß ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!

[cii] Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken sollt ihr nicht tun; sie sagen's wohl, und tun's nicht.

[ciii] Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr Land und Meer durchzieht, damit ihr einen Judengenossen (andere Übersetzung: "Genossen") gewinnet; und wenn er's geworden ist, machet ihr aus ihm ein Kind der Hölle, zwiefältig mehr, als ihr seid!

[civ] Da riefen sie zum andern Mal den Menschen, der blind gewesen war, und sprachen zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, daß dieser Mensch ein Sünder ist.

[cv] aber ich kenne euch, daß ihr nicht Gottes Liebe in euch habt.

[cvi]Joh.10,39-40: Da suchten sie abermals ihn zu greifen. Aber er entging ihnen aus ihren Händen und zog hin wieder jenseits des Jordan an den Ort, da Johannes zuvor getauft hatte, und blieb allda.

[cvii] Denket nur nicht, daß ihr bei euch wollt sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Ich sage euch: Gott vermag dem Abraham aus diesen Steinen Kinder zu erwecken. 21,43: Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volke gegeben werden, das seine Früchte bringt. Mk.12,9: Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben.

[cviii] Die ein Ansehen haben wollen nach dem Fleisch, die zwingen euch zur Beschneidung, nur damit sie nicht um des Kreuzes Christi willen verfolgt werden. 2.Kor.11,3: Ich fürchte aber, daß, wie die Schlange Eva verführte mit ihrer List, so auch eure Gedanken verkehrt werden hinweg von der Einfalt und Lauterkeit gegenüber Christus. V.20: Ihr ertraget's, wenn euch jemand zu Knechten macht, wenn euch jemand schindet, wenn euch jemand gefangen nimmt, wenn jemand euch trotzt, wenn euch jemand in das Angesicht schlägt. Röm 6,19b: ... Gleichwie ihr eure Glieder ergeben hattet zum Dienst... von einer Ungerechtigkeit zu der anderen,...

[cix] Und etliche der Pharisäer im Volk sprachen zu ihm: Meister, wehre doch deinen Jüngern!

Joh.1,19: ..., da die Juden zu ihm sandten von Jerusalem Priester und Leviten, daß sie ihn fragten: Wer bist du? V.24,25: Und es kamen, die gesandt waren von den Pharisäern. Die fragten ihn und sprachen zu ihm: Warum taufst du denn... Apg.6,12+13a: Und sie erregten das Volk und die Ältesten und die Schriftgelehrten und traten herzu und griffen ihn und führten ihn vor den Hohen Rat. Und stellten falsche Zeugen auf... 15,5: Da traten auf etliche von der Pharisäer Sekte, die gläubig geworden waren, und sprachen: Man muß sie beschneiden und ihnen gebieten, zu halten das Gesetz des Mose.

[cx] Weh euch Schriftgelehrten! denn ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen. Ihr ginget nicht hinein und wehrtet denen, die hinein wollten. Mt.23,13: Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr das Himmelreich zuschließet vor den Menschen! Ihr gehet nicht hinein, und die hinein wollen, lasset ihr nicht hineingehen. 1.Kor.14,23: Wenn nun die ganze Gemeinde zusammenkäme an einen Ort und redeten alle in Zungen, es kämen aber hinein Unkundige oder Ungläubige, würden sie nicht sagen, ihr wäret von Sinnen?

[cxi] Wie könnt ihr sagen: "Wir sind weise und haben das Gesetz des HERRN bei uns"?

[cxii] Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, zu beten, einer ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand und betete bei sich selbst: Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Ungerechte, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. 1.Joh.1,8-9: Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Untugend.

[cxiii] Die Knechte kamen zu den Hohenpriestern und Pharisäern; und die sprachen zu ihnen: Warum habt ihr ihn nicht gebracht? Die Knechte antworteten: Es hat nie ein Mensch so geredet wie dieser Mensch. Da antworteten ihnen die Pharisäer: Seid ihr auch verführt? Glaubt auch irgendein Oberster oder Pharisäer an ihn?

[cxiv] Typisch dafür auch die pauschale Meinung, nur ältere Personen könnten etwas recht beurteilen (Joh.8,57; 9,33). Zum Thema Respekt gegenüber Älteren siehe 1.Tim.4,12 und 5,1.

[cxv] Moriz Friedländer beschreibt in seinem Buch "Die Religiösen Bewegungen innerhalb des Judentums im Zeitalter Jesu" auf S. 22-77 wie sich die Pharisäer als Beschützer des Volkes Israel gegenüber heidnischen Einflüssen sahen, weswegen sie auch sich zum Judentum bekehren wollenden Heiden mißtraurisch gegenüber standen.

[cxvi] Weh euch, ihr blinden Führer, die ihr sagt: Wenn einer schwört bei dem Tempel, das gilt nicht: wenn aber einer schwört bei dem Gold am Tempel, das bindet. Ihr Narren und Blinden! Was ist größer: das Gold odef oder Tempel, der das Gold heiligt? Oder: Wenn einer schwört bei dem Altar, das gilt nicht: wenn aber einer schwört bei dem Opfer, das darauf ist, das bindet. Ihr Blinden! Was ist größer: das Opfer oder der Altar, der das Opfer heiligt? Darum, wer da schwört bei dem Altar, der schwört bei demselben und bei allem, was darauf ist. Und wer da schwört bei dem Tempel, der schwört bei demselben und bei dem, der darin wohnt. Und wer da schwört bei dem Himmel, der schwört bei dem Thron Gottes und bei dem, der darauf sitzt.

[cxvii] Denn ich gebe euch eine gute Lehre, verlaßt meine Weisung nicht. Pred.5,1-6: Sei nicht schnell mit deinem Munde und laß dein Herz nicht eilen, etwas zu reden vor Gott; denn Gott ist im Himmel und du auf Erden; darum laß deiner Worte wenig sein. Denn wo viel Mühe ist, da kommen Träume, und wo viel Worte sind, da hört man den Toren. Wenn du Gott ein Gelübde tust, so zögere nicht, es zu halten; denn er hat kein Gefallen an den Toren; was du gelobst, das halte. Es ist besser, du gelobst nichts, als daß du nicht hältst, was du gelobst. Laß nicht zu, daß dein Mund dich in Schuld bringe, und sprich vor dem Boten Gottes nicht: es war ein Versehen. Gott könnte zürnen über deine Worte und verderben das Werk deiner Hände. Neh.1,7: Wir haben übel an dir getan, daß wir nicht gehalten haben die Gebote, Befehle und Rechte, die du geboten hast deinem Knecht Mose. Jes.28.12: er, der zu ihnen gesagt hat: "Das ist die Ruhe; schaffet Ruhe den Müden, und das ist die Erquickung!" Aber sie wollten nicht hören. Hes.34,25: Und ich will einen Bund des Friedens mit ihnen schließen und alle bösen Tiere aus dem Lande ausrotten, daß sie sicher in der Steppe wohnen und in den Wäldern schlafen können. Micha 6,8: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Gal.1,6-8: Mich wundert, daß ihr euch so bald abwenden lasset von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium, obwohl es doch kein andres gibt; nur daß etliche da sind, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren. Aber wenn auch wir oder ein Engel vom Himmel euch würde Evangelium predigen anders, als wir euch gepredigt haben, der sei verflucht. Röm 8,4: auf daß die Gerechtigkeit, vom Gesetz gefordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleische wandeln, sondern nach dem Geist.

[cxviii] ...auf des Mose Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer. Joh.8,39: Sie antworteten und sprachen zu ihm: Abraham ist unser Vater. Spricht Jesus zu ihnen: Wenn ihr Abrahams Kinder wäret, so tätet ihr Abrahams Werke. 9,28-29: Da schmähten sie ihn und sprachen: Du bist sein Jünger; wir aber sind des Mose Jünger. Wir wissen, daß Gott mit Mose geredet hat; woher aber dieser ist, wissen wir nicht. Offb.3,9: Siehe, ich werde geben aus des Satans Synagoge, die da sagen, die seien Juden, und sind's nicht, sondern lügen; siehe, ich will sie dazu bringen, daß sie kommen sollen und niederfallen zu deinen Füßen und erkennen, daß ich dich geliebt habe.

[cxix] Denn mit einem Opfer hat er für immer vollendet, die geheiligt werden. Es bezeugt uns das aber auch der heilige Geist. Denn nachdem der Herr gesagt hat (Jer.31,33+34): "Das ist der Bund, den ich ihnen machen will nach diesen Tagen", spricht er: "Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben, und in ihren Sinn will ich es schreiben. und ihrer Sünden und ihrer Ungerechtigkeit will ich nicht mehr gedenken." Wo aber Vergebung der Sünden ist, da geschieht für sie kein Opfer mehr. Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heilige, welchen er uns bereitet hat, als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist durch sein Fleisch, und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes: so lasset uns hinzugehen mit wahrhaftigem Herzen in völligem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leibe mit reinem Wasser. Lasset uns halten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat  V.29: Wieviel ärgere Strafe, meinet ihr, wir der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes unrein achtet, durch welches er doch geheiligt wurde, und den Geist der Gnade schmäht?

[cxx] Amos 5,21: Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.

[cxxi] Mt.23,14: Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, die ihr der Witwen Häuser fresset und verrichtet zum Schein lange Gebete! Darum werdet ihr ein desto schwereres Urteil empfangen. V.25-28: Weh euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, ihr Heuchler, die ihr seid gleichwie die übertünchten Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! So auch ihr: von außen scheinet ihr vor den Mensch fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Übertretung.

[cxxii] Und der Herr sprach: Weil dies Vok mir naht mit seinem Munde und mit seinen Lippen mich ehrt, aber ihr Herz fern von mir ist und sie mich fürchten nur nach Menschgeboten, die man sie lehrt,...

[cxxiii] z.B. Peter Stuhlmacher im bereits erwähnten Buch, S. 64/65

[cxxiv] B. Ramm "Protestant Biblical Interpretation", S. 54

[cxxv] P. Stuhlmacher, im bereits erwähnten Buch, S. 36, S. 71

[cxxvi] ebd. S. 73

[cxxvii] ebd. S. 73

[cxxviii] ebd. S. 72, oben

[cxxix] ebd. S. 60

[cxxx] P. Stuhlmacher fügt auf S. 60 (ebd.) noch hinzu: "Die These Luthers, derzufolge die Schrift die Schrift auslegt, kann nicht ohne eine Anwendung dieser Verallgemeinerungsregeln praktisch umgesetzt werden. Wenn Paulus im Galaterbrief  und Römerbrief nach diesen Regeln Exegeze betreibt, praktiziert er eine exegetische Methode, die von der damaligen Wissenschaft anerkannt war."

[cxxxi] Nicht zu übersehen ist hier die Nähe zum klassischen Sekten-Dogma "Wir sind Gott". Aus welchem Beweggrund heraus wollen wir Kritik üben: Wollen wir die Kirche (Sekte) derer gründen, die so denken, wie wir, oder wollen wir am Reich CHRISTI mitbauen?

[cxxxii] Jede Kritik, die konstruktiv sein soll, muß differenziert und konkret (auf den Punkt gebracht) sein; es muß die zu kritisierende Sache nicht gleich mit dem ganzen Wesen des zu ermahnenden Menschen gleichgestellt werden. Die Aussage: "Du wirst dich nie verändern", z.B, ist nicht konstruktiv, es wird dem Menschen als Ganzes die Möglichkeit einer Wandlung durch die Kraft Gottes abgesprochen. Die Aussage: "Es wäre gut, wenn du dich in diesem Bereich von Gott verändern läßt" ist konstruktiv, weil sie sich auf einen konkreten Bereich bezieht und die Möglichkeit einer Besserung unbedingt voraussetzt.

[cxxxiii] Sie sagen, sie kennen Gott; aber mit den Werken verleugnen sie ihn. Sie sind es, die Gott ein Greuel sind, und gehorchen nicht und sind zu allem guten Werk untüchtig.

[cxxxiv] Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an (andere Übers. "in") meiner Rede, so seid ihr in Wahrheit meine Jünger.

[cxxxv] 5.Mose 30,11-14: Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, daß du sagen müßtest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, daß wir's hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, daß du sagen müßtest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, daß wir's hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, daß du es tust. Mt.11,30: Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

[cxxxvi] Sie binden schwere Bürden und legen sie den Menschen auf den Hals; aber sie selbst wollen sie nicht mit einem Finger anrühren. Gal.6,13: Denn auch sie selbst, die sich beschneiden lassen, halten das Gesetz nicht, sondern sie wollen, daß ihr euch beschneiden lasset, damit sie sich eures Fleisches rühmen können.

[cxxxvii] Du rühmst dich des Gesetzes, und schändest Gott durch Übertretung des Gesetzes? Denn "eurethalben wird Gottes Name gelästert unter den Heiden" wie geschrieben steht (Jes. 52,5).

[cxxxviii] Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmet ihr ihn hin und und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm Wir dürfen niemand töten ("... nach unserem Gesetz", andere Übers.) 1.Tim.1,5-10: Die Hauptsumme aller Unterweisung aber ist Liebe aus reinem Herzen und aus gutem Gewissen und aus ungefärbtem Glauben. Davon sind etliche abgeirrt und haben sich hingewandt zu unnützem Geschwätz, wollen der Schrift Meister sein und verstehen selber nicht, was sie sagen oder was sie so kühnlich behaupten. Wir wissen aber, daß das Gesetz gut ist, wenn es jemand recht braucht und weiß, daß dem Gerechten kein Gesetz gegeben ist, sondern den Ungerechten und Ungehorsamen, den Gottlosen und Sündern, den Unheiligen und Ungeistlichen, den Vatermördern  und Muttermördern, den Totschlägern, den Unzüchtigen, den Knabenschändern, den Menschenhändlern, den Lügnern, den Meineidigen und wenn noch etwas anderes der gesunden Lehre zuwider ist.

[cxxxix] Denn ich habe Lust an der Liebe und nicht am Opfer, an der Erkenntnis Gottes und nicht am Brandopfer.

[cxl] Er antwortete aber und sprach: Habt ihr nicht gelesen, daß, der im Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Weib  V.8: ... Mose hat euch erlaubt, euch zu scheiden von euren Frauen, um eures Herzens Härtigkeit willen; von Anbeginn aber ist's nicht so gewesen.

[cxli] In keinem andern ist das Heil, ist auch kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin wir sollen (andere Übers.: "müssen") selig werden.

[cxlii] in der rum. Übers. auf S. 26

[cxliii] B. Fãrãgãu "Exod 15:22 - 31:18 - Legãmîntul" (= 2.Mose 15,22 - 31,18 - Der Bund),  S. 56

[cxliv] rumänisch: Rãscumpãrare = "Zurück-Kauf"

[cxlv] Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, daß wir sollen verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste und züchtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt

[cxlvi] Wie? Heben wir denn das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf.

[cxlvii] an dem Tag, da Gott das Verborgene der Menschen durch Jesus Christus richten wird, wie es mein Evangelium bezeugt. (Andere Übers.: "... durch Jesus Christus, gemäß meinem Evangelium, richten wird")

[cxlviii] Im bereits erwähnten Werk, Vol.I, S. 224

[cxlix] Wenn wir uns selber richteten, so würden wir nicht gerichtet.

[cl] C.O.Rosenius im bereits erwähnten Werk, Vol.I, S. 227

[cli] Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben, Ehebrecher und Ehebrecherin, weil er mit der Frau seines Nächsten die Ehe gebrochen hat.

[clii] Wenn jemand dabei ergriffen wird, daß er einer Frau beiwohnt, die einen Ehemann hat, so sollen sie beide sterben, der Mann und die Frau, der er beigewohnt hat; so sollst du das Böse aus Israel wegtun.

[cliii] Bernard Ramm, in seinem bereits erwähnten Buch, macht auf den Seiten 43-49 und 119-126 diese Differenzierung zwischen (engl.) "literalism" und "letterism". Eine weitergehendere Übersetzung dieser Begriffe ins Deutsche könnte zu Mißverständnissen führen. Was den "Letterismus" angeht, so spricht man ja zum Glück auch im Deutschen statt von Buchstaben zuweilen von "Lettern". "Literalismus" heißt hier "Sprachorientiertheit", aber dieser Begriff würde nicht genügend Abgrenzung zum "Letterismus" schaffen. Statt also von "Sprachorientiertheit" und "Buchstabenorientiertheit" zu sprechen, freunden wir uns lieber mit zwei neuerfundenen deutschen Wörtern an.

[cliv] B.Ramm zitiert im bereits erwähnten Buch (S. 121/122) Craven: "Literal is not opposed to spiritual but to figurative. Spiritual is an antithesis on the one hand to material and on the other to carnal (in a bad sense). The Literalist... is not one who denies that figuative language, that symbols are used in prophecy, nor does he deny that great spiritual truths are set forth therein; his position is simply, that the prophecies are to be normally interpreted (i.e., according to the received laws of language)..."

[clv] ebd., auf S. 124, schreibt Ramm: "By the "exegetical abuse of Scripture" we mean all interpretation in the history of the church and in the histories of cults which forces strange and unBiblical meanings into Scripture by some form of allegorical interpretation (meaning by the "allegorical" any kind of reading into Scripture secondary or tertiary or even quarternary meanings)".

[clvi] ebd., auf S. 124, schreibt Ramm: "All secondary meanings of documents depend upon the literal stratum of language."

[clvii] ebd.: "Only in the priority of literal exegesis is there control on the exegetical abuse of Scripture."

und auf S. 51: "Literal exegesis gave rise to doctrine, and doctrine was the natural background for allegorization. A close check is hereby put on allegorization for none is permitted that does not root in doctrine established by the literal sense."

[clviii] ebd., S. 125: "To rest one's theology on the secondary strata of meanings is to invite interpretation by imagination. That which supplies the imagination with its content is unfortunately too often non-Biblical ideas of materials."

[clix] ebd., S. 49

[clx] ebd., auf S. 174, schreibt Ramm: "... religious liberalism and neo-orthodoxy have challenged the very existence of systematic theology. Both agree that the Bible contains a medley of contradictory theologies. It was under this belief that there emerged such studies as Pauline theology, Petrine theology, and Johannine theology. Such theologies are even taught in some orthodox schools without a realization of their birth in religious liberalism."

[clxi] ebd., S. 49

[clxii] Siehe Fußnote Nr. 148

[clxiii] ebd., S. 122

[clxiv] ebd., S. 47

[clxv] ebd., S. 47

[clxvi] ebd., S. 47

[clxvii] ebd., S. 48

[clxviii] ebd., auf S. 126, schreibt Ramm: "...some very orthodox people think that verbal inspiration and literal interpretation belong together for to them "literal interpretation" means to take the Bible "as it is". Any kind of interpretation is "tampering with God's Word". Their intention is genuine, but their idea of how Scripture is to be protected is both naive and wrong."

[clxix] ebd., auf S. 119, schreibt Ramm: "To some scholars the word "literal" means "letterism" and this is really what they mean when they say Fundamentalists are literalists."

[clxx] ebd., S. 126

[clxxi] Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.

[clxxii] Ion Asandi, "Farisei", S. 8

[clxxiii] ebd., auf den Seiten 9 und 10

[clxxiv] David J. Hesselgrave und Edward Rommen, "Contextualization",  S. 83

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